Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 32 (24.4.1890)
- Date
- 1890-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Zu der prekären Lage dieser Handwerker ist in jüngster Zeit ein neues Verhängniß, eine mn im wahrsten Sinne des Wortes, gekommen. Die „Alliance israelite“ in Paris und die mit ihr liirte „Anglo Jewish Association“ in London haben vor Jahren in dem Streben, das profane Bildungsniveau der isr. Jugend in der h. Stadt zu heben, eine Schule gegründet, an deren Spitze Herr Niss i m B e h a r als Direktor steht. **) In lobenswerther Fürsorge für die isr. Jugend haben diese Gesellschaften die Unterrichtsanstalt in eine technische Schule erweitert, in welcher die hiezu fähigen Knaben in den verschiedensten Handwerken theoretisch und praktisch in besonders hiezu errichteten Werkstätten in einer Weise ausgebildet werden, daß sie später im Stande sind, als Handwerker selbstständig ihr Brot zu verdienen. Die Schule bildet Schneider, Schuhmacher, Blcchschmiede, Tischler und Schreiner, Drechsler, Schmiede, Schlosser, Bildhauer in Holz, Stein und Perlmutter, Mechaniker und Kupferschmiede aus. Es ist selbstverständlich, daß die technische Schule jährlich einen enormen Kostenaufwand verlangt und große Opfer erheischt. Um diese Ausgaben zum Theil oder ganz einzubringen, hat der Direktor Behar, ob mit Wissen und Uebereinstimmung der beiden obenbezeichneten Gesellschaften ist uns nicht bekannt, ein Handelssystem eingeführt, das nicht nur der Anstalt unwürdig, sondern auch das schreiendste Unrecht gegen die isr. Handwerker Jerusalems ist. Er verkauft die in den Werkstätten verfertigten Waaren zuSchleuderpreisen, 20, 30, ja 50o/o billiger als die isr. Handwerker, welche selbst für ihre Nah- **) In neuester Zeit hat der Directvr einen Schritt unternommen, der, wir befürchten es, verhängnißvoll werden könnte. Er hat nämlich die hebräische Sprache zur Unterrichtssprache erhoben. Man mißverstehe uns nicht; Niemand kann wie wir mehr Freude darüber haben, wenn unsere heilige Sprache gehoben wird; allein wir besorgen, daß die zur Ueberwindung der damit verbundenen großen Schwierigkeiten nothwendige Zeit in dieser Anstalt, die mit Unterrichtsfächern und Sprachen an und für sich schon überbürdet ist, (der Unterricht in Sprachen umfaßt allein das Arabische, Türkische, Französische und Deutsche) am eigentlichen hebräischen Unterricht abgezogen und dieser nichts mehr in der früheren Ausdehnung ertheilt werde. Wir bringen daher diesem ^Schritte der Schule nicht den großen Enthusiasmus entgegen, welcher in anderen jüdischen Blättern zum Ausdruck gekommen ist. Wir waren und sind der festen Ansicht, daß hauptsächlich und insbesondere C’^VTO 'n "an min N»n |l’5JID O von „Zion aus die Thora ausgehe und das Wort Gottes von Jerusalem", das eigentliche Thorastudium also, d. h. das Eingehen in den Geist der s Thora der Hauptunterrichtsgegenstand dieser Schule sein muß, I die Sprache aber erst in zweiter Linie rangirt. rung und Wohnung sorgen müssen, sie liefern können und unterbindet somit den kärglichen Lebensunterhalt dieser armen Familienväter; in seiner Hast nach Gewinn ließ er sogar einer katholischen Gesellschaft 1000 Kruzifixe unter dem gewöhnlichen Marktpreise anfertigen. Sein Handelsgeist ist soweit ausgebildet, daß er Stadtreisende engagirt hat, die überall die von der Allianceschule angefertigten G egenftände anbieten und verkaufen — und dieser Herr — das über! ege man doch — ist Direktor einer Erziehungsanstalt! Die armen isr. Handwerker, die durch dieses Gebühren am Hungertuche nagen, haben bereits alle Mittel und Wege ergriffen, um diese Calamität zu beseitigen. Sie haben ihre Beschwerden an das Centralcomite der „All. isr." in Paris und an das Executiv-Comite der „Angl. Jew. Assoc." in London gerichtet, haben einen Deputirten nach Paris und London geschickt, der ihre traurige Lage ausführlich schilderte, und was war das Resultat? Das Executiv - Eomite in London hat den Wunsch ausgesprochen, daß Waaren, welche in dieser Schule producirt werden, nicht zum Nachtheil der Local-Jndustrie verkauft werden mögen. Aber warum hat das Eomite nur Wünsche, warum hat es nicht den stricten Befehl ergehen lassen, daß diesem himmelschreienden Mißbrauch Einhalt gcthan werde? Sind cs doch diese beiden Gesellschaften, welche diese Schulen mit großen Summen unterstützen! Wo bleibt da die sonst bei den Engländern gerühmte Energie? Dabei haben der bekannte Philantrop Chaim Gedaljah in London, die jüdischen Zeitungen „Jewish World" in London und „Ehawazeleth" in Jerusalem wiederholt ihre mahnenden Stimmen in dieser dringenden und drängenden Angelegenheit hören lassen — aber alles umsonst; es blieb beim Alten. Wollen wir die Mitschuld an dem Untergange dieser Handwerkcrfamilien nicht auf uns laden, so müssen auch wir unsere Stimme gegen diesen unerhörten Mißbrauch erheben und zwar so lange, bis wir, unterstützt von der öffentlichen Meinung, bewirkt haben, daß mit diesem verkehrten und verderblichen Systeme tabula rasa gemacht wird. Entgegne man uns nicht mit dem Worte „Concurrenz". Wir wiffen wohl, daß eine berechtigte Concurrenz erlaubt und jeder Kaufmann und Handwerker diese sich gefallen lassen muß, und wenn es in unserm Falle sich nur um eine solche handelte, wenn Herr Behar die Kosten seiner Schule aus eigenen