Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 32 (24.4.1890)
- Date
- 1890-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M SÄ. XXXI. Jahrgang. Israelit... Jcschunin. Zeitslhrifl Dl Förderilllg liitz. Gellles Mil jliki. Lebeils iu Mus. Gmeiilde und Schule. Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Br. Lehmann in Mainz. Donner ft ag, den 24 April 5650 (1890). Leitender Artikel. Z>ie Wotßlage der jüd. KandwerKer und die Assianceschule in Jerusalem. Mainz, 23. April. ..->PNL nj.D Ni” iv üipss'N tb n^-n' rwn« n? si'L }vui> Wir Kinder des vielgeschäftigen Abendlandes haben uns den Strom des Lebens im Orient langsamer fließend zu denken als bei uns. Von den bedeutenden Fortschritten, die unser Jahrhundert auf den Gebieten des Handels u«dBerkchrs,,der Wissenschaft und Wohlfahrtseinrichtungen dtr menschlichen Gesellschaft geboten hat, ist im heiligen Lande noch sehr wenig zu merken. Es herrschen daselbst noch die ungeordnetsten Zustände, und die primitivsten Verkehrswege fehlen; sind doch nicht einmal die zwei Hauptplätze des Landes, Jerusalem und Jaffa, durch eine nach europäischen Begriffen gute Fahrstraße verbunden. Daß da nur von einem geringfügigen Handel und von einer Industrie in unserem Sinne, mit complicirten maschinellen Einrichtungen, Hochöfen und Motoren gar nicht die Rede sein kann, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Die Bevölkerung steht im großen Ganzen auf einer niedrigen Stufe der Civilisation, die gepaart mit einer allgemein herrschenden Armuth eine für uns kaum glaubliche Bedürfnißlosigkeit derselben zur Folge hat. Es ist selbstverständlich, daß der Beduine beispielsweise keine feinen Schuhe gebraucht; aber auch der Einwohner der Stadt Jerusalem kann solche nicht benützen, weil sie dem in den Straßen sich befindlichen hohen Staub und Schmutz gegenüber, von welchem diese nur dann und wann, bei einem etwaigen Besuche eines europäischen Fürsten oder Prinzen befreit werden, nicht hinreichenden Widerstand zu leisten vermöchten. Diese traurigen Verhältnisse werden erst dann einer allgemeinen besseren Situation Platz machen, wenn das Innere des Landes durch gute Straßen und Eisenbahnen erschlossen der civilisirten Welt nähergebracht und durch eine starke Regierung die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums gewährleistet sind. Viele Erwerbszweige, leichte und schwere, die aber den bestehenden Verhältnissen gemäß nicht fabrikmäßig betrieben werden können, liegen in Jerusalem in den Händen dex^Jvden^ Hunderte von jüdischen Havdwerk-kfasMm stntz Mh bemüht, im Schweiße ihres Angesichtes von ihrer Hände Arbeit sich selbstständig zu ernähren, indem sie, wie es in den Klageliedern heißt: „ihr Leben für ihr Brod einsetzen"; allein gar oft ist dies ganz nutzlos, weil eben der Mangel an Bedarf ihnen keine hinreichende Beschäftigung bietet. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn diese Handwerker, bei allem guten Willen und großen Fleiß, zumal bei den in dieser Stadt Herrschenden außergewöhnlich hohen Miethpreisen, nicht immer ihr kärgliches tägliches Brot verdienen und darum gezwungen sind, die Unterstützung ihrer wohlthätigen Glaubensgenossen des Auslandes durch die sogenannte „Chaluka" *) in Anspruch zu nehmen, um damit einen Beitrag zur Bestreitung ihres Miethzinses zu erlangen. *) Jeder über palästinensiche Angelegenheiten objectiv Denkende und Urtheiiende wird mit uns übereinstimmen, daß diese so oft in Wort und Schrift verschriene „Chaluka" für diese Handwerkerfamilien eine unbedingte Nothwendigkeit zur Fristuug ihres Lebens ist, insolange die gegenwärtigen Verhältnisse andauern. Daß bei der „Chaluka" Kranke, Wittwen und Waisen und insbesondere Talmide Chachamim einen größeren Antheil erhalten, ist selbstverständlich und den Absichten der Spender entsprechend.