Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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543 selbe geworfen, als sie die Handschrift erkannte und die furchtbare Erregung ihres Gatten verstand. Doch von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, that sic das Gegentheil von dem, was er ihr geheißen, statt eS fortziischlendern, zog sie hastig das znsammengefaltete Blatt ans dem bereits geöffneten Eonvert. „Nicht! nicht!" stammelte Bärwald nocheinmal, doch sie achtete nicht daraus, rasch entfaltete sie den Brief und begann zu lesen, während sein starrer Blick an ihr hing. Plötzlich entstürzten Thränen ihren Augen, mit ansgebreiteten Armen eilte sie ans ihren Manu zu und umschlang ihn. „Er bereut!" rief sie laut schluchzend, „er bereut sein ganzes Leben! — er erfleht Deine Verzeihung — nimmer wird er den Sabbat entweihen." Da entstürzte auch seinen Angen ein Strom von Thränen. „Gelobt sei Gott!" rief er die Hände cmporhebeud, „gelobt sei Er, der mich dies Stunde hat erleben lassen — gelobt sei Er, der meinen Sohn den Weg der Rückkehr hat finden lassen! — o, o! — jetzt will ich gern in Noth und Elend leben, da ich weiß, daß mein Sohn bereut — da ich weiß, daß mein Sohn in Gottes Wegen wandeln will — gelobt sei Gott! — gelobt sei Gott! — der meinem Sohn verzeihen wolle, luic ich ihm aus vollem Herzen verzeihe." Seine Frau hielt ihn umschlungen, er weinte noch lange an ihrer Brust. Doch als seine Thräitnr endlich versiegt und er nun den Blick zu ihr hob, da umspielte ein glückliches Lächeln seine Lippen. „Wo hast Du ihn?" fragte er, „wo?" Sic reichte ihm den Brief, er drückte ihn an seine Lippen, dann erst versuchte er ihn zu lesen, aber er vermochte es nicht so bald, denn so oft er cs versuchte, füllten seine Augen sich auf's neue mit Thränen. Erft nach mehreren Stunden war er im Staude das Schreiben zu lesen, und er las: „Mein Vater! — mein Vater! mein so oft, so schwer von mir gekränkter Vater! — O, könnte meine Stimme über den Ocean dringen an Dein Ohr! — könnten Deine Augen schauen in mein von Rene zerrissenes Herz, das mit all' seinen Pulsen sehnsuchtsvoll Dir entgegenschlägt — dann wäre ich sicher, daß Du mein Flehen erhören, daß Du Deinem reuigen Sohne Verzeihung gewähren würdest — Verzeihung, mein Vater! Verzeihung! — Zwar, wenn ich zurückblicke auf mein verfehltes Leben — wenn ich mir vergegenwärtige all' den Kummer, den ich Dir bereitet — wenn ich bedenke, daß ich als ehrloser Dieb meinen Vater bestohlen — daß ich vielleicht gar Armuth und Noth über meinen Vater gebracht — dann ist cs mir, als könnte nicht einmal die alles verzeihende Vaterliebe solch furchtbaren Frevel verzeihen — und wilde Verzweiflung erfüllt mein Sein. — Und dennoch vermag ich der Hoffnung nicht zu entsagen, daß auch mein schwcrbeleidigter Vater mir verzeihen wird, wenn ich schwöre bei dem ewigen Seelenheil meiner Mutter, deren himmlischer Friede durch die Verbrechen ihres unglücklichen Sohnes nimmer wieder gestört werden soll, daß ich bereue, daß ich ernst bereue, alles, was ich gefehlt, was ich verbrochen — und daß ich gelobt habe, fortan alle Satzungen unserer heiligen Religion strengstens zu beobachten, und auch nicht um des größten Gewinnes willen den Sabbat durch eine verbotene Thätigkeit zu entweiheu — dann glaube ich auf meines Vaters Verzeihung hoffen zu dürfen — dann hoffe ich darauf mit Zuversicht. — O, mein Vater! mein Vater! könntest Du doch schauen in mein Herz, wie es erfüllt ist von Scham und von Nene — wie es durchdrungen ist nur von dem einen Wunsch, durch mein ganzes ferneres Leben zu sühnen, was ich verbrochen — durch mein ganzes Leben mich Deiner Verzeihung würdig zu machen. Ich habe Gottes Waltnng kennen gelernt und schwer lastet Gottes strafende Hand auf mir, denn ich habe schwer gesündigt gegen Ihn. — Darum will ich ohne Murren ertragen, was Seine strafende Vaterhand mir auferlegt, vielleicht gelingt es mir, auch Ihn dereinst zu versöhnen. O, könnte ich Dir, mein Vater, wenigstens znrückgeben, was ich Dir zuletzt geraubt — aber das, was ich Dir geraubt, ist auch mir geraubt worden — vollständig mittellos habe ich die neue Welt erreicht, durch harte Arbeit friste ich mein elendes Dasein. — Doch nicht um meinetwillen beklage ich, daß ich meinen Raub verloren — doch daß ich Dir Dein Eigcnthum nicht zurückerstatten kann — o, mein Vater! mein Vater! — glaube es mir — das belastet mit furchtbarer Schwere mein ohnehin so schwer belastetes Gewissen. — Doch ich habe mir geschworen, nicht zu ruhen und nicht zu rasten bis es mir gelungen sein wird, wieder zu erwerben, was ich Dir geraubt und bevor ich es Dir zurückerstattet haben werde, werde ich es nicht wagen, vor Deinem Angesichte zu erscheinen. — Willst Du jedoch, mein Vater, in Deiner unendlichen Güte Deinem elenden Sohn die furchtbare Last, die ihn drückt, erleichtern — o, so gewähre mir die Gnade und lasse in den „Newyork Hcrald" die zwei Worte einrücken: Ich verzeihe. — Dann werden die Schwielen an meinen Händen weniger schmerzen, dann wird die ungewohnte Arbeit mir leichter von statten gehen, dann wird vielleicht der allbarmher-