Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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541 Sitz zu Sofia. Er muß bulgarischer Unterthan sein, darf bei seiner Ernennung das 45. Lebensjahr nicht überschritten haben und muß im Besitz eines Diploms seitens eines Rabbinerseminars oder einer Rabbinerschule sein. Außerdem muß er der bulgarischen Sprache mächtig sein, oder doch mindestens zwei andere slavische Sprachen in Wort und Schrift vollständig beherrschen. Er ist der Vermittler zwischen dem Cultusmtnisterium und den israelitischen Gemeinden in Betreff aller religiösen Angelegenheiten der Juden. Er ist das religiöse und geistliche Oberhaupt aller in Bulgarien lebenden Juden. Alle Synagogen, alle Gemeindevorstände, alle Cultusbeamte stehen unter seinem Befehle. Der Staat richtet ihm eine Kanzlei ein, welche aus zwei Sekretären — einen für administrative und einen für religiöse Angelegenheiten — zwei Schreibern und einem Kanzleidiener besteht. Es werden drei Konsistorien errichtet: in Sofia, Philippopel und Rustschuk. Diese Konsistorien sind die vollziehenden Organe des Großrabbiners und regieren die Gemeinden in seinem Namen. Die Konfistorialrabbiner müssen ein Qualificationszeugniß von dem Großrabbiner aufweisen können, sie werden, ebenso wie die weltlichen Mitglieder der Consistorien auf Vorschlag des Großrabbiners von der Regierung ernannt. Die von den Gemeindemitgliedern zu zahlenden Abgaben werden von den Konsistorien festgesetzt und von dem Großrabbiner bestätigt. Das ist im Wesentlichen der Inhalt der neuen Organisation, mit welcher die Bulgarischen Juden beglückt sind. Diese Verfassung läßt Alles weit hinter sich was bis jetzt in Europa an Vergewaltigung der Gemeinden geleistet worden ist. Frankreich. Paris- In Jersey, wo bekanntlich B o ulanger seit Monaten sich aufhält, hat am 7. d. eine Parteiconferenz stattgefunden, bei welcher es sich um die Aufstellung der boulangiftischen Candidaten für die Pariser Gemeinderathswahlen handelte. Auf Veranlassung von Boulanger wurden die Antisemiten von dieser Candidatur ausgeschlossen. DerDeputirte Laur machte dagegen heftige Opposition; Boulanger aber erwiderte ihm: Sie , Herr Laur, gehören wohl zu meinen treuesten Anhängern; da Sie aber den Antisemiten das Wort reden, so erkläre ich Ihnen, daß ich mich von Drumont und seinem antisemitischen Programme feierlich lossage, Sie haben nun zu wählen, ob Sie mit mir oder mit Drumont gehen wollen. Herr Laur wählte ersteres. Nizza. Schon lange besteht in unserem weltberühmten Luftcurort das Bedürfniß nach einem israelitischen Asyl. Jährlich kommen Hunderte unserer Glaubensgenossen hierher, um für ihre Leiden in unserem herrlichen Elima Genesung zu suchen, ohne daß ihnen infolge ihrer geringen Mittel, die nöthige Sorgfalt und Pflege gewidmet wird, welche die Andersgläubigen in ihren rallerdings nur für ihre Glaubensbrüder bestimm en Spitälern finden. Mit Rücksicht darauf hat ein edler Glaubensgenosse, der ungenannt bleiben will, bei einem unserer ersten Bankhäuser ein Capital von Frcs.100,000 zur Verfügung des Herrn Pollonais, Bürgermeister von Ville franche und Präsident der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Gründung eines internationalen israel. Asyles in unserer Stadt deponirt. Zufolge amtlicher Mittheilung kann das provisorische Comittz nicht früher zur Realisirung dieses Projektes schreiten, bis es in den Besitz eines Capitals von Frcs. 300,000 ist. — Es ergeht hiermit an unsere wohlthätigen Glaubensgenossen die Bitte, uns durch Beiträge zu unterstützen, damit das edle Werk recht bald begonnen werden könne. — Gaben und Subscriptionen bittet man an Herrn N. Pollonais, maire de Villefranche (A. M.) und au Herrn Rabbiner H. Meis in Nizza zu richten. England. London, im April. Man schreibt der „Oesterreichischen Wochenschrift": Nachrichten, welche aus Coustantinopel hicher eiulaugen, haben in hiesigen jüdischen Kreisen nicht geringe Aufregung hervorgerufen. Der Bericht aus Coustantinopel über den scheußlichen Menschenhandel mit armen jüdischen Mädchen aus Galizien, welche von ihrer Heimath weggelockt, unter allerlei Vorspiegelungen nach dem Orient verschachert werden, haben hier allgemeinen Unwillen erregt. Die Behandlung, welche die jüdischen Mädchen in Coustantinopel erfahren, ist geradezu unmenschlich, cs ist das Sclavenleben schlimmster Erwartung, welches sie führen. Damit sie nicht aus dem Hanse gehen und sich eventuell flüchten, ist es diesen Mädchen nicht gestattet, Kleider zu tragen und müssen dieselben nackt umhergehen. Die Damen der Familien Rothschild in London nehmen warmen Antheil an dem Geschicke dieser unglücklichen Sklavinnen und wandten sich um Hilfe und Intervention an den Gesandten der Vereinigten Staaten von Nordamerika Sr. Excellenz Herrn Salomon Hirsch, welcher mit dem Oesterreichischen Botschafter Baron de Calice und dem österreichischen Generalconsul Grafen Quassi darüber conferirte. Hoffentlich gelingt es den vereinten Be-