Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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539 Die ungemein starke Betheiligung an dem Leichenbegängnis;, wie sie Mainz seit Jahren nicht gesehen, die innige Theilnahme, die sich auf den Gesichtern aller Theilnehmer ausdrückte, die Thränen, die über die Wangen selbst greiser Männer rollten, legten ein lautes Zeug»iß ab, daß alle empfanden und es tief fühlten, daß nicht nur ein bedeutender, daß auch ein edler Mensch dahingegangen, daß nicht nur die Familie, daß die Gesammtheit einen schweren Verlust erlitten. Das aber möge der trauernden Wittwe, die so treu ihm sein Leben hindurch zur Seite gestanden und sein Daus zu einem gemüthlichen Heim geschaffen und den Hinterbliebenen Kindern zum größten Tröste dienen, denn nom '»an o':n nix. Zeitungsnachrichten und Correspondenzerr. Deutschland. Gießen, 11. April. Bei der heute stattgefnndenen Stichwahl zum Reichstag siegte der Antisemit Pickend ach; im neuen Reichstag werden somit fünf Antisemiten Sitz haben. Ans Oberhefsen, 8. April. Professor Dr. Edmund Stengel in Marburg veröffentlichte ein Flugblatt, das einen weiteren schützenswerthen Beitrag zur Charakterisirnng des Herrn Wilhelm Pickeubach, des antisemitischen Reichstagsabgeordneten für Gießen, enthält. Dasselbe lautet: „Herr Wilhelm Pickenbach, der zur Zeit in Gießen für den Reichstag kandidirt, geberdet sich sehr entrüstet über die Aufdeckung seiner persönlichen Beziehungen in Berlin. Ohne ein Freund des persönlichen Kampfes zu sein, halte ich mich nun doch für verpflichtet, auch eine Thatsache zu erwähnen , welche geeignet ist, die Fähigkeiten des Herrn Pickenbach zur Bekämpfung des Wuchers in das gehörige Licht zu setzen. Herr Pickenbach hat einem älteren Herrn, Dr. Z. in Berlin, vor einiger Zeit ein Darlehen aus Hypothek von einem Herrn G. vermittelt. Herr G. erhielt eine Hypothek aus 5000 Mark, dafür wurden aber nur 4000 Mark baar gegeben, das Uebrige (1000 Mark) wurde Herrn Dr. Z. als „Vergütung für den Darleiher" abgezogen. Aber auch diese 4000 Mark kamen nicht in die Hand des Herrn Dr. Z., sondern Herr Pickenbach bat sich hiervon 1500 Mark leihweise für sich aus und gab Herrn Dr. Z. nur 2500 Mark. Für die 1500 Mark stellte Herr Pickenbach Herrn Dr. Z. Wechsel aus, wovon er 650 Mark später einlöste, die weiteren 850 Mark aber überhaupt nicht bezahlte, sondern sie auf Anfordern des Herrn Dr. Z. in den letzten Monaten mit dem Vorgeben zu zahlen verweigerte, daß er die 850 Mark als Provision beanspruche, weil er Herrn Dr. Z. mit dem Geldgeber G. bekannt gemacht habe. Das Bekcnntniß dieses Sachverhaltes, wonach Herr Dr. Z. also für seine Hypothek von 5000 Mark nur 3150 Mark erhalten hat, wobei noch zu beachten ist, daß Herr Dr. Z. sich in einer Nothlage befand, geht deutlich hervor aus folgendem mir im Originale vorliegenden Brief, den Herrn W. Pickeubach an Herrn Dr. Z.: „Berlin W., den 30. October 1889. Geehrter Herr l Es ist mir überaus peinlich, daß Sie annehmen, ich sei Ihr Schuldner. Wie Sie sich erinnern werden, gab Herr G. damals gegen 5000 M. Hypothek 4000 M. baar und erhielten Sie davon 2500 und ich 1500 M. Von diesen 1500 M. zahlte ich zurück 650 M., so daß noch 850 M. blieben. Nun ist mir aber bekannt, daß Sie dauernd mit Herrn G. Geschäfte gemacht haben. Für Nachweis des Geldgebers konnte ich aber eine Provision beanspruchen. Ich glaube wohl, daß Sie mir in meiner bedrängten Lage als Vergütung für den Nachweis meine Schuld (von 850 M.) erlassen und mir den Wechsel, der noch in Ihren Händen, gütigst zurücksenden. Sie werden sicher diesen meinen Wunsch erfüllen, wenn Sie bedenken, welche großen Nachtheile ich hatte durch öffentliches Ausbieten jener Wechsel. Wir hatten ausdrücklich ausgemacht, daß Sie diese Wechsel nicht ausgeben sollten. Wohl von der Noth gedrängt, hatten Sie dieselben aber fortgegeben, und wurde noch vor Fülligkeit in öffentlichen Versammlungen damit nicht nur Mißbrauch getrieben, nein, auch ich wurde in der Presse des Wuchers bezichtet. Mein Kredit wurde völlig dadurch vernichtet, Abschlüsse, die bevorstanden und mir großen Gewinn gebracht hätten, unmöglich gemacht. Mit vorzüglicher Hochachtung Wilhelm Pickenbach, Krausenstraße 52, Hof 21\2 Treppe." Der Mann, der in diesem Briefe selbst eingesteht, daß er einem von Noth gedrängten Geldbedürftigen auf 5000 M. Hypothek 4000 M. verschafft und ihni nochmals 850 M. abgezogen habe, empfiehlt sich nun dem Wahlkreise Gießen als Spezialist für die Bekämpfung des Wuchers. Marburg, den 6. April 1890. Dr. Edmund Stengel, Professor. Bcrliu. Die von M. H a l l e gegründete Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen hielt am 31.