Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 29-30 (16.4.1890)
- Date
- 1890-04-16
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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LBUBJJWJJ «JUII t »piVÄt-ilW,-,-IPI^A 1 " 535 Es kann auch geistige Höllenmaschinen n in Thomas geben. Ein Dämon, der weder teutonisch noch phönizisch ist, füllt geräuschlos arbeitende Netze, die zu nnbestimmbarcr Zeit mit ihren Erplosionsstoffeu verheerend ansbrechen können. Das wollten Sie nicht, das können Sie nicht gewollt haben. Warum aber wollen Sie nicht offen eine Uebereilung erkennen und suchten in Ihrer Antwort mit einem verschämten Satze darüber weg zu kommen? Sic haben mir Ihre Antwort gesendet, ich glaubte, mir und Ihnen diese Antwort schuldig zu sein. Zum Schlüsse nur noch eine Erinnerung. In den nächsten Tagen wird an die gesammte gebildete Welt ein Aufruf ergehen zu einem Denkmal für Spinoza. Wie? Muffen Sie nicht einen teutonischen Widerspruch empfinden, daß man auf germanischem Boden ein Denkmal setze dem Phönizier, der noch dazu die von Ihnen als Erniedrigung ge-- brandmarkte Besonderheit hatte, durch einen Nebenerwerb, durch Glasschleifen, sich Lebensunterhalt zu verschaffen? „Betteln und Hausiren ist hier verboten." Harmlose Plauderei über ein harmvolles 'Nein, meine Liebe! leider nein. Diese Fälle kommen viel, viel öfters vor, als Tu es Dir träumen läßt. Hier in gedrängter Kürze einige Notizen über ähnliche Fälle aus ungefähr derselben Zeit. Frau R., 20 Jahre verheirathet in guten Verhältnissen mit einem Mehlhändler, dann 7 Jahre Wittwe, zum zweitenmal verheirathet mit eiirem Eigarrenmacher, vom Manne verlassen, ernährt sich und Kind mit Hausircn in Leipzig, wird krank und schwach und kommt wegen hochgradiger Blutarnruth, die sie viele Wochen lang an's Bett fesseln sollte, mit einem wirklich prächtigen 2jährigen Mädchen, das bald der Liebling des Hauses wurde, in's Hospital. - Nach mehrmouatlichcm Aufenthalte entlassen, - versucht sie zn hausircn, nach kurzer Zeit zu schlvach dazu.^ Treffe sie nach einigen Wochen bettelnd mit dem Kinde auf den: Arm. Was bleibt ihr auch anders übrig? Sollte sie sich an das Armenamt wenden, um nach vielleicht einmaliger Unterstützung, damit sie der Stadt nicht zur Last falle, von der Polizei ausgewiesen und vielleicht per Schub in ihre erste Heimath transportirt zu werden, die sie, jetzt noch krank und schwach, nach wochenlaugem Schubtrauspori noch viel kränker und elender, wenn überhaupt je erreichen würde? Beruhige Dich übrigens, mildherzige Leserin. Sie fiel nicht der Polizei in die Hände, sie bettelte ruhig weiter und hatte cs allmählich so weit gebracht, sich zur Hausirerin wiederum emporzuschwingen. Ich traf sic neulich, viel gesünder und kräftiger, in dieser glücklichen Metamorphose begriffen. Nicht wahr. Tu kaufst ihr auch etwas ab, wenn sie mit Nähnadeln und Stecknadeln und Besatzlitze zu Dir kommt? Du thust es schon dem prächtigen Blondkopfe zn lieb auf ihrem Arme! ' j Familie U. ernährt sich sehr'gut in Erfurt. -- Mann | Reisender für Uhrengeschäft - fallirt zieht nach Antwerpen, hausirt, wegen mangelnder Sprachkenniniß nicht reüssirt. - Auf Suche nach Unterkommen erkrankt die Frau unterwegs und kommt, f ch w er k r a n k und bettelnd, mit ^monatlichem Kinde an der Brust, hier an. — Ter sehr fähige Mann wird inzwischen auf der Suche nach einer Stelle und fast im Besitze derselben, wegen Bettelns eingesteckt und soll nach Rußland abgeschoben werden. — Die Frau kommt endlich mit ihrem Kinde in's Hospital — bis dahin mußte sie, krank und elend, betteln gehen. Hättest Tu es Dir verziehen, wenn sie mit ihrem winzigen, lächerlich winzigen Kinde an der Brust, auch zu Dir gekommen wäre, und das Placat hätte sie weggescheucht aus Deinem Hause? Thema von Markus Hirsch i Frankfurt a. M.» (Fortsetzung.) D. Mann und Frau - U Jahre in Berlin reichlich ernährt Gelbgießer trotz ausgezeichneter Zeugnisse des Fabrikanten ansgewiesen. Nach langen Irrfahrten Unterkunft in Tffenbach. - Hausirt erkrankt an Wassersucht, - im Hospital schweres, eonsekutives Hirnleiden nach Entlassung zu schwach, weiter zu hausiren. Frau blularm und schlvach, was bleibt ihr während der Krankheit des Mannes anders übrig, - als zu betteln? Was bleibt den beiden fleißigen, ans guter Earrwrc herausgerisfenen, von Krankheit hcimgesuchtcn Leuten schließlich anderes übrig, — als sich bei gutherzigen Menschen ab und zu einen Lbolus zu suchen, als zu betteln? - H älten sie sich an die T r t s b e h ö r d e g c lv a n d t, sie iv ä r e n s o f o r t w e i t e r a u s g c lv i e s e n Word e n. D. Vor 0 Jahren im Hospitale wegen Luugenkraukheit, inzlvischen volkommen erblind'et war in einem thüringischen Armenhause kommt mit schwerem Lungenkararrh hier in's Hospital entlassen, geht auf Suche nach Unterkunft nach Dietz, lvo sein elfjähriger Sohn im Waisenhause uutergebracht ist, kommt schwerkrank zurück und stirbt nach jammervollen Leiden ca. 3 Wochen später in einem anderen Hospitale. Wovon anders als vom Bettel konnte der arme, kranke, blinde Mann leben zlvischen den beiden Hospitalaufenthalren? Frau Sp., blasse, abgezehrte Frau, kommt wochenlang hustend - und bettelnd, mit einem Kinde an der Brust, bis sie endlich Aufnahme und Besserling im Hospitale finden konnte. — Das erste, was im Hospitale geschah, war, das Kind von der kranken Brust zu nehmen. Früher war das nicht möglich. Der Mann suchte auswärts nach Brod. Als sie es für sich und den Säugling zu schaffen hatte, konnte sie cs anders, als bettelnd finden? Hättest Du es nicht bereut, wenn Deine Dienstboten, Deinem Plakate folgend, sie wcggewiesen hätten von Deiner Thüre? Ich könnte die Fälle noch verzehnfachen. Doch genug des Jammers! „Ich hatte mir immer gedacht, durch die bestehenden Wohlthätigkeitsvercine, könnten solch' schreckliche Fälle gar nicht mehr Vorkommen. Tie Privatwoblthäligkeit sei eigentlich überflüssig, wenn nicht schädlich, wurde mir oft gesagt, sie ziehe den Bettel groß, Betteln sei ein Laster, ein Verbrechen. Ich habe deßhalb meinen Vcrcinsbcitrag in diesem Jahre noch verdoppelt und habe in meinen Kreisen auch in ähnlichem Sinne gewirkt." Daran hast Du auch Recht gethan, meine Liebe, und fern sei es von mir, die so wohlthätigen Bestrebungen dieser Vereine irgendwie verkennen oder gar verkleinern zu wollen