Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 29-30 (16.4.1890)
- Date
- 1890-04-16
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich harte und habe die Zuversicht, daß die besten Männer des Vaterlandes die Schmach einer solchen Kundgebung, wie die Ihre empfinden und von sich weisen. Nun erhalte ich mit Ihrer Handschrist Ihre „Antwort an den Lesevercin der deutschen Studenten in Wien" unter der Adresse: „An den Deutschen Dichter Berthold Auerbach in Berlin. Vom Verfasser." Es ist eine eigenthümliche Art vieler Desterreicher, uns vor den Augen des Briefträgers einen besonderen Ehrentitel zu geben, und Sie, als cingewanderter Preuße, haben diese Sitte sich ungeeignet. In dieser Zusendung sehe ich nun Berechtigung wie Verpflichtung, ein offenes Wort über Ihre Auslassungen gegen die Juden im Allgemeinen und die jüdischen Studenten Wiens insbesondere an Sie zu richten. Wenn Richard Wagner vom Hause Wahnfried Unzulänglichkeiten künstlerischen Schaffens durch Theoreme zu verwischen und durch Zertrümmerung Anderer zu heben sucht, wenn er in der Gereiztheit des Verfolgungswahnes (und es drängen sich doch verachtungswürdige Juden genug an ihn) das Judenthum für das verantwortlich macht, was ihm in der Eoillposition von Meyerbccr und Mendelssohn als widerstrebend und seiner allein scligmachcndcn Unfehlbarkeit cntgcgcnwirkend erscheint, so läßt sich mit dem in sich befriedigten Wahn nicht wohl streiten. Sic aber betonen, daß Ihr Buch „nach wissenschaftlicher Methode" aufgebaut fei. Sie rufen nicht ohne rhetorischen Aufputz, „Imanuel Kant, den Kaiser unseres nationalen idealen Deutschlands" an und stellen sich hiermit selber vor die zuständige Gerichtsbarkeit der Logik. Es war noch im September, daß ich im schönen Aussce Helle Morgenstunden und einen heitern Mittag in Gesellschaft von Phöniziern mit Ihnen erlebte. Sie hatten schon damals «Ihre Vorrede datirt vom Dctober) die scharfen Pfeile im Köcher. - - Es ist nicht germanisch, sich als Gastfreund zu geben, während man Widersacher ist. Doch das ist persönlich. Gehen wir zur Sache. Sie verlangen den Wahrspruch der Logik, plädireu aber sofort für mildernde Umstände, indem Sic (S. 12 Ihrer Antwort) sagen: „rein individuelle Bemerkungen sind ganz von sccundärer Bedeutung." Diese Wcrthbcslimmung der Bedeutung mag für Sie selber gelten, muß sie aber auch für die Verletzten gelten? „Wissenschaftliche Untersuchungen sind rücksichtslos", sagen Sie. Unbedingt zugegeben! Aber die Rücksichtslosigkeit darf sich nicht blos gegen Andere, sie muß sich auch gegen eigene der Vernunft und Sittlichkeit widersprechende Angewöhnungen wenden. Daß den Juden das Martyrium fehlt, ist gewiß eine sehr „inividuellc" Bemerkung von Ihnen. Sie wissen — und als Mann, der über Lehren und Lernen spricht, müssen Sie es wissen — daß die Geschichte der Juden, der begabten und unbegabten, ein achtzehnhundertjähriges Martyrologium ist. Und das hat bis heute noch nicht geendet. Dder glauben Sie, es ist kein Martyrium, noch heute uud einem Manne Ihres Rufes erklären zu müssen: tvir sind nicht zufällig dcutschrcdende, zufällig in Deutschland erzogene Inden und wir empfinden vollkommen als Deutsche! Sie sagen: den Juden fehlt die ganze mittelalterliche Romantik. Welchen Antheil an der Romantik des Mittelalters haben denn die Bauern, die bis zu Anfang dieses Jahrhunderts Leibeigene waren? Sic verbannen uns ins Exil der Fremdheit und wollen nicht wissen, daß die Geschichte des Iudenthums, zumal in Deutschland, alle Phasen der deutschen Eulturentwickelung mit durchgemacht hat. Die Juden sind von germanischer Bildung erfüllt, bevor Ihre 534 Landesgenossen die Slaven und Wenden, germansirt wurden. Und haben Sie vergessen, wie empörend es ausgenommen wurde, als Ihr College Quatre foyr darzuthun versuchte, daß Frankreich nicht von den Deutschen besiegt worden sei, sondern von Preußen, die Slaven und Wenden seien. Es ist nicht „methodisch wissenschaftlich", wie Sie Ihre Auslassungen aufbauen. Als tvir uns - ich kann das Persönliche hier unmöglich vermeiden im Sommer 1H70 trafen, bewährten Sie in den Lazarcthen Ihre hilfreiche Kraft mit ruhmvoller Tapferkeit. Hat Ihnen diese Hand nicht gezittert, da Sie jene Worte niederschrieben, mit denen Sie die Verwundeten undGefallenen jüdischer Confession entehrten und beschimpften? Sie müssen selbst anerkennen, daß es im Kampfe ums Dasein Kampfgesetze geben muß. Aber jeder Unparteiische wird diese Ihre Art der Kampfesführung von der Ehrenmensur verweisen. Denn es ist rein inquisitorisch, eine unbeweisbare nationale Empfindung zu heischen, und es ist mehr als inquisitorisch, hinzuzufügen, cs wäre nicht zu wünschen, daß die Juden germanisch empfinden. Ihre Begründung baut sich also folgendermaßen auf: Ich, Professor Billroth, sage, die Juden sind keine Deutschen, denn ich, Professor Billroth, wünsche, daß sie keine Deutschen seien. Quod erat demonstrandum. Und nun wieder Ihre objektive „wissenschaftliche Rücksichtslosigkeit". Sie schildern mit Worten, die ich nicht wiederholen mag, die intcllccluellc und ökonomische Unzulänglichkeit der „Streber" und schließen: „es sind meistens nicht Deutsche, sondern vorwiegend schlimme galizischc und ungarische jüdische Elemente." Ist das wissenschaftlich, hinter Verschanzungen von „meistens" und „vorwiegend" gedeckt, allgemeine Gesetze aufznstellen? Sorgfältige gründliche Untersuchung in Beobachtung und Experiment, Zurückhaltung des Urtheils, bis das Ergcbniß sich evident hcrausstellt, das sind doch wohl Forderungen, die der Naturforscher vor Allem zu erfüllen hat. Und der Menschenfreund wird, wenn er nicht über ein todtes Präparat, sondern über ein lebendiges Sbject sich auszusprechen hat, und nun gar über eine Generation, wenn sie sich auch in ihrem Bildungsdrange oft ungeschickt gcbcrdet — sich behutsam und mit Bedacht aussprechen. Sie aber, haben Sie bedacht, was es heißt, in jugendlichen Gemüthern den Rassenhaß zu wecken und zu stacheln? Sie rufen das Gentlemans-Bewußtsein in den Jünglingen an. Ist der ein Gentleman, der den Gedrückten, Verschüchterten, Mittellosen höhnt? Tie Aufregung in der öffentlichen Stimme, die Vorgänge in Wien sind durch diese Auslassungen hervorgerufen. Sie aber, Sie vermeiden in Ihrer Antwort an die Studenten jedes ausdrückliche Wort hierüber. Sie sprechen von „theilweise heikeln Verhältnissen" und sogar rein individuelle Bemerkungen sind von „untergeordneter Bedeutung." Ich möchte dieses Letztere auch als Zeichen annehmen, daß Sie Ihre wohl erst im Nicderschreiben zum fixen Gedanken gewordene Ausführung über die Fremdheit der Juden jetzt gern vergessen wissen möchten. Aber „Immanuel Kant, der ideale deutsche Kaiser", befiehlt kathegorisch, daß man den Muth habe, eine begangene Fahrlässigkeit zu bekennen. Und „Aergert dich dein Auge, so reiße es aus", hat derjenige gesprochen, der, wenn er leibhaftig vor Sie hinträte, Ihnen, dem Teutonen, als ein mir der Rassenfremdheit belasteter Phönizier erscheinen würde. Haben Sie die Folgen ermessen, die der von Ihnen als natürliche Thatsache aufgestellte Rassenhaß haben kann?