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Der Israelit · 1890-04-16 · Heft 29-30 (16.4.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 29-30 (16.4.1890)
Date
1890-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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510 kes diesen htmmelanftrebenden Reformhelden entgegenjubelnd an den Abgrund der Jrreligiösität und des Jndifferentismus anlangte. Tapfer und unerschrocken, mit der Macht der Ueberzeugungstreue und der Wissenschaft traten die Bamberger, Naphtali Hirsch, Dr. N. Adler und Dr. Hildesheimer Snarfc D’nt^ om wider sie auf und stellten der um sich greifenden Reformwuth ein festen Damm entgegen. Allein die Orthodoxie war mundtodt; ein Organ, das ihre Interessen vor der öffentlichen Meinung nach jeder Richtung wirksam vertreten hätte, existirte nicht. Die jüd. Journalistik befand sich ausschließlich in den Händen der Reform; die von dem verstorbenen Dr. Philippson herausgegebene „Allgemeine Zeitung des Judenthums" war in allen Kreisen der deutschen Juden stark verbreitet, und durch anerkannt gute und populär geschriebene Abhandlungen verstand es Philippson seine Reformideen dem Volke zugänglich zu machen und so den Reformrabbinern in die Hand arbeitend, einen fruchtbaren Boden für deren Umgestaltungen in Haus und Synagoge vorzubereiten. Da war es Dr. Lehmann, der im Mai 1860 den „Israelit", „ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum" begründete und wöchentlich mit einem bewunderungswürdigen, nie ermüdenden Feuereifer und unerschrockenem Muthe gegen die Allmacht der Reform ankämpfte, für die Unantastbarkeit der uns überlieferten göttlichen Religion mit allen Waffen des Geistes unentwegt seine Stimme erhob, welche in allen Schichten des jüdischen Volkes ihren tiefen Eindruck nicht verfehlte, die treuen Anhänger ermunterte und die Neologen in ihre Schranken zurückwies. Und mit der Hilfe Gottes ist es ihm gelungen, eine dauernde Wendung zum Bessern herbetzuführen. Während vordem die Orthodoxen von ihren anders gesinnten Stammesgenossen verlacht und verspottet wurden, die Orthodoxen selbst jeden Muth eines offenen Kampfes verloren hatten und nur im Innern ihres Hauses durch Seufzen und Jammern ihrem Unmuth gegen die Verderbtheit der Zeit Luft verschafften, schaarte sich nach dem ersten öffentlichen Auftreten Dr. Lehmanns die damals noch kleine Zahl gesetzestreuer Männer um den großen Mann, und kaum ein Jahrzent war verflossen, als innerhalb der Judenheit ein anderes und zwar erfreulicheres Bild wahrzunehmen war. Die Orthodoxie gelangte jetzt zur Anerkennung; der sogenannte „neue Jude" bekam nun Achtung vor dem gesetzestreuen Kämpfer, welcher unterHintansetzung seiner materiellen Jnterefsen und unter den größten Entbehrungen in Gesellschaft und im Geschäftsverkehr seinem väterlichen Glauben bis auf die kleinste Nüance treu bleibt. Noch ein weiteres Jahrzehnt — und das orthodoxe Judenthum fand in den Augen selbst der nichtjüdischen Welt und bei den Regierungen die Gleichberechtigung mit dem bisher dominirenden Reformjudenthum; das Austrittsgesetz ermöglichte den Orthodoxen in besonderen Gemeinden, in denen der öffentliche Gottesdienst und alle jüdischen Institutionen nach dem Schulchan Aruch eingerichtet und gehandhabt werden, sich zu vereinigen und so ihrer Ueberzeugung gemäß zu leben und zu wirken. Als nach der glücklichen Bekämpfung des inneren Feindes ein äußerer, der Antisemitismus auf die Bildfläche trat, da war es wieder der theuere Verstorbene, Herr Dr. Lehmann y'sr, der den Kampf mit der widersinnigsten aller Feindseligkeiten, dem Racenhasse, „der Schmach des neunzehnten Jahrhunderts" aufnahm und im Bewußtsein, einer von allen vorurtheilslosen Männern anerkannt gerechten Sache zu dienen, maßvoll für die politischen Rechte seiner Glaubensgenossen die Feder fort und fort ergriffen, wenn auch noch so viele und heftige Angriffe seitens der antisemitischen Presse gegen ihn losgelassen wurden. Das ist ein kurzes Bild von der allgemeinen Thätigkeit unseres Dr. Lehmann y'ai für die Judenheit im Ganzen und die orthodoxen Juden im Besondern. Auch seine Gegner in Schrift und religiöser Gesinnung — Feinde hatte dieser so überaus liebenswürdige und gerechte Mann weder hier noch anderwärts — werden ihm das Zeugniß nicht verweigern, daß er seiner Ueberzeugung gemäß, das Böse zu beseitigen und das Gute zu thun ehrlich und redlich stets sich bemüht Hab, und daß auf ihn wie selten auf Jemanden die Worte des Dichters Anwendung finden: „Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, Ihr werdet nimmer seinesgleichen finden." Seine Leitartikel, in populär verständlicher Sprache geschrieben, behandelten alle das Judenthum berührenden Zeitfragen, brachten aber auch oft für den Leser des „Israelit" die schönsten Abhandlnngen und Erklärungen unserer h. min zur Belehrung für Haus und Schule; in den Correspondenzen bemühte er sich stets auf das schnellste alle wissenswerthen jüdischen Neuigkeiten mitzutheilen — und in seinen berühmt gewordenen Feuilletons aus „Vergangenheit und Gegenwart" bot er dem Lesepublikum nicht blos eine angenehme Unterhaltung, sondern auch die erhabensten, oft aus dem vollen Leben gegriffenen Schilderungen, welche

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