Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-04-03 · Heft 27-28 (3.4.1890) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 27-28 (3.4.1890)
Date
1890-04-03
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448052--29819-2477568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

507 Unwürdigste — „Alles hängt eben am Glücke", sagt schon ein altes, uraltes Sprüchwort; — ich frage, hast Du es Dir klar gemacht, Parvenü, der Du jetzt im feinen „Westend" in stilvollem Palaste wohnst aus einer Stelle, wo Tu vielleicht vor Jahren, vor langen Jahren natürlich — Du kannst Dich kaum mehr erinnern, wie die alternde Jungfrau ihres Geburtstages — als vacirender, vagirender Handwerksbursche Dein müdes Haupt auf nackten Boden niederlcgtest und Gott danktest, wenn eine mildthätige Hand Dir ein Stück trockenes Brod und ein Biatikum für Deine weitere dornenvolle Wanderschaft reichte — ich frage, hast Tu Dir wirklich klar gemacht, was Du tyust, indem Du durch jenes Placat die ehemaligen College» scheuchen willst von Deiner Thüre? — Habt Ihr es Euch klar gemacht, Ihr Glücklichen Alle, was Ihr thut, indem Ihr, gedankenlos oder mit Absicht, den Bettler und den mit dem letzten Aufgebot seiner Kraft sich über dem Bettler haltenden Hausirer wcgweiset aus Eurem Hause? Laßt uns einmal zusammen überlegen, mildherzige Leserin, die Du das Streben hast, Dich wahrhaft würdig zu machen des Glückes, das ein gütiges Geschick Dir beschieden, die Du gerne jede Thräne trocknen, jeden Seufzer stillen möchtest, der von der Erdeutiefc hinaufdringt zur sonnigen Höhe Deiner Geschickeslage, laß uns einmal zusammen überlegen, ob jener Aufschrift mit Recht ein Platz gebührt in der Vorhalle Deines Hauses. Siehe, Liebe! Im Alterthum galt der Unglückliche, der Bettler als etwas Heiliges, zu den schönsten, ergreifendsten Stellen im Homer gehören die, die des Bettlers Erwähnung thun, das „Salve“ am Eingang der Häuser galt nicht blos dem Reichen, dem Glücklichen. Siehst Dll nicht den Hohn, die Karrikatnr in Deinem Plaeate? Was würde wohl der Arme, Unglückliche sagen, den unter dem ewigblauen Himmel des Südens das Salve gastfreundlich grüßt und den Dein Placat zurückstößt in die rauhe Luft des unwirthlichen Nordens? Und es ist zum größten Theile ja Unglück, wirkliches wahrhaftiges Unglück — und nur zum kleinfteu Theile selbstverschuldetes — das Du im Bettler zurückweisest von Deiner Thüre. Denn setzen wir uns einmal hin an die Heerstraße des Lebens und lassen wir sie Revue passiren, die traurige Schaar der Schiffbrüchigen, der Armen, Elenden, Gedrückten der Menschheit! Es kommt der arme Handwerksbursche, der von Ort zu Ort wandert, um Arbeit zu suchen. Kannst Du sic ohne Mitleid sehen, wie sie oft nur nothdürftig bekleidet in die Unbilden des Wetters und in die Nacht hinauswandern, und willst Du es ihm verdenke», wenn er nach vielleicht wochenlanger vergeblicher Wanderung mit wunden Füßen hungernd und bettelnd anpocht an Deine Thüre? Es kommt der Kaufmann, der seine Stelle verloren. Er hat bessere Tage gesehen, hat Jahre lang gearbeitet und von seiner Arbeit gelebt. Da fallirt und liqnidirt sein Haus, er sieht sich stellen- und mittellos dem Ungefähr preisgegeben, und nachdem der letzte Sparpfennig ausgezehrt und, wie in Hunderten von Fällen, eine Stelle nicht gefunden, was bleibt ihm anderes übrig, — als zu betteln, wenn der Hunger an ihm nagt und Obdachlosigkeit ihn zu Dieben und Verbrechern in's Gcfängttiß zu weisen droht? Es kommt der Arbeiter, der entlassen ist. Die Geschäfte, gehen schlecht, die Produktion wird beschränkt, oder er hat sich mit dem Aufseher überworfen. Seine Entlassung macht ihn und seine Familie brodlos — was soll, was kann er schließlich anders thun — als betteln? Die Löhne, oft ja nur Hungerlöhne, ermöglichen keine Ersparnisse, und wenn der Lohn wegfällt, was kann da anders übrig bleiben, als der Hunger? Willst Du ihn oder sein hungerndes, frierendes Kind wegweifcn von Deiner Thüre? Hast Du die herzzerreißende Geschichte gelesen, wie vor einigen Wochen in einem Emporium der Kohlenindustrie dem Kinde eines entlaffenen Arbeiters, dessen Frau krank zu Bette lag, von einem Eisenbahnzuge beide Beine abgefahren wurden, als es die zwischen den Schienen liegenden Kohlenstücke auflas - um seinem hungernden und frierenden Mütterchen Morgens Kaffee kochen zu können? Und Du willst durch Dein Placat vorweg scheuchen das frierende Kind? Was bleibt dem aus dem Hospital entlassenen Arbeiter, der für's Hospital schon zu gesund, für die Arbeit aber noch zu schwach ist, und dessen Krankengeld höchstens für ihn selbst ausreicht, oft anders über, - als sein Kind zum Betteln auszusenden. Die Armenpflege hat noch keine Notiz von ihm genommen, hatte er ihrer ja noch nicht bedurft. Er ist ja auch nur temporär arm. Es ist das nur ein Glied jener ehernen Kette von Armuth und Krankheit, die, ein wahrer oirvulus viriosns, die Noth noch drängender, die Hilfe noch nöthiger macht. Armuth erzeugt Krankheit — frage nur Deinen Arzt, er wird Dir bestätigen, kaum 2 von 10 Bettlern verdienen das Prädikat „gesund" — und Krankheit erzeugt Armuth, und bedenke einmal, wie schrecklich es ist, wenn diese zwei Harpyen, wie so oft, Zusammentreffen. Bist Du schon einmal krank gewesen, Liebe? Nun, die Influenza wenigstens, — oder die Jnflorcntia, wie „Onkel Bräsig" sagt, und in so köstlicher Weise durch den „bomwullen„ auswattirten „L-laprock", in den sich der „Stick- und Stinkstoff" der Krankheit festsetzt, ihre Evntagiosität erklärt,--hast Du gehabt, oder vielmehr, sie wird Dich gehabt haben. Und als Du da schachmatt darniederlagst und die Nothwendigkeit und Ersprießlichkeit kräftiger. Nahrung, wie Wein, Cognac, Beestea und Beefsteak, Champagner und Rhum, und wie sie alle heißen mögen die starken Geister der diätetischen Pharmacopoe, am eigenen Leibe verspürtest - hast Tu Dich da nie mitleidsvoll gefragt, wie hilft sich da die unendliche Menge armer Leute, die ebenso schwach und elend wie Du, ja gar zu oft noch viel schwächer und elender darniederliegcn, und wie weh, wie bitterweh muß es der Frau des Proletariers zu Muthe sein, wenn sie dem kranken Mann, den kranken Kindern die kräftige Nahrung nicht bieten kann, die sie erheischen! Und das war doch nur — die Influenza. Ist aber schon einmal die wahre Noth der Krankheit über Dich gekommen wie ein gewappneter Mann, und hast Tu Tage-, Wochen-, ja vielleicht Monate lang gerungen, vergeblich gerungen mit dem Todesengcl um das Theuerste hier auf Erden, wie verschärft in solchen Fällen die Noth die Verzweiflung, wie dringend erscheint die Hilfe. Nicht wahr? Du hast unser Hänschen gekannt, unser liebes, goldiges, herziges Engelskind, mit den treuen, sinnigen und doch so glänzenden Feueraugen, aus denen das Glück der Gegenwart und der Blüthentraum der Zukunft uns entgegcnleuchtete. Als die Krankheit über es kam wie der Blitz aus sonnigem Himmel, als die Hand schlaff herabhing, mit welcher es so goldig die Vögel gelockt und die gesunde Hand die kranke mit emporhielt, um ihr rührend liebliches „Bitte, bitte" nicht zu vergessen, als dann die langen, bangen Wochen der Schlußkrankheit kamen und dann ausgckämpft war der Kampf, unser Goldkiud ausgelitten hatte und heimgekehrt war in die Welt des „ewigen Friedens", wo es keinen Schmerz, keine Krankheit, keine Noth, kein Elend giebt; - als die Eltern dann schmerzzerriffen, trauernd um ihr zerschelltes Glück am Boden saßen, - war es da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.