Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1890)
- Date
- 1890-04-03
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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506 .UPI.-1 '„Pk wußt gegen sich. In seinem Wesen niedergeschmettert, raffte er sich mit Mühe zusammen, um unter einem vorgcschützten Uebel den Gerichtssaal zu verlassen, und zu wieder nicht erscheinen. Der Gerichtshof aber nahm die Sache sehr ernst. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet, welche mit Hilfe eines erschöpfenden Beweismaterials das Stadtoberhaupt als wirklichen Mörder hinstellte. Dem Gesetze und der Gerechtigkeit wurde Genüge geleistet. Für die Juden erfolgte ein Freispruch in sehr belobender Fassung, wobei auch ihres gottbegnadeten Rabbiners in Ehren Erwähnung geschah, dem die Verhütung einer grausamen, ungerechten Justificirung auf so wunderbare Weise zu verdanken war. Zurückgekehrt von dieser für beide Theile denkwürdigen Procedur, war es nun die erste Sorge der Vorstandes, das Versäumte nachzuholcn und den Rabbiner mit größten Ehrenbezeigungen in sein Amt einzuführen, und wie in einem Triumphzug wurde der Gefeierte, umgeben von einer unübersehbaren Menge Gemeindeangehöriger nach der für ihn bereitgehaltcnen, mit allem Comfort prachtvoll ausgestatteten Wohnung geleitet. Don allen Seiten gab sich das eifrige Bestreben kund, durch allerlei kostbare Geschenke und sonstige Merkmale der hohen Verehrung ihm wo möglich Ersatz zu bieten für das, was ihm durch den Bubenstreich eines habsüchtigen Gewalthabers versagt werden mußte. Hier überlassen wir ihn den massenhaften Besuchen der ihn begrüßenden Talmudgelehrten, welche durch angeknüpfte Conversation bald die Ueberzeugung gewannen, daß die Gemeinde in jeder Beziehung eine sehr glückliche Aequisition an ihm gemacht habe. Es kam nun der Sabbat, an welchem der Rabbi seine Antritts-Drascha abhalten sollte. Die spannende Neugierde, die. sich aller Gemüther bemächtigt, läßt sich leicht vorstellen. Lange noch vor den anberaumten Gebetstunden strömten die Gläubigen, jung und alt, Männer und Frauen, Gelehrte, und Unwissende, ans allen Enden der Stadt herbei; Kopf an Kopf, Schulter an Schulter standen sie da, alle Räumendes großen Gotteshauses füllend, und nur mit großer Mühe konnte für den eintretenden Rabbi ein freier Weg zu seinem Betpulte gebahnt werden. Endlich trat er die paar Stufen hinan vor die heilige Lade. Athemlos horchte Alles auf. Man sah hier eine kleine Armee kampflustiger Talmudistcn die oberen Reihen der Betplätze occupiren, und das in gehobener Stimmung lauschende Publikum sah und hörte und fühlte schon, theils mit stillem Gaudium, theils mit Unwillen, die entfesselten Elemente auf die Dissertation des Darschan losstürzen, doch zur allgemeinen Verwunderung war von all' dem nicht das Geringste geschehen. Die Dissertation war so gediegenen Gehaltes, so klar, so gründlich und überzeugend und auf einer alle Begriffe übersteigenden geistreichenZusammenstellung von Grundsätzen aufgebaut, daß von keiner Seite irgend welche Einwendung dagegen erhoben werden konnte und auf den freudestrahlenden Gesichtern der Sachverständigen die ungetheilte Befriedigung sich abspiegelte. Nur eine einzige Lppositionsstimme ließ sich zuletzt vernehmen. Der Rabbi citirte eine Stelle aus dem berühmten yw, welche er als nicht zutreffend erkürte. Nicht weit von ihm stand ein als Streitgeist bekannter alter Lamdan, einstiger Schüler vom yw. Ihn verdroß die Kritik gegen seinen Lehrer und er interpellirte den Rabbi in heftigen Angriffen, die aber tapfer zurückgeschlagen wurden. Die Debatte aber wurde immer stärker, und so sehr sich der Rabbi bemühte, den Schreier aufzuklären und zu belehren, er wollte durchaus nicht nachgeben, und ward immer dreister und verletzender in seinen Ausdrücken. Das war dem Rabbi endlich doch zu arg. Da wandte er sich gegen die heilige Lade um, öffnete sie und sprach: „Rillono sollet Olam! Du weißt es, daß ich nur aus Ergebung in Deinen Willen mich entschlossen habe, hieher zu gehen, um im Dienste Deiner heiligen Thora zu arbeiten, und nun sind dies die Folgen!" Sprach's, schloß die Lade und ging die Stufen herab, ohne weiter zu sprechen . . . . Diese Scene machte einen überaus peinlichen Eindruck auf das ganze Auditorium, die Entrüstung über den Ruhestörer war eine grenzenlose und es fehlte nicht viel, daß man sich thätlich an ihm vergriffen hätte, hätte nicht der Rabbiner die aufgeregte Menge durch sanftes Zureden zu beschwichtigen gewußt. Nach Beendigung des Gottcsdiestes rief der Störenfried einige Freunde mit sich nach Hause, um die Stelle im ~"ty nachznsehen, ob sie wirklich so lautete, wie sie der Rabbi zitirte. Zu Hause angelangt, wollte er dieses Buch aus dem Schranke holen, dieser aber stürzte um und begrub ihn unter sich! - Der Mund, der noch vor einer halben Stunde gewettert und Lärm geschlagen, war nun für immer verstttmnrt! — In der Gemeinde hörte man niemals wieder einen unfreundlichen Ton gegen den Rabbiner. Dieser Rabbiner, allgemein genannt Reb Schmul, Rcb Ehajim Jeschajes, war der Urgroßvater des unsterblichen Verfassers der ReSponfen “idid cnn. „Betteln und Haustren ist hier verboten." Harnilose Plauderei über ein harmvolles Thema von Markus Hirsch (Frankfurt a. M.) Dout, eomprendre e'est, tont pardonner. Hast Du cs Dir klar gemacht, freundliche Leserin, die Du, behaglich im Sessel gelehnt, den Plan zu Deinem Tages- und Wocheuprogramm entwirfst, in welchem bei Deiner allbekannten Mildherzigkeit und Menschenliebe wcrkthätige Besuche bei Armen und Kranken, Sitzungen in Wohltyätigkeitsvereinen, Arrangirnng von Wohlthätigkeitsconcerten und -Bällen nicht vergessen sind, — Dir ist ja Dein Glück von Herzen zu gönnen, Du willst ja auch Segen spenden, nicht blos genießen, hast Du es Dir auch wirklich klar gemacht, was jener „Spruch" am Eingang Deines Hauses bedeutet? - Weißt Du es, glücklicher Etagenbewohner, der Du Deinen Einzug in das Patrizierhaus vielleicht davon abhängig gemacht hast, daß durch jenes Placat das Haus „rein und sauber" gehalten wird? - Weißt Du es, wohl- oder übelbestellter Hausbesitzer, der Du dadurch Dein Haus als „zur Gesellschaft gehörig" bezeichnen willst, in welches das drohende Gespenst nicht ^entlewauliller Existenzen nicht eindringen soll? Hast Du es Dir klar gemacht, glücklicher Rentner, der Du jetzt ausruhen willst aus — nach rastloser Thätigkeit oder ohne eigene Schuld — erlangtem Glücke, so oder so, jedenfalls spielte die Glücksgöttin keine Nebenrolle in Deinem Geschicke, ohne Glück kömmt auch der Thätigste, Würdigste nicht empor, mit Glück gar oft auch der Dümmste,