Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1890)
- Date
- 1890-04-03
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448052--29820-2477569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
508 nicht ein tröstender Gedanke, linderte es nicht wenigstens in etwas unsern Schmerz, daß wir uns jetzt und während der langen, langen Krankheit sagen konnten: unser Engelskind hatte alles, was seine Leiden erleichtern, was seine Schmerzen lindern, was seine Schwäche heben konnte, es hatte die beste Pflege, die sorgsamsten Pflegerinnen, lvie es kein sog. Fürftcnkind besser haben konnte! Und nun zur Kehrseite! Gerade zur selben Zeit stand unter anderen armen Kranken und kranken Armen ein blasses, hageres Weib mit einem Knäblein von 18 Monaten aus dem Arm, so blas;, so schwach und so elend, das; es sich nicht aufrecht halten konnte, das; es hin und her sank, wie eine welkende Blume, die sterbend ihr Köpfchen sinken läßt. Es hatte dieselbe Krankheit, wie unser armes Hänschen. Sie bat mich um Schlafgeld' für sich, ihr krankes Kind und 2 Mädchen von 0 und 8 Jahren'?— s i e bettelte. Was sollte, was konnte sie auch anders thnn. Hier ihre Geschichte. Sie sind Ausländer, hatten 8si, Jahre m Düsseldorf unbehelligt gelebt nird sich reichlich ernährt. Da traf auch sie, wie so viele andere, die AnSiveisungsvrdre, jene, ans Gründen der Politik sagt man, erforderliche Maßregel, die, schonend nicht Weib noch Kind, nicht Greis noch Säugling, schon Hunderte von Familien als Parias hinweggcjagt über den Erdball, die gute, ja glückliche Eriftenzen unbarmherzig zertrümmert und Menschenglück und Menschenloos wie wcrthlose Scherben preisgegeben den zermalmenden Schlägen des Schicksals, das in Noth und Elend, in Krankeit und Jammer oft enden läßt, was nach menschlichem Emessen gut und sicher begründet schien für die Dauer. Ein volles Jahr waren sie jetzt herumgewandcrt, ohne daß es dem Mann möglich geworden, Unterkunft und Nah rung für seine Familie zu finden. Was blieb ihnen anders übrig, als zu betteln? Auf welch' andere Weise konnten Mann und Frau und 3 Kinder, ohne Eristenzmittel hinausgejagt ans sicherem Port, ein ganzes Jahr lang ihr Leben fristen? Wo sind die Kassen, die auf unbegrenzte Dauer eine ganze Familie ernähren können? Und wie diese, wandern Hunderte von Familien jetzt heimath- und eristenzlos umher. Ich könnte Dir Details erzählen, die geradezu zum Himmel schreien. Doch zurück, zu unserer Bettlerin. Durch die Entbehrungen und Strapazen der langen Wanderung heruntergekommen, war es noch ein Glück, daß die arme Frau so lange ihr jüngstes Kind nähren konnte. Bor 3 Wochen war cs unterwegs erkrankt. Aufnahme in einem Krankenhause fand sie nicht. Es gibt ja kaum Hospitäler, die den kranken Säugling mit der Mutter aufnehmen, und ihren erkrankten Liebling zu entwöhnen, wo er erst recht der Mutterbrust bedurfte, dazu konnte sich die Arme nicht entschließen. Man entwöhnt doch sonst kein Kind, wenn es krank ist, und der Mutter des armen mnthct man es zu! Es ist das auch eine Lücke, die der bessernden Hand noch harrt. Und was-wäre aus ihren anderen beiden Kleinen geworden? Als sie daher endlich mit dem kranken Kinde auf dem Arme um Schlafgeld bettelnd zu mir kam, war es, wie erwähnt, schon so schwach, so elend, so sterbensmatt, daß ich es für meine Pflicht hielt, sofort in dem (vielleicht einzigen) Hospitale Platz zu machen, das Mutter und Kind zugleich Äufnahme gewährt. Als ich am anderen Morgen in ihr Gasthaus kam, fand ich das Kind in starkem Fieber unter der Qbhut des 6jährigen Schwesterchens - die Mutter war ansgcgangen, um sich Pfennige zu holen, damit die Quelle nicht versiege für ihr todtkrankeS Kind. Als ich dann mit ihnen in's Hospital fuhr, lief das 6jährige Schwesterchen, laut weinend um die Mutter, dem Wagen nach, bis mildherzige Colteginnen und die brave Wirthin versicherten, sich der Kinder anznnehmen. Circa 8 Tage lebte das Kindchen noch. Tag und Nacht stand die Mutter über seinem Bettchen gebeugt und reichte ihm thräncnüberströmt die Brust. - Es hatte ansgelitten. Der Trost, der uns während der Krankheit und nach dem Heimgang unseres Engclkindes zur Seite gestanden, die arme Frau mußte ihn entbehren. Ihr Liebling hatte es weniger gut als ein Fürstenkind gehabt. Drei Wochen lang hatte sie es todtkrank umhergeschleppt, als sie bettelnd vor meine Thüre kam. Hättest Du es Dir je verzeihen können, wenn die Arme hungernd und frierend mit ihrem todtkrankcn Kinde auch zu Dir gekommen lväre nnd das Placat hätte sic vorweg gescheucht ans Deinem Hanse?! Ich habe absichtlich länger bei diesem Nachtbilde verweilt, weil es ein schlagendes Beispiel ist für den hohen Grad von Jammer nnd Elend, wenn zur Armuth sich Krank geit gesellt. „ES sind das aber gewiß nur Ansnahmsfälle!" (Fortsetzung folgt.) Zu unserem Bilde. Die helltige Nummer unserer belletristischen Beilage bringt das Bild des österreichischen CnltnsministerS, Freih e r r von G a u ts ch. Der Cultusminister von Gautsch, ein gegen alle Parteien nnd Eonfessionen streng gerechter und vorurtheilSloser Mann, hat schon bei vielen Gelegenheiten nnd in amtlichen Berichten sein Wohlwollen gegen die Juden zum Ausdruck gebracht nnd seine jüngst im Äbgeordnetenhanse von der Ministerbank gesprochenen entschiedenen Worte der Abwehr gegen de)! Antisemiten Türk nnd seine Erklärung, wonach „die Staatsregicrnng die Tendenzen der Schlagworte der Antisemiten auf das entschiedenste znrückwcist, nachdem ihr Standpunkt die durch die StaatSgrnndgefetze gekennzeichnete Gleichberechtigung aller Staatsbürger bilde," haben bei allen Inden auf dem weiten Erdenrnnde und in den österreichischen Ländern insbesondere ein dankbares Herz gefunden. aaaaaaaaaaabccccccceeeefhhhh hhbhhkllmnooprrrrsssssttt 1) Ein König tu Israel. 2) (Jin König in <3ibou. 3) Ein König in Assyrien. 4; Ein König in Persien. 5) Ein König in Egyplen. (>) Ein Pro. het. Die Aiifniigsbnchslaben von oben nach nuten gelesen, ergeben ein jüdisches ,vest. Ph. W. iti Sch Berantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" und „Jeschurun" Schottstraße Nr. 2. Main . Druck und Verlag der Joh. Wirlh'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.