Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1890)
- Date
- 1890-04-03
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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m -<* 505 stunde bestiegen sie wieder ihr Fahrzeug, tim anderswo ihr Glück zu versuchen. Am andern Tage nach ihrer Abreise wurde Reb Schmul, der sonst nur selten krank war, plötzlich von einem heftigen Unwohlsein befallen, das ihn auf's Vager warf. Ter herbcigernfcnc Arzt erklärte zum Schrecken seiner Umgebung das Hebel für sehr bedenklich lind Besorgnis; erregend. Es trat auch bald eine Verschlimmerung ein; die Krankheit machte sehr rasche Fortschritte, von Stunde zu Stunde stieg die Gefahr, und schon bevor die dritte Nacht vorübergegangen war, umstanden das Krankenbett die „Chcwra-Männer" mit den Wachskerzlcin in der Hand, das Schlimmste erwartend. Ta mit einemmalc erhob sich der Patient von seinem Vager, faltete die Hände, und die Augen nach oben gerichtet, sprach er: Ikibono sdiel olam! Wenn es durchaus Tein Wille ist, so will ich mich darein fügen und hingehcn!" Und, wunderbar genug, von diesem Augenblicke an sank die Krankheit zusehends von ihrem Höhepunkt herab; allmählich trat eine Erleichterung in seinem Befinden ein; bald war auch jede Gefahr beseitigt, und ehe die Sonne zweimal ihren Rnndgaug vollbracht, war Reb Schmul soweit hcrgcfiellt, das; Niemand mehr glauben mochte, dieser Reconvalescenr sei bereits den Todten beigezählt worden. Jetzt wurde er von seinen Leuten befragt, was denn jene Worte zu bedeuten hatten, die er beim Eintritt der Krise, wie cs schien in einem lichten Augenblicke gesprochen hat? lind da erzählte er ihnen, was zwischen ihm und den drei Reisenden, als Abgesandten der Gemeinde Frankfurt, vorgcsallcn, das; er nämlich das ihm angcbotcne Rabbinal hartnäckig znrnckgewiescn habe, aber nachbem er die Krankheit als einen Verweis und Strafe von Tbcn angesehen und daher seinen Eigensinn bereute, er sich vom Schmerzenslager ansgerafft habe, indem er dem göttlichen Willen sich zu fügen vorgcnommcn, dem Wunsche jener Gemeinde nachzugeben und als ihr Rabbiner dahin zu gehen. Freilich war's jetzt schon zu spät, da die Tepntirten längst abgereist und gewis; schon über alle Berge waren. Toch um die Sache nicht schlechtweg fallen zu lassen, wurden versuchsweise nach allen Richtungen der Windrose Eilboten ansgeschickt, um womöglich das reisende Treigestirn einznholen. Wieder alles Erwarten rvurden die Verreisten in einem wenige Stunden von der Stadt gelegenen Torfe angetroffcn. Ans einem ihnen nnbekannien abschüssigen Wege war nämlich ihr Fuhrwerk gestürzt, ivobei einer von ihnen sehr stark beschädigt wurde, weffhalb sie gezwungen waren, in das nächste Tors cinznkchrcn und hier die Genesung des Verwnndelen abznwarten. Tiefem unliebsamen -Zufälle verdankten sie nun die ihnen überbrachre freudig überraschende Botschaft von dem Entschlüsse Reb Schmul's den ihm angebotenen Rabbinerposten anznnehmcn und mit ihnen zu gehen. Uebcrglücklich durch diese unverhoffte Wendung in ihrer Angelegenheit machten sie sofort kehrtnm, damit sie sich persönlich von der Thalsache überzellgen lind desthalb zur Heimreise mit dem gewonnenen Schatz die nöthigen "Anstalten zu treffen. "Nachdem unser Tagesheld seine Dispositionen getroffen, ivelche vorzüglich dahin gerichtet waren, „seine Kinder" möglichst gut versorgt zu haben, und seitens der Tepntirten ein reitender Schnellbote nach ihrer Heimathgemcinde mit der! erfreulichen "Nachricht ihrer Acqnisition abgefcrtigt worden,! setzte sich der Reisezug in Bewegung, und fort ging es nun nnaufhaltsam in Einem fort von Krakau bis Frankfurt a. Main; wohl in jener Zeit der noch nngeborcnen Eisenstrasten eine himmelweite Strecke, ans welcher wir die Reisenden indes; ganz gemüthlich begleiten wollen, ohne Bangen wegen etwaiger Vangweile, denn diese vier rabbinischcn Matadore, der nunmehrige Frankfurter Rabbiner Reb Schmul an der i Spitze verstanden es durch die stets von neuem auftauchenden 'Tiscnssionen ans verschiedenen Gebieten ihres reichen Wissens, diesen lästigen Gast, die Vangweile, weit weit von sich hintanznhalten, bis sie endlich an jener Stelle angclangt waren, wo bereits die Thnrinspitzen der freien Reichsstadt Frankfurt a. M. sichtbar waren. Ja wohl! die Spitzen der Thürme, und bald auch die Giebel und hohen Firsten anderer hervorragender Hochbauten; doch die Spitzen der Jndengemeindc liesten sich gar nicht blicken, um den erwarteten Rabbiner geziemend zu empfamgen. Was sollte dies bedeuten? Muffte nicht diese Unterlassungssünde gar als böses Tmen gedeutet werden? Wer wollte so kllig sein, die Ursache hiervon zu errathen? Welch' qualvolle Vermnthungen durchkreuzten die Gemüther der Tepntirten, ihrem neuen Rabbiner gegenüber! Und was muffte dieser sich denken! "Nur Geduld lieber Veser! bald werden sie von diesen Dualen erlöst — aber mir, um andere, viel schmerzlichere dafür cinzutauschen. Eben hält der Wagen vor dem Hause des Vorstehers, wo sic einkehren. Tiefer über das befremdende Benehmen zur Rede gestellt, bat um Entschuldigung, da es leider nicht möglich war, der schuldigen Ehrenpflicht nachzukommen, denn die Gemeinde schwebe gegenwärtig in größter Gefahr. Es wurde nämlich vor wenigen Tagen ein christlicher Knabe todt ansgcfunden, und die Juden werden von dem residirenden Bürgermeister beschuldigt, den Mord begangen zu haben; der hohe Gerichtshof, geleitet vom präsidircnden Bürgermeister, hat bereits über die Angelegenheit verhandelt und den Machtsprnch ergehen lassen, das; die Gemeinde verhalten wird, den Mörder binnen drei Tagen ansznliefern, widrigens alle Juden ansgewiesen und ihres Vermögens verlustig erklärt werden. In dieser trostlosen Vage fuhr der Vorsteher fort, müssen wir den Herrn Rabbiner mit der Bitte empfangen, uns mit Ihrem weisen Rathe bcizuslehen. Ter Rabbiner erwiderte hierauf: „Da ich mit den hiesigen Verhältnissen und Gesetzen ganz unbekannt bin, so kann ich augenblicklich nur das Eine rathen, das; der Vorstand um die nochmalige Einbernsnng des hohen Rathes mit ihrem Präsidenten dem Bürgermeister ansnche, und zwar mit der Beifügung, daß auch ich als Ihr überhaupt zngezogen, so wie auch, daß der Veichnam in den Gerichtssaal gebracht werde. Ter Vorstand that wie ihm geheißen, und auf seine dringende Bitte trat derGerichtshos mit demBürgermeister alsPräsidenten abermals zusammen und ward auch der Rabbiner cinbernfcn. Ter ermordete Knabe lag neben dem grünen Tische nahe bei dem Richtersitze am Boden hingestreckt. Ter Bürgermeister begann nun seines höllischen Amtes zu walten, indem er au die "Angeklagten die Frage richtete: „Wissen die Inden wessen Sie beschuldigt sind? Und was haben sie darauf zu erwidern?" Ta trat der Rabbiner vor, sich tief verbeugend, und sprach: Möchte mir als dem Vertreter meiner Gemeinde, ein hoher Gerichtshof auch eine Frage gnädigst gestatten?" Ter Bürgermeister bewilligte ihm die erbetene Frage. Darauf näherte sich der Rabbiner dem Veichnam, beugte sich über ihn, indem er eine eabbalistischc Beschwörnngssormel sprach, dann fragte er mit lauter Stimme. „Wer hat Dich ermordet?" Ta erhob sich der Todte vom Boden, stand kerzengerade da und wies mit der ansgestrccktcn Hand schnurgerade ans den neben ihm sitzenden Bürgermeister. Wie von einer Tarantel gestochen, schnellte dieser von seinem weichgepolsterten Vehnsitze ans, um gleich wieder todtcnblas; und am ganzen Körper zitternd znrückzusinkcn. Ans einen solchen Verräther war er nimmermehr gefafft. Diesem Ankläger gegenüber konnte er keine freche Stirne zeigen! Aller Augen waren ans ihn gerichtet; er zeugte ja selbst nnbei 1 .i! ii f