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Der Israelit · 1890-04-03 · Heft 27-28 (3.4.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 27-28 (3.4.1890)
Date
1890-04-03
Page
– (sequence 22)
Language
German
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498 und wüs damals möglich gewesen, ist heute bei einigem ernsten Willen nicht unmöglich. Allerdings j wird man uns entgegnen: da der größte Theil der! jüdischen Jugend der Gegenwart, die den verschiej denen religiösen Schätzungen von Hause aus angej hören, höhere Lehranstalten besucht, so dürfte sie! doch ein ganz anderes Contingent zu einem Jugendj gottesdienfte stellen wie ehedem, wo nur eine gez ringere Zahl eine höhere Schulbildung sich aneignete > und eine solche Einrichtung demnach sich nicht gut! realisirt hätte, zumal nur ein geringer Bruchthetl! in Folge der häuslich traurigen religiösen Verhält-! nisse dessen benöthigte und schließlich dem Macht-! spräche dieses Nothbehelfs nicht Folge leistete. Und; mit einer ganz ähnlichen Antwort würde ich dem j Enthusiasmus begegnen, der der neuen Institution von gewisser Seite entgegengebracht wird.! Versuchen wir doch vorerst einmal die Frage '? zu beantworten: Wie haben in früheren Zeiten! oder vor Jahrzehnten die Zöglinge höherer Schulen! ihre religiösen Bedürfnisse befriedigt, womit wir j uns zugleich unserer zweiten Frage: ob der gegen- | wärtige Modus der Abhülfe der eingenisteten relii giösen Uebelstande durch Jugendgottesdienste auch der z richtige sei, zu entledigen suchen werden. Früher, wo man einen etwas weiseren Gebrauch? vom Besuche höherer Lehranstalten gemacht, wo nur? besonders Befähigte dahin geschickt wurden, während j heutzutage die meisten Eltern, die vielleicht noch ein paar Pfennige mehr haben als sie bedürfen,! ihren Jungen in die Gymnasien hineinzwängen, weil ihnen der Besuch einer Elementarschule für ihr Kind nicht ehrenhaft genug dünkt — hat mau ganz j gut Mittel und Wege zur Erfüllung der religiösen! Obliegenheiten gefunden, weil man sie nicht in weiter! Ferne gesucht, sondern weil man sie dem Altherge- , brachten angepaßt. Das praktisch-religiöse Leben - im Hause hatte durch den höheren Schulbesuch! nichts eingebüßt, der Sohn oder die Tochter richtete - sich nach wie vor nach den üblichen Gepflogenheiten und wurden dadurch im Schulbesuch wie in den! häuslichen Arbeiten nicht im mindesten gestört. Alle heiligen Ceremonien des Hauses sahen nicht nur die! Kinder bei den Eltern, sondern übten sie auch selber bis zur Unvergeßlichkeit mit. Kiddusch und Hawdoloh, Gebete vor und nach dem Tisch und vieles Andere an Wochen- und Festtagen wurde den Kindern so zu eigen, daß sie sich ein jüd. Hans ohne diese Cermonien oder eigentlich religiöses Leben sich gar nicht denken konnten. Gewiß hat da kein Kind und selbst wenn's ein Gymnasiast oder höhere Töchterfchülerin gewesen, den Tisch verlassen, um in aller Eile zur Schule zu gehen, ohne vorher gebenscht zu ■ haben; allerdings hat man da nicht wie heute vornehm um halb zwei Uhr gespeist. Gewiß hat damals kein höherer Schüler oder Schülerin sich zu Bette begeben, ohne unsere herrlichen Nachtgebete vorher gesprochen zu haben und selbst wenn die Schularbeiten noch so schwierig und zahlreich vorhanden waren, und sie waren zahlreicher und schwieriger als heute, wo man in Folge verbesserter Methoden wie in Folge der vielfachen und gerechten Klagen über Ueberbürdung, die häusliche Thätigkeit leichter und geringer geworden ist. Früher besuchte man ebenfalls im Winter morgens um 8, im Sommer um 7 Uhr die Schule und man hatte trotzdem Zeit m's Gotteshaus zu gehen, um der allgemeinen Andacht beizuwohnen; jetzt betet man weder in der Synagoge noch im Hanse, weil — nun ja, weil man um 8 resp. 7 Uhr Morgens zur Schule muß. Oder — wollen wir's einmal richtiger sagen — denn wir wollen doch der Sache auf den Grund gehen — weil der Papa nicht betet und — Mama das Söhuchen — sagen wir doch einmal deu ehrsamen Sextaner — nicht vom erquickenden Schlafe stören möchte, T'fillin und Zizis kennt man vielleicht noch vom Hörensagen — man macht sich darüber noch lustig, wenn man darauf gelegentlich zu sprechen kommt, und was Papa und Mama sagen, muß doch auch hierin jedenfalls richtig sein. In gewissen Kreisen glaubt man: Das jüdische Cermonienwesen, namentlich das häusliche, vertrage sich nicht mit der Cultur der Gegenwart. Früher hat mau aber Horaz und Ovid und .Lenophon lesen können und vielleicht noch etwas besser wie heute, wo jeder Schwachkopf ein Gymnasium besuchen muß, und konnte auch das religiöse Moment vollends pflegen und in ihm fortschrciten. Warum heute nicht? Ist man besser geworden durch das Aufgeben des Althergebrachten? Hat man größeres Ansehen darauf erlangt bei den Andersgläubigen? Ich glaube, wenn's darauf aukömmt zu untersuchen, wen der Haß unserer Feinde stärker trifft, so werden gewiß diejenigen, die alles Religiöse und Jüdische von sich auf jedmögliche Weise abgcstreift, deu Kürzer» ziehen. Ob den Letzteren und deren Kindern apparte Jugendgottesdieuste was nützen werden? Wir glauben es nicht, sie werden einmal hingehen, sich das theatralische Schauspiel der Neugierde wegen auscheu und werden damit genug sein lassen des grausamen Spiels. Die Hauptsache ist und bleibt für sie: daß solch eine Neuerung einmal bei ihnen den nöthigen Effect macht, womit sie auch genug haben. Wo das Herz und die Liebe zur heiligen Religion erstorben, da nützen weder Chorgesang, Orgelklang, die aller-

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