Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1890)
- Date
- 1890-03-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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465 Ein junges jüdisches Mädchen war zu einem mohamedanischen Nachbar, mit dem ihre Eltern stets gute Beziehungen hatten, Wasser schöpfen gegangen. Dieser erfaßte sie, sobald er sie sah, entehrte sie und schloß sie ein. Die armen Eltern, die ihr Kind nicht zurückkehren sahen, suchten es überall. Nach drei sorgenvollen Tagen erfuhren sie, daß das Mädchen sich bei dem Nachbar befinde. Aus die Reclamationcn der Eltern antwortete dieser, daß er das Mädchen durchaus nicht entführt habe, daß sie selbst zu ihm gekommen sei, um ihren Glauben abzuschwören. Die Eltern konnten dies um so weniger glauben, als das arme Geschöpf behauptete, mit Gewalt fortgeschleppt worden zu sein. Sie trug auf ihrem Körper die Spuren der Schläge, die es; verriethen, daß sie sich gegen ihren Räuber gewehrt. , Gezwungen vor Gericht zu erscheinen, führte jener eine mohamedanische Frau vor, die die Erklärung abgab, daß sie Jüdin sei und zu ihrem Nachbar! geflüchtet, um den Glauben zu wechseln. Das Ge-; richt begnügte sich mit der Erklärung, trotz der Protestation der Eltern, die behaupteten, daß die; Person, welche die Erklärung abgegeben, nicht ihr! Kind sei, sondern eine Fremde. 'Das junge Mäd-! chen blieb also, und scheinbar auf rechtliche Weise bei ihrem Entführer. Im September gelang es ihr, die Wachsamkeit ihres Wächters zu täuschen und zu entfliehen. Sie lief zu Fuß, in Mannskleidern bis nach Kerkouk, das mehrere Tagereisen zu Fuß von Koi-Sandjak liegt. Der Muselmann fand ihre Spur und wandte sich an die Gerichte, um diejenige zu zwingen, in sein Hans zurückzukehren, die er für sein rechtmäßiges Weib ausgab. Die israel. Gemeinde von Kerkouk hat das Wohlwollen S. M. des Sultans und seiner Minister angerufen,_ aber es ist nichts darauf erfolgt. Ein solcher Vorgang übt den jammervollsten Einfluß ans die Beziehungen der Israeliten und der Mohamedaner. Es darf nicht vergessen werden, daß jene Bevölkerung keine Zügel kennet. Die Kurden zeichnen sich aus durch ihre Unwissenheit, ihren Fanatismus und ihre wilden Sitten. Die Juden befinden sich durch die Entfernung der Negierung ganz in ihrer Gewalt. In diesen uucivilisirten Regionen gehen täglich unerhörte Gewaltthaten vor sich, deren Echo nicht bis nach Europa dringt, und die oben erwähnte Thatsache ist, wie es in dem Briefe aus Kerkouk heißt, nur ein blasses Abbild von denl, was unseren Glaubensgenossen jener Länder täglich geschieht. In Kerkouk selbst nennt man mir Beamte, denen die Lorbeern der Antisemiten keine Ruhe lassen und die die Muselmänner gegen die Israeliten aufreizen. Das Bezirks-Comitv der Alliance zn Constan- > tinopel ist ersucht worden, die Regierung S. M. des Sultans auf obige Thatsachen aufmerksam zu machen. Bon Herrn Somekh, Director der Alliance- Schule, erhielten wir neue Mittheilungen über die! Folgen des Vorgangs zu Bagdad, dessen wir in | dem vorigen Bericht erwähnt haben.! Die Freude der Juden zu Bagdad, als sie die i Abberufung des Vali Mnstapha Msim Pascha erj fuhren, währte nicht lange. Es kam fast zu gleicher i Zeit ein Befehl an den Mnschir Tewfik Pascha, - die Ueberbleibsel des Rabbiners Abdallah Somekh,! die hier bereits 84 Tage ruhten, aus dem „Cohen" ausgraben zu lassen. Die Tragweite dieses Befehls läßt keinen Zweifel anfkommen. Es ist die Anerkenn nng der Rechte der Mohamedaner auf den Besitz des „Cohen" und folglich die Vernrtheilung der Juden, deren Anrecht anf den „Cohen" feit undenklichen Zeiten niemals bestritten wurde. Wie dem auch fei, der Befehl war ausdrücklich, der Todte sollte ansgegraben werden, zur größten Freude der Aufwiegler und Anstifter der Ihnen bekannten antisemitischen Bewegung. Es wäre unmöglich, den Ausbruch der Trauer und des Schmerzes zu beschreiben, welche diese Nachrichten bei der israel. Gemeinde hervorriefen. Ter Schmerz der Juden war um so größer, als die ausgegrabene Leiche auf dem rechten Ufer des Tigris in dem israel. Gottesacker dicht bei dem z „Cohen" bestattet werden sollte. Zweifelsohne! hätte sich alles so zngetragen, ohne den Schritt,! welche n sich im letzten Augenblick bei dem Muchir; zu thun für richtig fand. Ich machte den hohen; Beamten darauf aufmerksam, welchen Schmerz eine! öffentliche und bei Tage veranstaltete Ausgrabung! in der Gemeinde Hervorrufen würde. S. E. nahm mein Gesuch wohlwollend auf, und gestattete, daß die Operation bei Nacht und mit aller Schonung für die religiösen Gefühle der Israeliten vor sich ginge. Der Muchir gestattete uns sogar, die Leiche im innern städtischen Kirchhof zu bestatten. Die Uebertragung der Gebeine des frommen Rabbiners fand statt in der Nacht vom 5.-6. Dezember, in meiner Gegenwarr und in derjenigen des Herrn Cohen, unseres Lehrers der englischen Sprache, wie auch zweier Rabbiner. Der Vorgang wickelte sich ohne Störung ab, er hatte 8 Stunden gedauert. Ich muß eines Umstands erwähnen, der in der Stadt sehr viel Aufsehen erregte. Der Körper von Abdallah Somekh hat sich nicht im mindesten verändert seit seiner Bestattung im Cohen am 14. September. Die uns begleitenden Offiziere und Soldaten berichteten diese Seltsamkeit in der