Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1890)
- Date
- 1890-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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462 That mit dem Judenthum vollständig tabula rasa zu machen, sich bestrebte. War es ja die Reform, welche jenen Geist frivolen Leichtsinns propagirte, der die Auflehnung gegen das Gottesgesetz als ein Zeichen besserer, reinerer, religiöser Erkenntniß pries. Jahrhunderte lang aber hatten die deutschen Staaten den Juden ausgeschloffen von der Theilnahme an ihrem politischen und geistigen Leben. In die Gaffen der Ghetti mußte sich der Jude flüchten vordem Hohn und der Verachtung, welche ihm im Verkehr mit den andersgläubigen Staatsgenoffen entgegengebracht wurden. Hier in seinem Heim fand er den Frieden des Gemüths und die Erhebung des Geistes in dem Studium seiner Gotteslehre, für welche er ja in einem beispiellosen Heroismus jenes elende, gehetzte und gedrückte Dasein zu leben hatte. Es ist darum erklärlich, daß für die Pflege der außerhalb des eigenen Kreises angebauten Wissenschaften damals in jüdischen Kreisen wenig geleistet werden konnte. Als nun die Pforten der Ghetti sich öffneten und die vorurtheilsvolle und gehässige Gesinnung der Regierenden und des Volks gegen die Juden einer wohlwollenderen und gerechteren Platz zu machen sich anschickte — daß dieses Vorurtheil und dieser Haß noch zur Stunde im deutschen Reiche nicht als ungeladene Gäste überall behandelt werden, erfahren wir ja leider nicht allzuselten — da standen die Juden allerdings einem ihnen fremden Geiftesstrebcu gegenüber. Mendelssohn erschloß ihnen durch seine Uebertragung der heiligen Schrift in das Deutsche den Weg, um zur Theilnahme an diesem geistigen Leben und Streben zu gelangen. Fast gleichzeitig aber hatten die Friedländer u. A. m. mit einem Cynismus sonder Gleichen den Kampf gegen das Judenthum eröffnet. Mit Schrecken mußte man gewahren, wie die allgemeine Bildung, damals im jüdischen Kreise Hand in Hand mit dem Treubruch und Verrath am Allerheiligften auftrat. Wer wagt da den Stab über eine — allerdings kurzsichtige — Sorgfalt zu brechen, die zur Rettung des höchsten Guts das minder werthvolle preisgibt? So ist es buchstäblich wahr, daß die Reform sich der Ausbreitung der allgemeinen Bildung in jüdischen Kreisen hindernd in den Weg gestellt und sie es verschuldet hat, wenn allerdings die Theilnahme an dem allgemeinen Bildungs- und Wiffensstreben nicht überall in orthodoxen Kreisen sofort einer freudigen Zustimmung begegnete. Den hohen Geistern, welche Gott unserer Zeit zu Führern erstehen ließ, ist es zu danken, daß diese durch die Reform erzeugte Abneigung überwunden wurde und der orthodoxe Jude in Deutschland heute in keinerlei Hinsicht hinter einem andern Mitbürger zurttcksteht, sondern sich eins fühlt mit jedem Streben nach wahrer Erkenntniß. Das ist eine Thatsache, die keines weitern Nachweises bedarf, weil sie offen zu Tage liegt. Wenn deßhalb neuerdings wiederum einmal der klägliche Versuch gewagt wurde, von der Bilduugsfeindlichkeit der jüdischen Orthodoxie zu faseln, so richtet sich eine solche Verleumdung selbst. Die Orthodoxie fährt fort unter der alten Devise pN im oy min ns> für wahre Aufklärung und echte Bildung in ihrem eigenen Kreise zu wirken und theilzunehmen, freudig theilzuuehmen. an allen Bestrebungen im Staate und in der Gemeinde, welche darauf gerichtet sind, Wissenschaft und Bildung zu fördern und forlzuschreiten auf der Bahn des Wahren, Guten und Schönen. Die Orthodoxie ist Feind jeder Afterbildung und jedem hohlen, nichtigen Phrasenologismus: es ist darum begreiflich, daß sie sich der Angriffe der Reform zu erwehren hat. Literarische Wundschau. 8. Von den in jüngster Zeit bei der Redaction eingegangeucn Schriften seien hier einige in Zusammenhang erwähnt und kurz besprochen; ein Verfahren,' das wir für die Folge cinzuhalten gedenken, da bei den massenhaften Einläufen und dem zur Verfügung gestellten Raum nicht jedem Buche eine ausführliche Besprechung gewidmet werden kann. — Im August 1889 hat der Großh. Oberrath der Israeliten zu Karlsruhe einen Fragebogen an sämmtliche Synagogenräthe des Großherzogthums Baden versandt, um sich einen Ueberblick über die gottesdienstlichen Einrichtungen sämmtlicher israelitischer Gemeinden des Landes zu verschaffen. Die Fragebogen sind mit eingehenden Beantwortungen jetzt an die Ceutralbehörde zurückgelangt, und Herr D. Einstein, Direktor am Jsr. Landesstift zu Karlsruhe, hat die Ergebnisse in übersichtlicher Weise in einer kleinen Schrift. „Die Einrichtung des Gottesdienstes bei den isr. Gemeinden des Großherzogthums Baden"*) (Karlsruhe 1890, Selbstverlag)zusammengestellt. Regierungsrath Dr. D. H. Mayer, Mitglied des Großh. Oberraths, hat diese Schrift mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Diese Schrift bietet uns ein buntscheckiges Bild der verschiedensten Arten des Gottesdienstes in diesem verhältnißmäßig kleinen Lande. Die Gruppe, die *) Eine eingehendere Würdigung dieses Thema's behalten wir uns vor. Red.)