Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1890)
- Date
- 1890-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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444 Ihr Herr Recensent lehnt sich selbstredend an die Geschichtsdarstellung in jenem Werke an. Diese Darstellung ist, wie der Herr Herausgeber sagt, wegen des gänzlichen Mangels verläßlicher Quellen selbstredend als lückenhaft zu betrachten, daß aber die Schilderung aus neuerer Zeit ebenfalls incorrect wiedergegeben ist, muß auffallen. Wenn „Neuhergezogene" der Meinung sind, daß es je den Reformbestrebungen gelungen wäre, der Thätigkeit und dem Bestände der beiden Bruderschaften gefährlich zu werden und der Aufschwung derselben der Erstarkung der Orthodoxie zu verdanken sei, so ist dies keineswegs ein Jrrthum, wie der Herr Recensent annimmt. Wie es am Grabe unseres Heimgegangenen großen 21 Namens beider Bruderschaften hervorgehoben wurde, war er es, der durch sein aneiferndes Feuerwort den Bruderschaften die zur Verhütung eines Verfalles nothwendigen neuen Mitglieder zuführte. Uebrigens bleibt es unerfindlich, was den Herrn Recensenten veranlaßte, eine solche angebliche Meinung „Neuhergezogener" in Bezug auf die nron besonders hervorzuheben. Die Zeiten, in welcher die besondere Ecke des crn rvu für die „Fremden" in Benutzung war, sind vorüber, die „Hergezogenen" sind ebensogute Mitglieder als Jeder, dessen Wiege in der Judengasse zu stehen den Vorzug hatte und — unter den derzeitigen 23 Mitgliedern der DHDn »boun Enp tosn befinden sich 16 Hergezogene. L. M. Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 17. März. Der Antisemiten-Führer Schönerer erklärt in seinem Blatte, die Ursache seiner Zurückziehung von der öffentlichen politischen Thätigkeit sei der Verrath, die Untreue, die Unaufrichtigkeit,die Schwindelei, die Nergelei, die Streberei, die Muthlosigkeit und dann die Verflachung des deutschen nationalen Gedankens, die sich in dem deutschnationalen und antisemitischen Parteilager immer mehr auszubreiten begonnen. Wien, 19. März. Bei den heutigen Gemeinderathswahlen aus dem dritten Wahlkörper errangen bei lebhaftester Betheiligung die Antisemiten namhafte Erfolge, indem sie drei Mandate (Landstraße, Alsergrund und Favoriten) behaupteten und vier (Wieden, Neubau und Favoriten) gewannen. Die Liberalen behaupteten sich in der Innenstadt und Leopoldstadt. Der Antisemiten-Führer Lueger wurde auf Landstraße mit 1901 gegen 1316, der antisemitische Geistliche im Alsergrund Latschka mit 1298 gegen 1043 Stimmen wieder gewählt. Auf Wieden siegten zwei Antisemiten mit 1178 gegen 929 Stimmen und auf Neubau Antisemit Stehlik mit 1656 Stimmen gegen die liberalen und demokratischen Kandidaten, welche zusammen 1339 Stimmen erhielten. Lueger wurde auf Landstraße gefeiert und sein Wagen von den Antisemiten gezogen. Wien, 19. März. Das Ergebniß der heutigen Gemeinderathswahlen, schreibt die „N. Fr. Pr.", ist wohl geeignet, zu ernsten Betrachtungen herauszufordern. Nicht ohne Grund glaubte man seit einiger Zeit, aus verschiedenen Anzeichen auf einen Niedergang jener unseligen Bewegung schließen zu dürfen, welche nun schon seit Jahren alle Claffen und Stände zersetzt, jede der Gesammtheit Segen bringende öffentliche Thätigkeit lahmlegt und Ziele anstrebt, deren Bekämpfung durch viele Jahre die besten Männer Oesterreichs als ihre Lebensaufgabe betrachtet haben. Es ist nicht zu bestreiten, daß in großen Kreisen in der That eine Ernüchterung platzgegriffen hat, welche sich in mannigfachen Erscheinungen der letzten Zeit äußerte; die heutigen Wahlen aus dem dritten Wahlkörper aber zeigen, daß sich dieser Beginn eines Gesundungsprozesses noch nicht bis in die Massen der Wählerschaft erstreckt, ja daß das Uebel sich noch vertieft und verschlimmert und namentlich in den unteren Schichten des Mittelstandes noch weiter um sich gegriffen hat. Unter solchen Verhältnissen heißt cs mit den Thatsachen rechnen und jede Selbsttäuschung vermeiden. Die diesjährigen Wahlen werden den Antisemiten eine ansehnliche Verstärkung zuführen, und es muß allen Ernstes die Eventualität ins Auge gefaßt werden, daß die Verwaltung Wiens in wenigen Jahren in die Hände dieser Partei gelegt sein wird. Und nun wirft sich die Frage von selbst auf: Was dann? Der einstige Präsident der Vereinigten Staaten, Grant, that einmal den Ausspruch, ein schlechtes Gesetz werde am sichersten und schnellsten abgeschafft, wenn man es in Vollzug setze. Aehnlich verhält es sich vielleicht mit der Epidemie, welche heute die Massen ergriffen hat. Wenn der Antisemitismus erst so weit gediehen ist, daß er die Zügel der Verwaltung in seine Hand nehmen muß und seine Thätigkeit nicht mehr auf Brandreden und Verhetzung der Gesellschaft beschränken kann, sondern hohe und schwierige Aufgaben zu lösen haben wird, dann wird sich die ganze Schalheit, das ganze Unvermögen der heutigen „Volksmänner" in einem Maße erweisen, daß auch den fanatischesten Annnd Nachbetern dieser Tagesgrößen die Schuppen von den Augen fallen werden. Das Recht, zu klagen, haben sie freilich verwirkt. Sie werden ernten, was sie gesät haben, und zu spät erkennen, daß diejenigen nicht ihre Freunde waren, welche sie durch so viele