Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1890)
- Date
- 1890-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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334 dieser wichtigen Frage eine Art zur Schau tragen, die anderswohin gehört, als in die Volksvertretung. Wenn es dahin kommen sollte, daß der Stöcker'sche Geist unsere Schulen erfüllt, dann würde alles andere daraus hervorgehen, als Heil für-unser Vaterland; dann wurde Unfrieden und Unheil einziehen. (Beifall kinks.) Abg. Enneccerus (nat.-lib.) gibt bezüglich der Ascenfionsverhältnisse dem Minister anheim, daß nicht Lehrer eingeschoben werden sollen von einer Anstalt an die andere, daß die Ascension durch die ganze Provinz gehen solle. Nothwendig ist ferner die Gleichstellung der Lehrer an staatlichen und städtischen Lehranstalten. Zum Schluß muß ich mich zu den letzten Aeußerungen des Herrn Stöcker wenden, die ich nicht allein nicht billige, sondern lebhaft bedaure. Herr Stöcker will besondere Judenschulen gründen. Dadurch würde der Gegensatz zwischen Juden nnb Christen verschärft, gerade in den Kreisen, die besonders zur Pflege der Toleranz beitragen sollen, in den akademischen Kreisen. Oder will Herr Slöcker auch jüdische Universitäten begründen? Ich bin so glücklich, jüdische Kollegen zu besitzen und stelle dieselben in keiner Weise unter meine christlichen Collegen. Jemehr Sie die Scheidung der christlichen und jüdischen Eleniente in der besseren Gesellschaft befördern, desto mehr wird der Gegensatz verschärft. (Beifall links.) Die Ausführungen des Herrn Stöcker führen ohite und wider seinen Willen weit über das hinaus, was er selbst beabsichtigt. Er wird bei seinen Anhängern den Wunsch wachrusen, daß die Juden überhaupt von den höheren Anstalten ausgeschlossen werden. Wir kämpfen gegen Alles, was schlecht ist bei Juden und Christen. Aber Dasjenige zu bekämpfen, was wir bei den Juden achten sollte,!, der Bildungstrieb, dazu werden wir uns niemals hingeben. (Lebhafter Beifall links.) Abg. Sombart (nat.): Ich glaube, daß der Vorredner den Standpunkt unserer Partei in der Judenfrage richtig vertreten hat. Abg. Rickert (freist»: Nachdem Herr Stöcker die Debatte auf ein solches Niveau gebracht hat, müssen alle übrigen Punkte dagegen verschwinden. Ich kann nicht der Meinung sein, daß diese Hetzrede eines evangelischen Geistlichen (Oho! rechts) gegen unsere Mitbürger ein würdiges Stück in unserer parlamentarischen Geschichte ist. Herr Stöcker glanbt sich autorisirt, im Namen seiner politischen Frennde diese Rede zu halten. (Zuruf rechts: Jawohl!) Diese Bestätigung war gar nicht nöthig, denn ihr lebhafter, ans der tiefsten Seele kommender Beifall, ihr sichtliches Vergnügen an der Rede sprach deutlich genug. Die Rede, zu welcher die Tribüne dieses Hauses mißbraucht worden ist, ist ausklärend für die Welt. (Widerspruch.) Herr Stöcker, der Prediger der christlichen Liebe, hält diese Rede hier im Hause; es wäre kein Wunder, wenn sich von dieser Rede aus der Zündstoff weiter verbreitete im Lande. (Widerspruch rechts.) Bedauerlich ist, daß der Kultusminister, an den die Rebe gehalten war, kein einziges Wort erwiderte. Ich denke über die Pflichten eines Kultusministers anders. Ich hätte von ihm einen Protest erwartet gegen die intolerante Haltung des Herrn Stöcker. Ihm ist die Verantwortlichkeit für die SchuleKanvertraut. Ist der Herr Kultusminister einverstanden mit der Tendenz, die aus jener Rede hervortritt? Diejenigen, welche diese Bestrebungen nicht billigen, werden dann wissen, was sie zu thun haben. Ihnen sind die Zustände unerträglich, daß Ihre Kinder mit jüdischen Kindern auf einer Schulbank sitzen sollen. (Widerspruch rechts.) Was sollte denn die ganze Rede bedeuten? Die Juden sind ja doch sonst ganz gut, wenn es sich darum handelt, einem Junker eine reiche jüdische Heirath zu verschaffen, wenn die Juden Geld geben für konservative Zwecke. Wenn die Juden einen stärkeren Bildungsdrang haben, sollen sie deswegen bestraft werden? Stehen Sie mit der Forderung der jüdischen Schule auf dem Boden der . Verfassung? Es wird Ihnen nicht gelingen, den jüdischen Geist von dem deutschen Geist zu trennen. Ich glaube nicht, daß das Wort des Herrn Stöcker im Stande ist, dafür etwas zu thuu. Was wäre die conservative Partei ohne den Juden Stahl? Ist es denn so schrecklich, daß jüdische Kinder von christlichen Lehrern unterrichtet werden? Zeugt die Furcht, welche Herr Stöcker hegte, von der Macht des christlichen Gedairkens? Herr Slöcker glanbt selbst nicht, daß das deutsche Volk schon reif ist, um die Stöcker'schen Ideen zu verdauen. Ec niacht eine elegante Wendung: jüdische Kapitalisten, jüoische Rechtsanwälte seien zur Sozialdemokratie übergegangen. Er thut so, als wenn die jüdischen Elemente den Umsturz befördern. Das steht mit den Thatsachen vollständig im Widerspruch. Der Geist der Toleranz, der in Preußen immer zur Geltung gekommen ist, wird nicht so leicht vernichtet werden. Der Geist, der ans der Stöcker'schen Rede hervorwehte, ist nicht der Geist Friedrichs des Großen, der den Fanatismus, den falschen Eifer, die Verfolgung der Inden mißbilligte. Seine Geschichte Brandenburgs schloß er mit den Worten: Die Toleranz ist die zärtliche Mutter, welche die Länder nährt und bevölkert. Wenn die beste Form der christlichen Religion darin bestehen soll, daß rnan gegen gleichberechtigte Mitbürger Hetze treibt, dann danke ich für sein ganzes Ehristenthnin. (Lebhafter Beifall links.) Minister v. Goßler: Ich hätte nicht erwartet, daß ein solcher Appell an inich gerichtet würde. Ich habe die harten Stellen in der Rede des Herrn Stöcker nicht entdeckt. Herr Rickert hat die Rede so bekämpft, wie er gewünscht hat, daß sie hätte gehalten werden sollen. (Zustimmung rechts.) Die Gestaltung des höheren Unterrichts in konfessioneller Beziehung ist sehr schwierig. Er muß so eingerichtet werden, daß jeder Zutritt zu den höheren Lehranstalten hat. Ein Recht hat er nicht darauf, daß die Lehre seiner Confession vorgetragen werde. Darüber hinaus ist es aber klar, daß, wenn eine starke konfes, sionelle Mischung eintritt, erhebliche Schwierigkeiten erwachsen. Das Volksschulwesen kann man konfessionell gestalten, aber das ist unntöglich bei den höheren Lehranstalten. Der Weg, den die Kinder zurücklegen müssen, wenn konfessionelle Anstalten! eingeführt werden sollten, wäre einfach gar nicht zu überwindcn. Die Zahl der jüdischen Schüler auf jeinigen schlesischen Gymnasien war so angewachsen, daß an jüdischen Feiertagen gar keine Schule mehr gehalten werden konnte. (Hört! hört! rechts.) Es ist aber sehr schwierig, die höheren Lehranstalten konfessionell zu gestalten. Auf den Universitäten sind mehr als 9 pCt. der Studirenden Juden, während die sindische Bevölkerung nur 1.29 pEt. des preußischen Volkes ausmacht. Die jüdische Bevölkerung befindet sich hauptsächlich in den Städten. Hier liegt ein Problem, welches man sich gestalten kann, wie man will. (Abg. Rickert: Hört? Heiterkeit rechts.) Ich weiß nicht, welche Schlußfolgerungen Sie daraus ziehen wollen. Die Auswahl der Lehrer wird durch solche Verhältnisse schwieriger. Wie sollen die Lehrer ihre Lehrmethode einrichten? Es gibt doch gewisse Fragen, wo jeder Lehrer auch seinem religiösen Gefühl Ausdruck gibt. Tas sind Fragen, welche die Unterrichtsverwaltnng beschäftigt haben und beschäftigen müssen. Der Gedanke ist ja an sich nichts Ungeheures, daß einmal eine Töchterschule nur von jüdischen Mädchen besucht würde. Die Inden können für sich allein bleiben, aber ich habe den Eindruck, daß die Jndeir sich nicht gern absondern, sondern lieber in Simultanschulen gehen. Ich habe von der Rede Stöcker's nicht den Eindruck gehabt, daß er die Unterrichtsverwaltnng zu irgend welchen Maßregeln antreiben wollte. Ich habe viel reichhaltigeres Material als Herr Stöcker, aber ich habe noch niemals einen Juden damit bedrückt. (Beifall.) Abg. Stöcker: Ich habe nichts tveiter gewollt, als den Finger auf diese Wunde zu legen. Dazu bin ich berechtigt und