Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1890)
- Date
- 1890-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage;u M 24 i«» „Israelit" & „Ieschurun Leitender Artikel. Die Sidjulüflumc im preußischen Canötng. Berlin, 20. März. Lei der heutigen Berathung des Cultus-Etats im Preußischen Landtag kam es beim Kapitel „Höhere Lehranstalten" zu einer längeren Debatte über den Besuch jüdischer Kinder in diesen Anstalten. Stöcker will nicht nur die jüdischen Kinder ans den Volks-, sondern auch aus den höheren (schulen entfernt wissen, für welche besondere Lehranstalten (also auch Gymnasien, Real- und höhere Töchterschulen) errichtet werden sollen. Der Kultusminister v. Goßler bemerkte hierzu, daß man wohl das Volksschulwesen confessionell gestalten könne, was aber bei den höheren Lehranstalten unmöglich wäre. Bezeichnend ist der Beifall, mit dem die Rechte die Rede Stöckers begleitet hat. Nachdem Abg. Stöcker ein Wort für die klassische Bildung eingelegt, fährt er fort: Ich wollte aber eigentlich ein Wort sagen in Bezug auf die Ueberlastnng der höheren Schulen mit jüdischen Elementen. (Aha! links.) Es ist merkwürdig, wie schon die Nennung dieses Wortes eine solche Aufregung verursachen kann. (Heiterkeit.) Es sind ans diesem Gebiete gewisse Uebelstände vorhanden, welche für die Bildung der Schüler gefährlich werden. Es handelt sich um Uebelstände, die in gewissen Städten besonders verbreitet sind, namentlich Breslau, Berlin, Frankfurt n. s. w. In Berlin sind von den Schülern 1898 jüdische, 6904 evangelische, 278 katholische und 26 disfidentische. In den höheren Elassen ist das jüdische Element im Verhältnis; noch stärker vertreten. In dem ungeheueren Prozentsatz der Juden liegt die Gefahr. Aehnlich liegen die Verhältnisse in den höheren Töchterschulen, wo sie znm Theil noch viel schlimmer sind. In den höheren Töchterschulen sind 1639 jüdische, 3646 evangelische und 63 katholische Schülerinnen. Der Fall Boretius ist ja bekannt, aber nicht bekannt ist die Versügnng des Provinzialschnlkolleginms, in welcher es heißt, daß jetzt noch viel Plätze in den höheren Töchterschulen frei seien. Wenn aber einmal keine Plätze mehr frei sein sollten, dann werde das Prooin.ialschulkollegium erwägen müssen, ob nicht in die Konzessionsurkunde die Verpflichtung zur Aufnahme jüdischer Schüker aufzunehmen ist. Ich hoffe, daß das niemals geschehen wird, und bitte den Minister, darüber eine Erklärung abzugeben. Auch in den Volksschulen Berlins ist schon eine größere Zahl jüdischer Schüler, so das; es ganz am Platze wäre, besondere jüdische Volksschulen zu errichten. Ebenso liegt es in anderen Städten. Wetin zu der Ueberproduktion von Halbgebildeten das jüdische Element ein so großes Kontingent stellt, so wird die Gefahr noch größer, lieber bas konfessionelle Gebiet will ich nicht reden. (Heiterkeit links.) Die große Zahl der jüdischen Schüler hat zur Folge, daß jüdische Lehrer angestcllt werden. (Zuruf links: Schreckliches Unglück!) Wenn der nationale Geist überall zur Geltung gebracht werden soll, so ist alles Reden überslüssig, wenn der jüdische Lehrer Geschichte lehrt. Wie kann ein Jude die Geschichte so lehren, daß er den Gang Ehristi durch die Weltgeschichte darlegt. Ein Jude muß ja die Re ormation und ihren Einfluß aus die Geschichte begreifen können, aber wird sich nicht dafür begeistern können. Die jüdischen Schüler und Schülerinnen sind ein anfhaltendes Element für die anderen; es fehlt ihnen eine ganze Menge von Kenntnissen, die den Christen geläusig sein müssen. Das ist ein pädagogischer Nachtheil. Wenn wir uns die Energie des Denkens aneignen, die jetzt sehr nothwendig ist, können wir zur Abhilfe kommen. In Frankfurt a. M. sind zwei jüdische höhere Schulen begründet und zwar von Juden selbst. Warum sollen wir das nicht ebenfalls thun? Eine Schwierigkeit bietet nur der Sabbat. An diesem ist keine Schule und am Sonntag auch nicht. Aber das ist kein Unglück. In Frankreich ist prinzipiell ail einem Tag der Woche keine Schule und nur an fünf Tagen Unterricht. Die Juden bezahlen ihre Steuern, warum soll der Staat also keine jüdischen Schulen einrichten? Dann könnte der Unterricht aufbaucn auf konfessioneller Grundlage. Das uichtsglaubende Reformjudeuthum ist viel gefährlicher als das altgläubige Judeuthum. (Sehr richtig! rechts.) Aber man sagt: In der Schule müssen die Juden mit deutschem Geist durchdrungen werden. Die Schule ist dafür nicht der Boden. Religiöse Ideen sind nur dann wirksam, wenn sie in festen Formen gegeben werden. Ein blos dämmerndes, in der Luft schwebendes Religionsleben ist nichts Werth, es ist nicht geeignet, tüchtigere Charaktere zu schaffen. Daß wir in solchen Prozentsätzen Juden in die deutschen Schulen ausnchmen sollen, ist keiile Gleichberechtigung; das ist eine Mehrberechtigung. (Zustimlnuug rechts.) Die Zulassung einer bestimnrten Prozentzahl ist nicht uiöglich, denn dadurch wird die pädagogische Schwierigkeit nicht beseitigt. Tie Juden haben so viel Werth darauf gelegt, eine jüdische Hochschule zu haben; warum sollen sie nicht auch in den unteren Stufen besondere Schulen haben? Es ist eine Gefahr, daß die jüdischen gebildeten Kreise von der Demokratie zur Sozialdemokratie übertreten. Die Gleichberechtigung dcr Juden ist ausgesprochen; viele werden das schon bedauern. Wir müssen die Kräfte zur Bekämpfung der Juden stärken, wir niüssen den sittlich religiösen und deutsch-nationalen Geist auf den höheren und niederen Schulen verbreiten und uns dann ein junges Deutschland heraubilden, welches eintritt für Deutschland bis zum Blutstropfen. (Beifall.) Ich weiß, wie schwer es ist, in der Judenfrage Punkte zu finden, welche zur Verhandlung reif sind. Es sind nur zwei Fragen spruchfrci: die freie Advokatur und die Frage der Ueberfüllung der höheren Schulen. (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Knörcke (freist): Es ist charakteristisch für die Herren von der Rechten, daß sie nach den heftigen Angriffen des Herrn Stöcker gegen die Juden — (Zuruf: Sind gar keine Angriffe!) Dann ist es wohl die besondere Stöckersche Liebe zu den Juden, die Sie ihnen entgegenbringen. (Heiterkeit rechts.) Ich wollte eigentlich einige andere nebensächliche Fragen behandeln, aber jetzt will ich Herrn Stöcker antworten. Wo sollen denn die Inden hin? (Zuruf rechts: In die Judenschule!) Es hat den Anschein, als wenn hier ein jüdischer Kulturkampf angesaugen werden soll. (Widerspruch rechts.) Sie nennen das Toleranz, wenn Sie das Wort „Juden raus!" in die Wirklichkeit übersetzen. Was Herr Stöcker gesagt hat, ist durchaus nicht im Geiste der evangelischen Kirche. (Große Unruhe und Heiterkeit rechts.) Ich finde es wenig angemessen, daß Sie bei