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Der Israelit · 1890-03-24 · Heft 24 (24.3.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 24 (24.3.1890)
Date
1890-03-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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heit und Unklarheit auf dem Gebiete des religiösen Wissens, Denkens und Lebens entstanden ist, wie noch niemals in Israel, so daß wenn nicht die Orthodoxie dem wahnwitzigen Anstürmen der Reform erfolgreichen Widerstand geleistet hätte, die Juden in Deutschland einer geistigen Umnachtung verfallen wären, aus welcher sie sich niemals wieder hätten erheben können. Im Gegensatz der Reform ist es der Orthodoxie möglich gewesen, die Verbindung echt jüdischen Geistes und Lebens mit allgemeiner Bildung und Wissenschaft zu bewirken. Die Reform gab das Judenthum Preis um der allgemeinen Bildung willen und hat auch diese nicht gewinnen können. Denn die wahre, echte Bildung erschöpft sich gewiß nicht in der Aneignung gewisser gefälliger Umgangsformen, in der Erlernung gewisser Fertigkeiten und Kenntnisse. Wahre, echte Bildung hat sich nur der zu eigen gemacht, der sein ganzes Wesen zu einer über das Niedere sich erhebenden Vervollkommnung ausgestaltet hat, dessen Streben sich dem Idealen zuwendet, dessen Thätigkeit von einem sittlichen Prinzip beherrscht, dessen geistiges und sinnliches Leben von eben diesem Prinzip geregelt wird. Ohne Religion ist Bildung demnach nicht denkbar, denn die Religion allein vermag das feste sittliche Lebensprinzip zu gewähren. Die Reform hat aber ihren Gläubigen das religiöse Bewußtsein geraubt und sie haltlos dem Zweifel ihres Geistes und den wechselnden Empfindungen ihres Herzens überantwortet, so daß ihr Leben sich in schwankenden Widersprüchen und Gegensätzen vollzieht. Wo ist da jene Harmonie der Gesinnungen, jene Uebereinftimmung der Gefühle, jene Einheit der Gedanken, welche die Kennzeichen der wahren, echten Bildung sind, die den innern Frieden und die Ruhe des Gemüths in jeglicher Lebenslage zu erzeugen weiß? O gewiß, der alte im unscheinbaren Gewände auftretende Großvater, welcher den Zwerchsack auf der Schulter vom ersten Tage der Woche bis zum letzten von Dorf zu Dorf zog und sich an dem frugalen Mal ein Genüge sein ließ, das er bei sich trug, der in der Scheune oder dem elenden Dorfkruge sein Lager aufsuchte, den Hohn und Spott des Pöbels gleichmüthig ertrug, in der gewissenhaften Erfüllung der Religionsgesetze Erhebung derSeele und Kraft fand in dem schweren Kampf des Daseins, er ragte an Bildung weit über den Enkel empor, welcher auf den Großvater mitleidig hinabschaut und dessen ängstliche Gewissenhaftigkeit und opferwillige Treue gegen das Religionsgesetz als naiven Köhlerglauben belächelt. Er, der Enkel, trägt ja ein feines Kleid, wohnt in einem prächtigen Palast, fährt in stolzer Karosse einher, bewegt sich in höfischen Umgangsformen, ergötzt sich an den ausgesuchtesten Genüssen eines raffinirten Geschmacks und hat sich eine Reihe von Fertigkeiten und Kenntnissen augeeignct, von welchen Jener keine Ahnung hatte. Das Wesen des Alten aber war von einem idealen einheitlichen Lebensprinzig durchdrungen und zu einem harmonischen Ganzen gestaltet. Er trug den Frieden im Herzen, er fand das Glück in seiner Hütte. In ihm war es hell und klar, er kannte seine Pflicht, er verstand seine Aufgabe als Jude und genoß jener wonnevollen Seligkeit, die dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung entspringt. Der Enkel hingegen sucht den Frieden und findet ihn nicht, sein Leben vollzieht sich in lauter Widersprüchen. Er jagt dem Gewerbe und dem Genüsse nach und kennt in diesem Streben keine andere Schranken als das Gesetz des Staats, welches zum Schutz der Gesammtheit gegen die Willkür des Einzelnen gegeben ist, das aber weder den Zweck hat noch dazu befähigt ist, das menschliche Wesen zu der Höhe wahrer Bildung zu erheben, das überläßt der Staat der Religion. Für das in jedem Menschen lebende religiöse Bedürfniß winkt ihm nirgend Befriedigung. Die Reform, der er sich in die Arme geworfen, vermag sie ihm nicht zu gewähren. Was er zur Beschwichtigung seiner Seele als Religionsübung vollbringt, steht im Widerspruch zu seinem übrigen Thun und Lassen. Er feiert den Jom-Kippnr ja, warum denn eigentlich? Dasselbe Gesetz, welches den Jom-Kippur vorgeschrieben, hat auch den Sabbat als nicht minder heilig geboten. Er erscheint in dem Tempel und verneigt sich vor der Thora, die er als das Wort Gottes preist. Ja wenn sie dieses ist, so hätte er doch den Geboten der Thora Gehorsam zu leisten. Er schließt seine Ehe „nach dem Gesetze Moses und Israel", er führt seinen Sohn ein in den Abrahamsbund, ja, warum führt er denn seine Ehe nicht nach diesem Gesetze und warum erzieht er seinen Sohn nicht in dem Geiste und Leben des Abrahambunds? (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 23. März. Auf mannigfache Anfragen an die Redaction dieses Blattes, weßhalb die Artikel über „Perek Schirah" sowie die Erklärungen der „Hagadah schel Pcsach" seither nicht fortgesetzt wurden, theilen wir den geehrten Lesern mit, daß der Verfasser dieser Aufsätze, unser Chefredacteur Herr Rabbiner vr. Lehmann »"j, seiner sehr ge-

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