Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1890)
- Date
- 1890-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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407 ben meisten Menschen verborgen. Aber darin besteht des Lebens Räthsel gerade, des Lebens hoher Zweck, daß wir dem Unbegreiflichen überall begegnen, es aber in seinen Wirkungen überall anerkennen müssen, wie wir auch die Wirkung unseres Gottesgesetzes überall erblicken. In ihm ist für uns der Geist Gottes gleichsam niedergelegt. Alles hat sich daher zu unterwerfen. Aus einer fernen, fremden Welt spricht es zu uns, nicht immer verständlich , aber nur das Reinste, Erhabenste, Vollkommenste von uns wollend, uns zu fast mehr als irdischen Anforderungen auffordernd, uns verhüllt zeigend, daß der Mensch Ueberirdisches leisten soll und kann. Darum stehe es da für uns als das Heilige, Erhabene, Göttliche ans Erden, dem selbst der Hohepriester nur an dem Tage nahen darf, den wir ganz dem Höchsten weihen, wo wir uns ganz vom Irdischen losreißen, am Versöhnungstage. Die Lehre, die nickt dieser Erde entstammt, nicht wie andere Gesetze von Menschen gemacht, die gleich uns selbst aus Gottes Hand hervorgegangen, sie muß uns oberste Richtschnur sein. Sie allein vermag auch unserem Geiste die richtigen Wege zu zeigen, ihr sich zu unterwerfen. Wo nicht der Gedanke an ein Gottesgesetz vorhanden ist, da wird auch kein ptpo errichtet werden, da kann kein Gottvertrauen vorhanden sein, da fehlt das richtige Erfassen der Menschenaufgabe, der Sporn zur Tugend und Veredlung, da fehlt der Begriff der Dankbarkeit Gott gegenüber, da fehlt die Erkenntniß der Abhängigkeit von Gott, die Erkenntniß der Fehler und Sünden, da glaubt man vollkommen zu sein und ist doch nicht viel besser, als jedes andere Geschöpf. Unser Volk sollte vor solchen Verirrungen im Großen bewahrt bleiben und darum mußte es ein ptsrö errichten, damit es stets erkenne, daß Gott in seiner Mitte weile. Vergessen wir nicht, daß im Monat Nissan die Einweihung des prr-v stattfand und so demselben noch eine erhöhte Bedeutung verleiht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 15. März. In der gestrigen Versammlung der Christlich-Sozialen fand nach einem Vortrage Stöckers eine Art Aussöhnung und Verbrüderung mit dem zum Reichstagsabgeordueten gewählten Liebermann von Sonnenberg statt. Adolf Wagner begrüßte die Wahl der vier Antisemiten, gerade in Hessen, wo die Juden toll gehaust hätten, *) und fuhr dann fort: Es ist aber eine antisemitische Täuschung, zu glauben, daß alle sozialen Angelegenheiten in der Judenfrage aufgehen. Die Verhältnisse würden ganz ebenso liegen, wenn nicht ein einziger Jude vorhanden wäre. Die ganze Sozialpolitik nützt wenig, fast nichts, wenn es nicht gelingt, den großen Vermögensbildungen entgegenzutreten. Die Rothschilds haben ein Vermögen von 3 bis 4 Milliarden, 150 bis 160 Millionen Zinsen zu verzehren. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Der Amerikaner Vanderbilt hat ein Vermögen von 200 Millionen Dollars, Aftor ein solches von 150 Millionen. Diese kolossalen Vermögen bilden eben die Gefahr. — Geradezu elend, erbärmlich ist es, wenn nun diese Vermögen dazu benutzt werden, um durch große Grundstückspekulationen Gelder über Gelder anzuhäufen. Diese Vermehrung, diese Ausbeutung wächst eben aus den wirthschaftlichen Verhältnissen heraus. Liebermann von Sonnenberg: Ich weiß mich im Allgemeinen eins mit Herrn Professor Wagner, aber wir leben nicht in Amerika; bei uns in Deutschland sind es einzig die Juden, welche die großen Vermögen anhäufen und dadurch die Gefahren heraufbeschwören. Professor A. Wagner: Ich muß nochmals betonen, sich vor Uebertreibungen zu hüten. In Bremen und Hamburg liegt der Großhandel größtentheils in germanischen Händen; großes, gewaltiges, sich vermehrendes Vermögen besitzen in Deutschland zahlreiche arische Familien. Wir dürfen nicht immer in den Fehler verfallen, alle Schuld von uns abzuwälzen. Es ist wirklich für den deutschen Charakter kein gutes Zeichen, daß es den Deutschfreisinnigen gelungen ist, mit einem solchen Flugblatt wie das hier vorliegende — es ist das bekannte, bas bildlich die Vertheuerung der Lebensmittel darstellt — die Wählermassen zu kaptiviren. Kein Volk liegt so viel wie die deutsche in den Kneipen. (Rufe: Nicht wahr! Schluß!) Die Italiener und Franzosen sind sparsamer. Der Deutsche müßte sich bei einem solchen Flugblatte sagen, *) Wie stimmt das, mit dem, was dem Lieblingsorgan der Antisemiten „der Kreuzzeitung" diesbezüglich aus Hessen geschrieben wird? „Die sozialdemokratische und antisemitische Agitation", heißt es in dieser Correspondenz. „welche ihre Lehren von Haus zu Haus trägt, sorgt für den Widerwillen, welcher den Besitzenden gegenüber angesacht wird, für den Haß gegen die gebildeten Klassen. Unser Land ist keineswegs so arg verjudet, die Antisemiten haben nur in solchen Landestheilen Loden gefunden, wo eine von jüdischem Einflüsse wenig berührte ländliche Bevölkerung wohnt, im Hunauschen und Fuldaschcn, wo tharsächlich die Juden das Geschäft in der Hand haben, ist von Antisemitismus keine Spur." (Redaktion des „Israelit und Jeschurun".)