Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1890)
- Date
- 1890-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Minorität macht, ähnelt bei Lichte besehen ganz dem Rabbiner nach dem Herzen des Herrn Stern. Hier dasselbe Verfteckspielen, dieselbe Unwahrheit: die Minorität soll nicht vergewaltigt werden, aber die Majorität hat sie auch nicht zu fördern — da liegt der Kernpunkt. Die Majorität soll ganz nach der Milde und Güte des Verf., wie wir sie oben schon erörtert haben, verfahren. Sie wird nichts dagegen haben, wenn die Minorität ihren Geldsäckel öffnet und mit schweren Opfern sich alle die Institutionen schafft, die sie als nothwendig für die Erfüllung ihrer religiösen Bedürfnisse erachtet, sie darf sich einen Rabbiner für ihr Geld berufen, sie darf sich für ihr Geld eine Synagoge bauen, für ihr Geld ein Bad anlegen u. s. w., sie muß aber der Gemeinde beisteuern, denn die Majorität hat sie „nicht zu fördern", und das nennt man nicht vergewaltigen. „Was ist die deutsche Sprak," könnte man hier mit Riccaut de la Marliniere ausrufen, „doch ein merkwürdig Sprak." Das soll eine Regelung sein, „die den Gemeinden Frieden brächte." Dem Rabbiner, nach dem Sinne des Herrn Stern, ja! „Er wäre befreit von dem Kampf um seine Position, befreit aber auch von den Seelenkämpfen, in denen sich gebildete Rabbiner befinden. Er müßte nicht seine besten Kräfte daran setzen, Dogmen zu vertreten, die er nicht glaubt und für Gebräuche einzutreten, die gar kein Recht für sich in Anspruch nehmen können, für die nichts spricht als ihr Alter." Freilich, für solche Herren, wie sie hier bezeichnet werden, ist das „dogmafreie Judenthum" eine gefundene Domäne. Wir glauben allerdings zur Ehre des Rabbmerftandes, daß es wenige solche gibt, die um des lieben Brodes willen zu Heuchlern und Lügnern werden, wie diese sind, für deren Frieden der Herr Rabbiner von Mißlitz eintritt. Wen führt aber der Verf. als Gewährsman für die Theorie an, daß der Rabbiner immer mit der Gemeinde gehen müsse? Keinen geringeren als den Propheten Jeremias, der schließlich mit den Einwohnern Jerusalems nach Egypten gegangen sei, obgleich er selbst vor der Auswanderung dorthin stets gewarnt habe. Gibt es eine größere Flunkerei als dieses Argument? Eine Frage von vorwiegend politischer Natur — denn nach dem Kriegszuge Sanheribs war die Auswanderung nach Egypten kein religiöses Verbot — mit einer religiösen zu verquicken, die aber schon aus dem Grunde, selbst wäre sie religiöser Natur, mit dem Satze des Herrn Stern nichts gemein hat, da ja Jeremias nicht freiwillig ging, sondern fortgefchleppt wurde. Den Satz „der Rabbiner soll immer mit seiner Gemeinde gehen", kann eben nur ein Rabbiner des dogmafreien Judenthums zu seinem Dogma machen, wir aber wollen ihn auch im Hinblick auf einen solchen unterschreiben, indem wir uns durch Streichung der Worte „mit seiner Gemeinde" eine kleine Correktur erlauben. Der Verf. verspricht sich aber von dem dogmafreien Judenthum einen anderweitigen großen Gewinn, eine Art Kiddusch haschem. „Das dogmafreie Jndenthnm wird daher auch gern Mitkämpfer aus andern Konfessionen annehmen, es hört vielleicht auch auf, den Eintritt in das Judenthum durch Bedingungen zu erschweren, denen sich nicht leicht jeder unterziehen mag. Will sich diesen Bedingungen ein Konvertit unterziehen, so freuen wir uns, denn er anerkennt ja damit den negativen Zweck des Judenthums, will er sich ihnen nicht unterziehen, so genügt neben den unvermeidlichsten äußerst reduzirten Formalitäten das einfache Vekenntniß, daß er fortan dem Judenthum angehören wolle. Die Uebertritte ins Judenthum sind für dasselbe ein^Gewinn, weil jeder einzelne Uebertritt einen Sieg über die Anfeindung des Judenthums bedeutet, die Verachtung desselben verringert und die Zahl der Mitkämpfer vergrößert." Man muß anerkennen, daß der Verf. äußerst erfindungsreich und eine fruchtbare Phantasie besitzt, deren Gebilde aber so bedenkenerregend sind, daß man ihm den guten Rath geben sollte, einige Zeit die Feder ruhen zu lassen und die Nerven zu schonen. Wovor sich also das Judenthum bisher wohlweislich gehütet hat, Konvertiten zu werben, darauf soll es jetzt ausgehen, das soll die Anfeindung des Judenthums einschränken. Wird nicht dies gerade Waffen in die Hände unserer Gegner liefern? Wie wird man erst dann, wenn Konvertiten in Masse zu uns kämen, das Stichwort von der Verjudung der Welt ausbeuten! Allein wir, die wir uns der Konvertiten so viel wie möglich erwehren, brauchen uns vor dem großen Zuzug, obgleich Herr Stern ihn in seiner liebenswürdigen Weise, die wir an ihm gewöhnt find, bis zum Erstaunen erleichtern will, so daß ihm eine einfache Erklärung genügt, nicht zu fürchten. Es läßt sich denken, daß einer seine Religion aus irgend einem materiellen Grunde wechselt oder aus Ueberzeugung, weil ihm Lehrsätze und Gebräuche einer andern Religion mehr Zusagen. Was soll nun einen Christen bewegen zu einem dogmafreien Judenthum überzutreten? Hfllateriefte Gründe? Eine reiche Heirath? Da konnte er bis jetzt auch den Weg zu derselben finden; die Civilehe ebnet ihn. Uebrigens hat sich hier nur sehr geringes Bedürfniß