Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1890)
- Date
- 1890-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448047--29680-2477424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
389 Inhalt dieser anonymen Kundgebungen läßt mich völlig kalt. Wenn die Herren Logenbrüder sich das billige Vergnügen machen wollen, ihren Unmuth über die offene Klarlegung des Wesens ihres Ordens und dessen Stellung zum Judenthnm dadurch Luft zu machen, so will ich sie darin nicht stören. Es sind mir aber auch Festlieder zugcsandt worden, die, den in der Loge gefeierten Festen gewidmet, zur Verherrlichung und Erhöhung der weihevollen Stimmung jene Aussätze zum Stichblatt eines wohlfeilen Spotts machen. Ich kann es mir nicht versagen, aus einem derselben eine kleine Probe mitzuthetlen. So wurde nach der Melodie „Wohlauf noch getrunken re." kürzlich in festlicher Ordensstimmung gesungen: „Und wenn auch der Naben Fanatische Brut, Die Schwätzer und Heuchler Mit giftigem Blut Die Z'oge verfolgen, — Cliauiin ä son gont, — Wir sehen's und Hörens — Und lachen dazu! Iuvivallera, Juviv altera, Invivallerallalla." Dem Ermessen der geehrten Leser überlasse ich die Würdigung dieser ordensbrüderlichen Kundgebung. Jsaac Hirsch. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien. Die jüngste Judendebattc im österr. Abgeordnetenhause äußert bereits ihre Wirkungen. Die Reden der Abgeordneten Zucker und Bloch haben mit der Fackel der Wahrheit in die Brutstätten der Lüge und Verleumdung hineingeleuchtet und die Wortführer der Judenhetze als Betrüger gebrandmarkt. Es wird wohl einiger Zeit bedürfen, bis sich die in diesen beiden Reden enthaltene Wahrheit bis tief hinab in die verhetzten Massen Bahn brechen wird. Zunächst äußert sich deren Erfolg bei den sogenannten „Gebildeten Antisemiten". In der Rechtssektion des Wiener Gemeiuderaths hat vor einigen Tagen, der auf Grund des antisemitischen Programms gewählte Gemeinderath Wobisch die Erklärung abgegeben, daß er sich durch das Treiben seiner bisherigen Parteigenossen veranlaßt sehe, sich von denselben loszusagen. Der Fall Wobisch steht jedoch nicht vereinzelt da. Auch der auf das antisemitische Programm eingeschworene Oberlehrer Baudrexel, der den zweiten Wahlkörper der Landstraße im Gemeinderathe vertritt, hat bei einem jüngst stattgefundenen Bankett, welches die Mitglieder des Comitös vom Balle der Stadt Wien vereinigte, eine ähnliche Aeußerung wie Gemeinderath Wobisch gethan. In einem Trinkspruche sagte er, er sei ein Mann von Bildung, er müsse bitten, ihn nicht mit gewissen anderen Elementen in einen Topf zu werfen. Er sei für den Frieden und für ein collegiales, einträchtiges Zusammenwirken in der Rathsstube. Ein drittes Mitglied der antisemitischen Partei, ein sehr gebildeter Mann, der sich schon bisher durch sein ruhiges, gemäßigtes Wesen und durch positive Arbeit von seiner Partei-Umgebung vorteilhaft abgehoben hat, erklärte offen, er sei der von gewisser Seite ausgeübten Parteidictalur müde, und werde demnach seine Entschließungen einrichten. Das sind höchst bedeutsame Symptome für die beginnende Niederlage des Antisemitismus in Wien. Wenn sich erst die intelligenten Kreise, welche den Judenhaß zur Rassentheorie ausgeweitet haben, von dieser häßlichen Bewegung zurückziehen, wenn dieselbe das Kennzeichen der Dummheit, der Gemeinheit, der Verkommenheit geworden ist, dann ist es auch zu Ende mit der sittlichen Gefährlichkeit derselben. Dann werden die Führer, die Herren Lueger, Pattai und Vetter jene Truppen haben, die sie verdienen. Wien, 9. März. Das Herrenhaus hat das jüdische Gemeindegesctz. wie es aus der Beratung des Reichsrathes hervorgegangen ist, in dritter Lesung angenommen und die Regierung ausgefordert, eine Anstalt zur Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern zu errichten. Prag, 3. März. Wie wir bereits berichtet, wurde die Vollversammlung der Lese- und Rede- Halle der deutschen Studenten jüngst wegen turbulenter Vorgänge vom Rcgierungsvertreter aufgelöst. In der Vorwoche fand nun ein neuerliches Plenum statt, dem über 900 Studenten anwohnten, die Wahl des Vorstandes ergab einen glänzenden Sieg der liberalenPartei, deren Candidaten ausnahmslos gewählt erscheinen, während die der Antisemiten mit 60 Stimmen (480 gegen 420) in der Minorität blieben. So dürfte nun endlich wieder Ruhe und Frieden in diese Körperschaft einkehren und die Lesehalle wieder zu dem werden, was sie ehemals war: Zum Vereinigungspunkte der gesummten anständigen deutschen Studentenschaft Prags. Agram, 3. März. Zum Stadtpfarrer der Agramer Oberstadt wurde vom Gemeinderathe der Administrator Borosa gewählt. Zwei Israeliten waren anwesend, enthielten sich jedoch schicklicherweise der Abstimmung. Hierdurch wurde einem