Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1890)
- Date
- 1890-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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rung hat diese Wissenschaft der Reform verbreitet. Sie hat jene unheilvolle Scheidung des Wissens und Glaubens als das Postulat der Reform aufgestellt und damit eine Verdummung des Volkes erzeugt, von welcher man ehedem in jüdischen Kreisen keine Ahnung hatte. Sie war dazu genöthigt, weil sie in ihrer hohlen Nichtigkeit dem Leben absolut nicht das Mindeste zu bieten hatte. Nach unsererer Auffassung gibt es nichts Verwerflicheres als dieser von der Reform ftatuirte Gegensatz zwischen Wissen und Glauben, zwischen Wissenschaft und Religion. Bin ich denn kein Heuchler und Lügner, wenn ich als Rabbiner von dem Gottesworte der Thora, von dem Gottesgesetze der Thora, von dem Worte Gottes, das Er durch den Mund der Propheten hat verkünden lassen, meiner Gemeinde erbaulich predige, wenn ich in der Schule salbungsvoll den Kindern die Heiligkeit des Thora- und Prophetenworts lehre, aber als Gelehrter, als Mann der Wissenschaft und der kritischen Forschung von der Nichtigkeit desjenigen überzeugt bin, was ich lehre und predige? Das orthodoxe Judenthum hat Gott sei Dank und Preis niemals einen Zwiespalt und Gegensatz zwischen Glauben und Wissen gekannt, und darum hat jede Erweiterung des Wissens wahrhaft aufklärend und befruchtend gewirkt. Die von dem Geiste des orthodoxen Judenthums erfüllten Männer der Wissenschaft aller Zeiten traten in dem wahrhaften Streben nach rechter Erkenntniß an die Forschung heran. Sie suchten die Wahrheit, und sie fanden sie, weil sie den festen Boden der nxT unter sich hatten. Ihnen war das Judenthum in Wirklichkeit Gottes Gebot und Lehre, und sie forschten nach Erkenntniß und Verständniß für das Leben, darum entströmte ihren Werken Licht und Leben, darum sind sie die Leuchten ihres Volkes geworden und haben wahrhaftige Aufklärung verbreitet. Unter der Herrschaft der Reform ist ein Geschlecht herangewachsen, dessen Unwissenheit in der Kenntniß der jüdischen Religion beispiellos ist, ja, die von der Reform so vielgepriesene Aufklärung besteht', im Grunde genommen in dem gänzlichen Mangel an jeglicher religiöser Erkenntniß. Das ist so notorisch, daß es selbst auf Seiten der Reform nicht mehr in Abrede genommen werden kann. Wahrlich, es gibt nichts Betrübenderes als diese Thatsache. Diese Verdummung des Volkes wird von den Lehrern und Rabbinern geradezu gezüchtet. Lehrer und Rabbiner wirken dahin, daß die religiöse Erkenntniß auf ein immer niedrigeres Niveau herabsinkt und jedes religiöse Bewußtsein ertödtet wird. Lehrer und Rabbiner sehen sich zu dieser traurigen Wirksamkeit verdammt, weil sie selbst durch die ungeheure Aufklärung der Reform so unklar geworden sind, selbst nicht zu wissen, was denn eigentlich der Begriff jüdische Religion, Judcnthum sei. In keinen Kreisen wird darum die Erörterung und Klarstellung dieser höchst schwierigen Frage so sehr gefürchtet und gemieden, wie gerade in den Kreisen der Lehrer und Rabbiner. Es ist sicherlich nicht Böswilligkeit, daß man hier in ängstlicher Peinlichkeit der Discussion über den Inhalt des Religionsunterrichtes aus dem Wege geht. Es ist vielmehr das Bewußtsein von der eigenen Unzulänglichkeit, das Gefühl der Unklarheit und Unsicherheit über das Wesen des Gegenstandes, welchem sie ihren Lebensberuf zugewendet haben. Sie, die Lehrer und Rabbiner, wissen eben einfach nicht, was das Judenthum ist. Die von der Reform gepflegte Wissenschaft und vermeintliche Aufklärung feiert in dieser Unwissenheit und Verwirrung ihren traurigen Triumph. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 7. März. In den belebtesten Straßen Berlins werden Bildnisse des Reichskanzlers Fürsten Bismarck vertheilt. Der ahnungslose Passant nimmt das Angebotene entgegen, um zu seinem nicht geringen Erstaunen zu erfahren, daß hier ein Mißbrauch schnödester Art getrieben wird. Das genannte Vildniß dient den pietätlosen Colporteuren als Aushängeschild, um eine Reclame niedrigster Art in Scene zu setzen. Obenan stehen „Unverfälschte deutsche Worte... der deutschen Jugend als Ansporn zur rettenden Th a t". Zu welcher That man die deutsche Jugend anspornen will, geht aus dem weitern Inhalt recht deutlich hervor. Wehe der Jugend, die aus diesem Abschaum des Reclamenunwesens ihre Belehrung zieht, der Mordstahl und Todschlag wäre ihr Handwerk. Der zweite Theil leistet das Ungeheuerlichste, das die antisemitische Lügenwelt in letzter Zeit zu Tage gefördert; derselbe ist überschriebeu: „Auch nen Gegner muß man hören." Den „Gegder" des Antisemitenthums läßt nunmehr bext hirnverbrannten Schädel eines Judenhassers eingestehen, daß der Kampf sich nicht gegen die Religion, sondern gegen die Nationalität der Juden richtet. Nun wird der Philosoph Fichte in die Schranken geführt, der die Juden, „Bürger eines Staaten nennt, der fester und gewaltiger ist als die übrigen alle." Daß Fichte an nichts anderes als an den