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Der Israelit · 1890-03-06 · Heft 19 (6.3.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 19 (6.3.1890)
Date
1890-03-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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WM 334 nach Idealen hinderlich ist, keine ist zu viel, denn wer ihrer bedarf, soll sie haben, und wer ihrer nicht bedarf, für den ist sie einfach nicht vorhanden.Der ganze Schulchan Aruch mit allen seinen Vorschriften, von der bedeutendsten bis zur geringsten, bleibe unberührt, keine einzige Vorschrift werde gestrichen, weil sie unzeitgemäß oder unbequem wäre; wer ihrer bedarf und sie befolgen will, dem ist sie nicht unzeitgemäß, und der überwindet gern die Unbequemlichkeit. Andererseits befolge jeder nur jene Vorschriften, die zu erfüllen, er ein Bedürfnis hat, denn keine Autorität kann ihm Vorschriften aufoctroyiren. Eine Reform ist daher überflüssig und erweckt die Gegenreform, weil, wie wir sahen, unsere Reform nicht anders als verlogen sein kann." Autoritäten gibt es nicht, es gibt nur Vorbilder und Muster. Diese Vorbilder fanden Befriedigung in der strikten Ausführung der religiösen Vorschriften: „Dein Vorbild und Muster hätte in einem vorliegenden Falle so und so gehandelt, thue du nun, wozu dein Herz dich drängt. Dein Vorbild und Muster hielt die Feier des Sabbats und der Feste, das Benehmen bei Speise und Trank preiswürdig, wenn sie auf diese oder jene Weise verliefen,Nhue du, was dein Gemüth dich lehrt, was dich 'zum Glücke zu führen scheint, das erwähle; wisse aber auch, daß Freude und Befriedigung ohne dasWtreben nach den Idealen des Lebens nicht zu erreichen sind." Ferner: „Es muß zugegeben werden, daß der, welcher alle Vorschriften ganz getreu befolgt, die höchste Religiosität besitzt, aber nachdem es einmal nicht wegzuleugnendc Thatsache ist. daß die allermeisten gebildeten Juden nicht alle Vorschriften befolgen, ist es nöthig, den untersten Grad herabzudrücken, und zwar so tief, daß dieser unterste Grad der Religiosität denen zukommt, die nur den positiven Zweck der Religion erreichen wollen." Aus'. den angefügten Citaten ergibt sich nun, daß der Herr Verf. ein recht liebenswürdiger Mann ist, ein Rabbiner, wie man sich ihn nicht besser wünschen kann. Er gestattet dem Neologen am Jom hakkipurim zu essen und — rührend bis zum Weinen! — dem Orthodoxen am Scheni wachamischi scheni zu fasten; er hat nichts dagegen, daß der Neologe Hasenbraten genießt, aber ebensowenig, daß der Orthodoxe in den „neun Tagen" „milchding" ißt. Die Judenheit wird nicht ermangeln, dem Herrn den ihm gebührenden Ehrenschild zu überreichen, ihm, der ja Hunderttausende aus schweren Gewissensnöthen befreit. Zwar hat bis jetzt der Orthodoxe ohne die spezielle Erlaubniß des Herrn Rabbiners die Vorschriften des Schulchad Aruch gewissenhaft, so weit er konnte, beobachtet, und der Neologe hat ebenfalls ohne die Erlaubniß des Herrn Rabbiners zu Mißlitz abzuwarten, am Jom hakkipurim gegessen, beiden mag aber nach vollbrachter That das Herz in Gewissensangst geklopft, dem einen, ob in unserer vorgeschrittenen Zeit, er sich nicht gegen die Vernunft, dem andern, ob er sich nicht gegen die Autorität vergangen habe, und nun kommt Herr Stern, wie ein erlösender Engel und sagt zu dem einen: „Du hast Recht" und zu dem andern: „Du hast Recht", und käme seine Frau nun dazwischen und sagte mit ihrem einfachen Frauenanstande: „Aber, Lieber, was machst Du da?" so würde er ihr antworten: „Du hast auch Recht!" — ist ein solcher Mann, der so die Geister befreit, nicht eines Ehrenschildes seitens der ganzen Judenheit Werth? Trotz alledem müßte der Herr Rabbiner mit dem weichen Herzen sich noch zu einer andern Concession herablassen, wenn er die Orthodoxen vollständig von Gewissensqualen befreien will; die Orthodoxen sind nun einmal so, daß sie Bibel, Talmud und die späteren Gesetzesschriften als Autoritäten ansehen, nun will der Herr Rabbiner diese unter keinen Umständen als solche gelten lassen; vielleicht läßt er sich im Interesse des Seelenfriedens der Orthodoxen dazu herbei, die Anerkennung dieser Schriften als Autoritäten nicht geradezu zu verbieten, resp. sie _ zuzulassen. Wir würden ihm dafür sehr dankbar sein. Wir wollen es ja nicht verkennen und nicht verbergen, daß wir Orthodoxen dem Herrn Rabbiner zu großem Dank verpflichtet sind; erklärt er uns doch als religiöse Leute erster Klasse. „Es muß zugegeben werden, daß der, welcher alle Vorschriften ganz getreu befolgt, die höchste Religiosität besitzt", also Religiöse erster Klasse, die anderen Religiöse zweiter Klasse, ob er diesen nicht die Kokarde abspricht, danach mögen sie sich umthun, wir wissen und wir könnten stolz darauf werden, wenn Stolz nicht eine Untugend wäre —, daß wir zur ersten Klasse von Herrn Stern gezählt werden, aber was soll uns das alles nützen, wenn derselbe uns die Anerkennung von Bibel, Talmud und Schulchan Aruch mit seinen Kommentatoren als Autoritäten nicht gestattet? Haben Sie Erbarmen, Herr Rabbiner, besinnen Sic sich noch einmal, wollen Sie nur, es wird gehen! Sie können, wenn Sie wollen, denn ein Rabbiner, wie Sie ihn sich denken, kann alles! Wir werden dies Ihnen mit Ihren eigenen Worten zu beweisen, uns erlauben. Die Rabbinerfrage wird gelegentlich der Kultusfrage behandelt; da erfahren wir denn, wie der

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