Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1890)
- Date
- 1890-03-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448044--29621-2477362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXI. Jahrgang. Seilage zu M19 dw „Israelit' L „Ieschurun LeLLendir Artikel. Das „dogmafreie Iudenllstun " 8. In seiner „Den Gebildeten gewidmeten" Schrift*) läßtder Verfasser dieverschiedenen religiösen Anschauungen innerhalb der Jndcnheit Revue spazieren : zuerst die Orthodoxie, daun den Rationalismus , hierauf die Reform, dann den Mysticismus, die alle vor seinen Augen keinen Gefallen finden; erst das dogmafreie Judenthum ist dazu berufen, alle Schwierigkeiten zu lösen, es schließt alles in sich und fordert nichts, dieses allein vermag der Welt und den Juden den ersehnten Frieden zu bringen. Heureka! — Also die Orthodoxie, mir der ist es nichts; nicht allein, baß sie das Leben auf Schritt und Tritt beengt, die Vernunft stellt vergeblich eine Reihe von Fragen über einen großen Theil ihrer Satzungen, über Erläuterungen des Bibelworts, die gerade dem schlichten Sinne desselben widersprechen, ohne daß diese Fragen gelöst würden. Die Reform ist aber auch nichts, denn sie geht ans frühere Zeiten zurück, dabei ist sic nicht konsequent, wie die Orthodoxie cs ist, und noch mehr als nicht konsequent. Die Reform, die nichts anders ist als die Negation, die wohl weiß was sie nicht will, jedoch nicht, was sie will, ist es denn gerade wieder, welche jene Gegenreform hervorruft, die Orthodoxie, welche je mehr erstarkt, je mehr die Reform mächtig zu werden sucht. Denn der horror vacni, welcher eine mächtige Stütze der Orthodoxie ist, verleiht derselben die Kraft, alle Mittel zu ihrer Geltendmachung erfolgreich aufzubieten. Es sollte doch ein so durchaus gebildeter und aufgeklärter Rabbiner, der von den Widersprüchen zwischen Bibetwort und fortschreitender Ratnrerkeuntniß zu reden weiß, nicht zu dem abgestandenen horror vacni, das die Physiker längst in die Rumpelkammer überlebter Anschauungen geworfen, immer wieder zurückkehren, um Vorgänge auf dem Gebiete des geistigen Kampfes und der geistigen Erstwickeiin-g zu erklären. Wenn es auf physikalischem Gebiete Leinen horror vacni, gibt, so gibt es einen solchen auch nicht auf geistigem, und es zeigt ein vollständiges Verkennen der *) Tas europäische Israel. Bon Sr. Simon Stern, Rabbiner in Meißlitz. Brünn 1889. B. Epstein u. Eie. Preis M. 1.25. i mächtigen geistigen Bewegung auf religiösem Gebiete, wenn der Verfasser mit derartigen Schlag-! Wörtern dieselbe erklären will. Der vorgeschrittene Verfasser scheint überhaupt ein Freund aller längst überwundenen Anschauungen zu sein; so findet sich unzählige Male in dieser Schrift das aus alten Scharteken hervorgesuchte Philosophem, das die Berechtigung einer Anschauung aus deren Existenz ableitet, was wohl subjeetiv genommen gelten mag, jedoch hinfällig wird sobald es als objeetive Wahrheit hingestellt werden soll. Wäre dieser Satz objeetiv gütig, so wäre auch der Anarchismus berechtigt, denn er existirt ja. Die einzige Erlösung kann nur das dogmafreie Judenthum bringen. In diesem Kapitel erhebt sich nun der Vers, zu einer Höhe, auf welche ihm wohl wenige werden folgen können; es ist wirklich schwer durch dieses Gestrüpp von Begriffsverwirrungen, von Unklarheiten, sich hindurchzuwinden und hindnrchzufinden, noch schwerer aber den Ernst sich zu bewahren bei den Abenteuerlichkeiten, die Menschen, bei denen man vernünftiges Denken voraussetzen darf, zugcmuthet werden. Daß hier und da eine offene Thür mit fest eingelegter Lanze gestürmt wird, daß andererseits das laisser faire und laisser aller gepredigt wird, das die Rabbiner, für deren nothwendige Beibehaltung der Vers, schließlich doch Gründe findet, ans dem Kampfe zwischen Pflichtbewusstsein und behaglicher Existenz erlöst, sie aber zu Mädchen für alles oder charakterlosen Geschöpfe macht, sei hier gleich erwähnt. „DaS dogmafreie Judenthum", so beginnt der Vers, das betreffende Kapitel, fordert keinen Glauben an irgend eine Autorität, es gestattet jedem alles seiner Prüfung zu unterwerfen, und was sich als falsch erweist (?!), oder was nicht verstanden werden kann (!!), das muß nicht angenommen werden." Der Zweck der Religion ist das Lebensglück, das wahre LebeuSglück besteht aber in dem Streben nach dem Idealen, dieses bildet das religiöse Bedürfnis;; „dieses Bedürfniß zu stillen ist der positive Zweck der Religion, wie über die Schmerzen und unerfüllten Wünsche hinwegzuhelsen, ihr negativer, der durch die Glaubenssätze und die Religionsvorschristen erreicht wird. Jede Vorschrift zur Erreichung dieses negativen Zweckes ist gut genug, und keine ist überflüssig, wenn sie nur nicht dem Streben