Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1890)
- Date
- 1890-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448044--29619-2477360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
331 „Freilich, mem Mann hängt nicht weniger an unserem Kinde als ich." „Nun, meine Gnädige, da können Sie doch nach jeder Richtung hin vollständig unbesorgt sein. — Fürwahr, es gibt wenige Eltern, die einen derartigen Vorsatz fassen können." „Es wäre auch für uns mit nicht unerheblichen Opfern verknüpft. Doch für wen leben wir? für wen wünschen wir unsere Habe zu mehren? — doch einzig und allein für ihn, für unfern Hugo — aber id) denke, es ist jedenfalls besser, wir hinterlassen ihm einmal einige Tausende weniger und setzen ihn dafür weniger Gefahren aus." „Gewiß, gewiß, da können Sie doch mit vollkommener Ruhe in die Zukunft blicken." Sie schüttelte abermals den Kopf und holte tief Athem. „Welcher Mensch könnte mit vollkommener Ruhe in die Zukunft blicken?" fragte sie gepreßt. „Jeder, der auf Gott vertraut", entgegnete der Geistliche ernst. „Sie haben Recht, Hochwürden. Ich bin eine große Sünderin, denn ich kann nicht mit Ruhe in die Zukunft blicken — aber — o — wenn Sie wüßten —" Thränen erstickten ihre Stimme. Der Geistliche blickte mitleidig zu ihr hinüber, er hatte sie längst verstanden; aber er glaubte sich den Anschein geben zu sollen, als könne er sie nicht so rasch verstehen. „Wenn ich was wüßte, meine Gnädige", fragte er sanft. Sie rang vergebens nach Worten, sie vermochte nicht sogleich fortzufahren. „Liebe, gnädige Frau, ich bitte inftändigst, wollen Sie sich nicht dermaßen aufregen. — Ihre Nerven scheinen ein wenig irretirt, dadurch überfällt Sie, wie ich sehe, eine sicherlich unbegründete Aengstlichkeit — das kommt bei zarten Damen sehr häufig vor — ich versichere, sehr häufig." „Mein Uebel liegt nicht in den Nerven," flüsterte sie mit Anstrengung, „ich weiß es — ich kenne es. — Sehen Sie hier meine Hand, — sie ist vollständig abgezehrt — ich schwinde dahin." „Wir alle schwinden dahin", versetzte der Geistliche, „mit jedem Tage nähern wir uns dem Grabe, nicht nur der lebensmüde Greis, der die Ruhe des Grabes herbeisehnt, sondern auch der Säugling, dessen Auge sich kaum dem Lichte erschlossen hat. — Doch dürfen wir uns deßhalb die Kürze des Lebens nicht verbittern lassen — und das Leben wird Ihnen, mit dem Beistände des Herrn, noch manche Freude bieten. Sie werden mit dem Beistände des Herrn nicht nur Ihr theures Kind heranwachsen sehen, zu allem Guten, allem Edlen, sondern auch die Kinder Ihres Kindes!" Wehmüthig zuckte es um die Lippen der allmählich ihre Fassung wieder Erringenden. „Sie wollen mich trösten, Hochwürden, Sie wollen mich hinwegtäuschen über die schweren Stunden, die meiner harren. — Doch ich glaube, es ist besser, sich keinen Jllussionen hinzugeben. — Und überdies — Hochwürden kennen mich seit einer Reihe von Jahren, und wissen daher, daß ich die Lehren desjenigen mir zu eigen gemacht habe, der gesagt hat, mein Reich ist nicht von dieser Welt. — Nein — der Herr ist mein Zeuge — ich fürchte jene Stunde nicht, die man die letzte nennt — denn ich weiß, mein Erlöser harrt mein im Jenseits. — Aber ich fürchte — o, ich fürchte sehr, daß mein Kind, das ich gehegt und gepflegt habe wie meinen Augapfel, für das ich freudig hundert Mal mein Leben lassen möchte — daß es — daß es — nach meinem Scheiden nur allzubald dasjenige vollständig verlieren wird — was es — vollständig nie besessen hat. — O, mein Gott! wein Gott!" rief sie händeringend, indem sie in ein heftiges, convulsivisches Schluchzen ausbrach, „ich bin so unglücklich! — ich muß sterben! — muß diejenigen verlassen, die ich so heiß, so glühend liebe — und kann nicht einmal hoffen, sie im Jenseits wieder zu sehen — o, mein Gott! — mein Gott!" Der Geistliche war erschüttert durch diesen wilden Ausbruch ihres Schmerzes, er that sein Mögliches, ihr Trost und Hoffnung zuzusprechen. „Liebe, gnädige Frau, ich bitte Sie — ich beschwöre Sie, fassen Sie sich, regen Sie sich nicht so entsetzlich auf. Sie sehen zu schwarz — ich versichere Sie, Sie sehen zu schwarz nach jeder Richtung hin." Und als sie heftig den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „Und ich halte mich dennoch überzeugt, daß Sie zu schwarz sehen, und zwar, ich widerhole es, nach jeder Richtung hin. — Wie? — Sie sprechen vom Sterben, als breite der Todesengel schon seine Fittige nach Ihnen aus — und Sie sind doch noch durchaus nicht alt, befinden sich vielmehr eben jetzt in den sogenannten besten Jahren. — Und der Herr wird Ihre Jahre mehren und zum Lohne für Ihre Tugenden wird Er Sie des reichsten, höchsten Segens theilhastig werden lassen — davon bin ich