Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1890)
- Date
- 1890-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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312 in Wirklichkeit unsere Zeit so arm an Stätten, von denen die Thora in die Kreise des Volkes dringen könnte, so arm an Jüngern, die sich ihr zuwenden, so arm an Meistern, die selbst diesen wenigen Jüngern die Thora mit der alten Hingebung und Treue einprägen! Hand in Hand mit der Vernachlässigung der Thora geht die Vernachlässigung der praktischen Erfüllung ihrer Gebote. Sabbat und Feiertage und ihre treue von Gott gebotene Heilighaltung werden in großen und kleinen Gemeinden so wenig beachtet, daß oft nicht eine einzige Familie zu finden ist, die sich diese unsere heiligen Kleinodien unversehrt bewahrt haben. Selbst das alte jüdische Bundeszeichcn hat seine Heiligkeit in vielen Häusern verloren, und täglich mehren sich die Fälle, daß jüdische Eltern ihre Kinder nicht in das Bündniß Abrahams eintreten lassen, wie die Zahl der Abgefallenen in erschreckender Weise zunimmt, die mit dem göttlichen Ordensband der Tefillin nicht mehr Haupt und Arm zieren, sondern es geringschätzig in der Ecke liegen lassen. Nicht nur an Purim, allwöchentlich wenn der Sabbat scheidet und der Kampf mit der neuen Woche unser wartet, rufen wir uns die Zeit zurück, in der es anders war, füllen wir den Becher mit den Worten: „Einst war den Juden Licht und Freude, Wonne und Würde: ->pn pnsn nnon rmx nrvn O’Yin^. Aber es fyat vielleicht keine Zeit gegeben, die mehr Anlaß hätte, an diese Erinnerung den Wunsch zu knüpfen. „So möge es auch bei uns werden!" wb rrnn p Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Mainz, 27. Februar. Die „israelitische Wochenschrift" in Magdeburg, welche die vermeintliche Bildungsfeindlichkeit der orthodoxen Juden aufs Neue aufwärmt, (vergleiche die Artikel „Orthodoxie, Aufklärung und Bildung" in diesen Blättern) tritt nicht nur gegen die ihr verhaßten Orthodoxen auf, sondern sie sucht in ihrer Unbesonnenheit auch die ganze Judenheit zu compromittiren. In dem Briefwechsel zwischen Dr. Adler und Cardinal Manning in London ist ihr die in demselben vermittelte Antwort des Papstes nicht genügend und sie fordert in ihrer jüngsten Nummer sämmtliche Rabbinen Europas, auf in einer gemeinsamen Vorstellung den Papst anzugehen, daß er die Blutbeschuldigung für eine „historische Lüge" erkläre. Welch ein unüberlegter Schritt! Wir glauben nicht, daß außer dem Redacteur der „Jsr. Wochenschrift" auch nur ein Jude auf dem weiten Erdenrunde existirt, der etwas Derartiges billigt. Denn: 1. Hat der Papst die an ihn gestellte Frage objectiv und daher auch genügend beantwortet; über seine Ansicht über die Blutbeschuldigung selbst wurde er ja gar nicht interpellirt, der selige Rabbi Nathan Adler verlangte vom Papste nur einen Widerruf der Zeitungsnotiz, „daß der Papst das Buch des Desportes ganz billige." Diesen Widerruf hat der Papst auf das Bereitwilligste gegeben; sich über die in dem fraglichen Buche euthaltene Verleumdung selbst zu äußern, hatte der Papst keinen Anlaß. 2. Steht der Papst auf dem Standpunkte j seiner Vorgänger, von welchen mehrere diese Anklage auf das deutlichste und entschiedenste widerlegt haben; wäre es da nicht zum Mindesten eine Zudringlichkeit auch von dem gegenwärtigen Papste eine derartige Widerlegung zu verlangen? | 3. Wissen wir Juden alle — und auch die! Gebildeten aller Nationen wissen es—, daß diese j Blutbeschuldigung eine unverschämte Lüge ist, und! es wäre namentlich in unserer Zeit, wo Recht und I Gerechtigkeit die Grundlagen der Staaten bilden,! ein Armuthszeugniß für das gefammte Judenthum,! wenn sämmtliche Rabbinen Europas das Attest j einer nichtjüdischen Autorität und wenn sie auch noch so hoch steht, für nöthig halten würden. 4. Wenn der Papst auf eine solche Vorstellung aus irgend einem Grunde gar keine Antwort gci ben würde, — etwa weil er sich hiezu nicht ver-! pflichtet hielte — oder die Antwort fiele ungenügend j aus, würden da unsere Antisemiten nicht Kapital daraus schlagen? I 5. Selbst in dem Falle, daß das Oberhaupt der katholischen Kirche eine vollständig zufriedenstellende Antwort ertheilte, würden die Judenfeinde von dem Papste sich belehren lassen wollen? Es ist ja sattsam bekannt, daß die Kampfesweise der Antisemiten in der immerwährenden Wiederholung von Lügen besteht, und daß selbst tausendmal wider-! legte Anklagen fort und fort von ihnen auf's Tapet gebracht werden.! Aus allen diesen Gründen können wir unsere Rabbinen und Führer nur dringend davor warnen, der Aufforderung des Herrn Rahmer zu ent- I sprechen; den Diplomaten der „israelitischen Wocheni schrift" aber rathen wir, künftighin mit ihren „Er- ' lassen" vorsichtiger zu sein, indem wir ihnen zurufen: