Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1890)
- Date
- 1890-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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311 UMWWWWWWWIWWW religiösen Feste hatte. Wenn sie auch die Juden halten, so gehörte schon eine große fanatische Unduldsamkeit dazu sich daran zu stoßen. Hatte man aber selbst aus diesem harmlosen Anlaß eine Anklage gegen die Juden geschmiedet, wie mußten dann erst die specifisch jüdischen Eigentümlichkeiten wie es z. B. Mila und Tephillin sind, als willkommener Vorwand zur Begründung des Judenhasses dienen. Durch Mila führt der Vater sein Kind im zartesten Alter in die große jüdische Gesammtheit ein, es ist das blutige Abrahamssiegel, das auch äußerlich die Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm bekundet. Was kann man aus diesem Zeichen nicht für Verdächtigungen der Jsolirung und Abschließung des Dünkels und des Stolzes schmieden! Und besonders in jener Zeit mit ihren eigenartigen Verhältnissen! Die vollständige Schutzlosigkeit, der jeder Jude verfallen war, als der Mordbefehl Hamans nur publicirt war, veranschaulicht der Midrasch mit der Bemerkung: „Ging ein Israelit auf den Markt, um sich ein Pfund Fleisch oder ein Bund Kraut zu kaufen, so mißhandelte ihn der Perser und höhnte ihm entgegen: Morgen schlage ich dich todt und schleudere dein Geld fort." In solcher Zeit, wo jeder, den man als Juden erkannte, sochen Mißhandlungen ausgesetzt war, gehörte ein Muth dazu sein Judenthum nicht nur nicht zu verleugnen, sondern seinem Kinde sogar noch das äußere Zeichen der Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme aufzuprägen. Die Freude und das heitere Lebensglück, die der Geber der Thora an die Erfüllung aller seiner Mizwoth und an Mizwath Mila ganz besonders geknüpft hatte, schien in jenen Tagen der Noth geschwunden zu sein. Und doch erfüllten sie die Mizwa und die Freude mit ihr, die Simcha schel Mizwa versüßte ihnen die hundertfältigen Bitternisse, welche in ihren Lebenskelch sich mischten. Aber die Treue, mit welcher sie selbst in solcher Zeit zu dieser Mizwah standen, stand ihnen bei und machte sie des Wunders würdig, das mit einem Zug die Geächteten zu Geachteten umwandelte. Die Freude mit der Mizwa, die sie still im Herzen und im engen Kreis der Familie pflegten, durfte dann wieder in hellen Jubel und laute Wonne ausbrechen, und diese Wonne trat daher nirgends so als bei Mizwath Mila zu Tage rfr'ö nt pieren. Mit dem äußeren Zeichen, das dem Kinde au fgeprägt wurde, wurde ihm auch der Geist und Sinn eingeprägt, den es einst als jüdischer Mann bewähren sollte. Sie vollendeten mit Tefilin, was sie mit Mila begonnen. Mit ihren Zeichen der Unterordnung ihres Denkens und Handelns unter den Willen und den Schutz des einzigen Gottes, mit ihren Tefillin am Kopfe und Arme gaben sie sich der fanatistrten Menge ohne weiteres als Juden zu erkennen, obwohl sie nur allzu gut wußten, daß sie mit diesem jeden Tag aufs neue angelegten jüdischen Abzeichen keine Ehre einlegten. Aber weil sie daS Diadem ihres himmlischen Vaters auch in solchen schweren Zeiten nicht Preis gaben, gab auch Gott sie nicht Preis und ließ sie den Umschwung erleben, in Folge dessen die Verehrung Gottes und ihre Symbole keine Schande mehr, sondern eine solche Würde bedeuten, daß viele von den Völkern der Erde zum Judenthum übertraten und so für die Wahrheit zeugten ->pn. Unsere Würde, bilden unsere Tefillin. Unsere Zeit hat in vielen Punkten große Aehnlichkeit mit den Tagen des Achaschwerosch. Seit Jahrzehnten hat sich in den meisten Culturstaaten unsere sociale und politische Lage gebessert, und in vielen Ländern sind die Rechte, welche allen Menschen gehören, auch uns Juden zuerkannt worden. Die Gleichstellung der Juden mit allen anderen Staatsbürgern ist im Prinzip und vielfach auch in Wirklichkeit anerkannt und zur Wirklichkeit geworden. Aber fast überall hat diese unsere Besserstellung zu dem verhängnißvollen Jrrthum geführt, wir dürfen, ja wir müßten mit der Beseitigung unserer politischen Sonderstellung auch unsere religiöse Eigentümlichkeit aufgeben. Wie in den Zeiten, von welchen unsere Purimrolle erzählt, bücken sich Juden vor den Götzen des Tages und verletzen öffentlich die Gesetze, welche uns ins Bezug auf Speise und Trank geboten sind. Nicht etwa wegen der Schwierigkeit religionsgesetzlich gestattete Speisen und Getränke zu erlangen, denn diese Schwierigkeit ist heute lange nicht so groß als in der weniger verkehrsreichen Zeit unserer Großväter, sondern um sich nicht so ostentativ als Jude zu zeigen. Andererseits fehlte es in unserer Zeit nicht an einflußreichen, mächtigen Judenfeinden, die dem alten Haman an gutem, oder richtiger, schlechtem Willen nicht nachstehen. Es ist ihnen bereits gelungen, große Kreise der Bevölkerung zur gehässigen Gesinnung, ja zu feindlichen Ausschreitungen aufzureizen, und haben so alle diejenigen, welche einen Rückfall in die alte Barbarei des Judenhasses in unserer fortgeschrittenen Zeit für undenkbar hielten, schmerzlich enttäuscht. Wie müßte in solchen trüben Tagen, die Thora unser Licht sein, dessen Pflege doch allein die Kraft innewohnt, die Nacht zu verscheuchen, die sich immer schwärzer um uns zu lagern droht. Und wie ist * I •; I