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Der Israelit · 1890-02-27 · Heft 17 (27.2.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 17 (27.2.1890)
Date
1890-02-27
Page
– (sequence 22)
Language
German
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306 Dauer nicht angehen. Wie in allen Dingen mutzte sich doch jedenfalls auch hier der Einzelne der Gesammtheit fügen; denn was sollte wohl daraus werden, wenn man einem Jeden gerecht werden wollte? Beßlich macht man's Niemanden recht, zumal :tage, wo man über unsere heiligen Lehren mid Gesetze sich nicht nur hinwegsetzt, sondern noch oft mit Nichtachtung, ja Hohn ihnen aus dem Wege geht. Man glaube ja nicht, daß gesonderte Jugendgottesdienste irgend etwas an diesen traurigen Zuständen ändern werden. Man hat mit diesen Einrichtungen der Neuzeit doch nicht das Richtige getroffen; denn ist erst der Reiz der Neuheit hierin vorüber, haben auch die Lehrer keine ausreichenden Mittel die Jugend zum regelmäßigen und pünktlichen Erscheinen zum Gottesdienste zu zwingen (von Zwang sollte ja im Grunde hierbei gar keine Rede sein), dann dürfte über Kurz oder Laug auch bei dieser Institution ein Lauheit eintreten, die ein günstiges Resultat unbedingt in Frage stellt. Es könnte dann eine Zeit kommen, die die Jugendgottesdienste nur noch von Hörensagen kennt, weil sie wie mancher Ersatz für unsere alten Einrichtungen sich nicht als lebensfähig erwiesen. Thatsache ist ja auch, daß man in verschiedenen Mittelgemeinden die eingeführte Jugendgottesdienste am Sabbat Nachmittag eingestellt und zwar nicht aus einem, sondern aus vielen Gründen; und wenn sie in Großgemeinden sich für einige Zeit erhalten, so macht es nur die Menge, die unter allen Umständen noch ein gewisses Contingent hinreichend zur Unterhaltung eines Gottesdienstes stellen kann. Außerdem hat man noch am großen Platze eine verhältnißmäßig große Anzahl von Individuen, die theils aus Neugierde, theils aus Langweile — Rentiers giebts ja da in Menge — öfters solchen Gottesdiensten beiwohnen werden, weßhalb dort derartige Schöpfungen nicht so leicht vereitelt werden können. In Mittelgemeinden hingegen sieht und hört sich die Jugend und das Atter einmal oder mehrere Male das neue Schauspiel mit an und wenn sie genug haben, so kehren sie ihm den Rücken auf Nimmerwiedersehen. Erkundigt sich dann der Religionslehrer in der nächsten Religionsstunde am darauf folgenden Sonntag, weßhalb das Söhnchen oder Töchterchen von Herrn X oder A beim Gottesdienste gefehlt, so wird sich unter Ausflüchten oft Herausstellen, daß Papa oder Mama selber die Störenfriede gewesen und an dem Nichterscheinen ihre Schuld tragen. Und da der Herr Religionslehrer, der nebenbei bemerkt, vorzugsweise in den Reformgemeinden und selbst sogar, wenn da mit Chor und Orgel gebetet wird, gleich unserem ersten Stammvater Nomade ist und gleich unseren Vorfahren in Egypten von oben herab von seinen Herren Vorgesetzten und auch von den andern Herren behandelt wird — wenn auch dabei gerade nicht der Stock seine Functionen ausübt — so kann er das Gebot von Papa und Mama nicht ändern und dies erst recht nicht, wenn sie aus Herrn und Frau Vorsteher zusammengesetzt sind. Sonst könnts vielleicht und mitunter nach kurzer Pause ihm wieder ergehen wie unserem alten Stammvater, der sein Nomadenleben fortzusetzen genöthigt ist und aus ganz demselben Grunde wie dieser von Kanaan nach Mizrajim ziehen mußte. Und warum sollte er es denn nicht? Was ist er denn besser wie unser alter Stammvater, der doch auch Religionslehrer gewesen ist? Ueberall, wohin er gekommen, hat er Religionsunterricht ertheilt und wenn auch in etwas anderer Form. Die damalige Methode war aber verschieden von der heutigen. Der heute Religionslehrer ertheilt auch überall, wohin er kommt, Religionsunterricht. doch nur mit dem einen Unterschiede, daß unser in Rede stehender Stammvater, der selbstredend Abraham hieß, kein Gehalt bekommen, während der Religionslehrer der Gegenwart wirklich Gehalt bekommt und zwar jeden Monat, doch frage man uns nicht wie viel. Und noch einen andern Unterschied giebts, den ich doch nicht zu erwähnen vergessen darf, daß Abraham gehen konnte, wann er wollte und unser Religionslehrer warten muß, bis er fortgeschickt wird, wodurch man gerade nicht in unseren löbl. Gemeinden laut Contract allzulange zu warten braucht. Doch zurück zu unserem Thema; das Vorangegangene sollte nur in einem kleinen Bilde darthnn, wie unhaltbar und zwecklos die gesammten Jugendgottesdienste namentlich in den Mittelgemeinden sind, ebenso daß sie für die Dauer keine sonderlichen Erfolge erzielen werden. In den kleinen Gemeinden kann von Einführung von gesonderten Jugendgottesdiensten gar keine Rede sein, weil ihnen ganz und gar alle Vorbedingungen zu einem solchen fehlen. In Norddeutschland hält es oft schwer an Sonn- und Festtagen die nöthige Zehnzahl zum eigentlichen Gottesdienste zusammenzubringen, wie würde es erst da aussehen bei Neueinführungen, deren Nothwendigkeit man nicht empfindet. Was die süddeutschen Kleingemeinden betrifft, so braucht da gewiß an den Nothbehelf eines gesonderten Jugendgottesdienstes nicht gedacht zu werden, indem dort in den meisten Fällen die Jugend durch den Besuch jüdischer Elementarschulen am allgemeinen Gottesdienste sich regelmäßig zu betheiligen vermag. - (Fortsetz, f.)

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