Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1890)
- Date
- 1890-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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288 Lechenich, 24. Februar. Das bisherige Ergebniß der Reichstagswahlen weist die Wahl von zwei Antisemiten, beide in Hessen, auf. Eine Zunahme ist einstweilen nicht vorauszusehen. Dagegen versucht man auch in Belgien jetzt Antisemitismus zu treiben, obgleich dieses Land, nach den jüngsten statistischen Zählungen, eine israelitische Bevölkerung von höchstens 4000 Seelen besitzt. Der „Kölnischen Zeitung" wird über den Antisemitismus in Belgien aus Antwerpen folgendes geschrieben: „Dieser Tage hielt der Anwalt des Brüsseler Cassationshofes, Edmund Picard, vor einer zahlreichen Zuhörerschaft aus dem Rcchtsstande in Antwerpen einen Vortrag, in welchem das Judenthum erbarmungslos gegeißelt wurde. Die Auslassungen des äußerst gewandten, aber in seinen Ansichten an das finstere Mittelalter erinnernden Redners fanden bei den Zuhörern einen verhältnißmäßig geringen Beifall, haben jedoch im ganzen Lande viel Staub aufgewirbelt. Picard will am 4. März auch in Lüttich einen Vortrag gegen das Judenthum halten." Es ist um so bedauerlicher, wenn ein Mann des Rechtes derartige Grundsätze des Unrechtes zu verbreiten sucht, die seinem Hirn entspringen. Was haben die Israeliten Belgiens, die an den Cassationshof appelliren, für ein Urtheil zu erwarten? Wir nahen dem Purimtage. Da tröstet uns die Antwort, die der Knabe dem fragenden Mordechai gab: Wir haben heute gelernt: nm, nsm nyy lsy «Dy o oip’ "oi. „Haltet Ihr nur Rath, erwirb zerstört, redet, es wird das Wort nicht bestehen, denn mit uns ist Gott." M. S. Oesterreich. - Ungarische Monarchie. Wien, 18. Febr. Das Abgeordnetenhaus hat sich heute mit Petitionen beschäftigt. Die Verhandlung über die Petitionen um Erlassung einer Antisemiten-Bill wurde von Herrn Türk noch einmal benützt, um eine Inden-Debatte zu insceniren. Das Haus ist aber von solchen Expectorationen bereits sichtlich gelangweilt, und nachdem dieses Thema in den letzten vier Sitzungen hinreichend durchgcsprochen worden ist, ließ man die Fluthen der Türk'schen Beredtsamkeit still verlaufen. Ohnehin hat der Tribun des Racenhasses aus den Troppauer Landgemeinden sich heute selbst gerichtet. Wer anonym Briefe als Beweisstücke producirt, der ist entweder überaus naiv oder es ist ihm jedes Mittel recht, um zu schmähen oder zu verdächtigen. Berichterstatter Winterholler erklärt, daß die Majorität des Petitions-Ausschlusses sich den Nebelständen bezüglich der Eheschließung und des Schulbesuches seitens der isralitischen Bevölkerung Galiziens nicht verschlossen habe, daß sie aber mit Rücksicht daraus, daß diese Angelegenheit in der Petition gar nicht berührt wurde, dieselbe nicht zum Gegenstände eines Antrages gemacht habe, und stellt im Namen des Petitions-Ausschusses solgenden Antrag: „In Erwägung, daß die bestehen den Gesetze genügen, um die aus der Einwanderung und Niederlassung von Ausländern etiva sich ergebenden Gefahren abzuwenden, wird der Uebergang zur Tagesordnung beantragt." Abg. Türk bespricht zunächst das Verhalten der Juden in Rußland, wo dieselben in einem hohen Procentsatze der extremnihilistischen Partei angehören. Sodann spricht er über die Verbreitung des Iudenthums in Deutschland und Oesterreich und erörtert das Procentverhältnis; der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Bezirken von Wien. Er hebt insbesondere die Zunahme der Juden im neunten Berzirke hervor. Ich glaube, sagt Redner, das ist der Wahlbezirk des Abg. Wrabetz. Redner bespricht hieraus unter Anführung von Ziffern den Besuch der Mittelschulen in Wien und andern Städten durch jüdische Schüler. Man sage gewöhnlich, die Juden sollen sich assimilireti; wer den Rathschlag der Assimilation erfunden hat — meint Redner — der hat wohl keinen Meisterstreich gethan. Assimiliren könnte man die Juden, wenn sie in geringer Anzahl im Reiche wären. Ten heutigen Procentsatz der Juden könne man absolut nicht assimiliren. Redner theilt mit, er habe aus Brünn einen Brief erhalten, in welchem die menschenfreundliche Thätigkeit des Abg. Gomperz einigermaßen erläutert wird. Es heißt darin, daß, als im Jahre 1S85 das Gesetz über die Einführung des Normal-Arbeitstages in Kraft trat, der Fabrikant Gomperz der Erste war, der den Arbeiter Nischanek, Vater von sechs s Kindern, entlassen habe, weil derselbe sich zum Vertreter der Fabrik wählen ließ. Präsident unterbricht den Redner mit der Aussordernng solche Angriffe beiseite zu lassen. Abg. Türk (forlsahrend): Ich füge mich der Ermahnung und dem Wunsche des Herrn Präsidenten. Es wurde und wird bei icder Gelegenheit darauf hingewiesen, daß gegenwärtig eine Judenverfolgung in Oesterreich besteht. Ich sage: im Gegentheile, es besteht eine Ehristen-, eine Antisemiten-Berfolgung in Oesterreich. Wenn aber von einer Judenverfolgung gesprochen wird, dann mögen die reichen Inden, denen der Antisemitismus so gesährlich ist, die zur Regierung laufen und die Antisemiten als Staats-, Hoch- und Landesverräther denunciren, einen Landstrich in Amerika kaufen und die Juden aus Oesterreich, welche nicht genug reich sind, hinschicken. Dort mögen die Juden den Beweis erbringen, daß sie arbeiten können. Sie sollen Handel, Gewerbe und Ackerbau treiben und sich Gesetze schassen-, wie sie wollen, und dann wird, behaupte ich, wieder der Beweis erbracht werden, daß die Juden heute nichts Anderes sind, als ein arbcitsuntaugliches, gemeinschädliches Volk, welches Position zu schassen nicht im Stande ist. (Ganz richtig! auf der äußersten Linken; ein Bravo-Rus auf der zweiten Gallerte, lebhaftes Gelächter im Saale.) Ich würde gern den Antrag stellen, daß die Petition der Regierung zur eingehendsten Würdigung, zur dringendsten Erforschung der in derselben berührten Ucbelstände und zur baldigsten Schäftung entsprechender Abhilfe abgetreten werde. Aber in diesem Hause ist kein Verständnis; für derartige wichtige, volksfreundliche Fragen I (Lebhaftes Gelächter links.) Abg. Dr. Krona weiter: Ich werde dem Herrn Vorredner aus seinen Ercursionen zu folgen vermeiden; ich glaube, es ist wirklich um die kostbare Zeit des Hauses schade, heutzutage noch darüber zu discutiren, ob ein Mensch an und für sich dem andern gleichwerthig und gleichberechtigt sein soll. Man glaubt gar nicht, daß in einem Eultnrstaate eine solche Frage aufgeworfen werden kann. (Sehr richtig! links.) Ich stehe ganz ans dem Standpunkte jenes Philosophen, der da sagte: „Jedes Wesen, welches ein menschliches Antlitz trägt,