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Der Israelit · 1890-02-27 · Heft 17 (27.2.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 17 (27.2.1890)
Date
1890-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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286 Judenfeinden lehrt uns die tägliche Erfahrung, daß sie um Vorwände und Verleumdungen nicht verlegen sind, welche die Berechtigung ihres Auftretens beschönigen sollen. Auf dem Wege aus Mizrajim jedoch, in der I Wüste, auf dem Zug eines friedlichen Volkes zum Sinai hin, konnte auch die findigste Verlogenheit keine Bemäntelung ihres Judenhasses finden. Man konnte den Juden nicht vorwerfen, daß sie Jemand ausbeuten, daß sie die Herrschaft an sich rissen, daß sie die Brunnen oder die Moral vergiften, und wie die buntscheckigen Ausgeburten des Judenhasses alle heißen, denn in der Wüste war absolut nichts auszubeuten und zu vergiften da. Auch die absonder- I lichcn jüdischen Gesetze, die einem späteren Nach- | kommen Amaleks zum Vorwände seines geplanten jj Massenmords dienten, waren noch nicht da. Israel | war noch auf dem Wege aus Mizrajim nach den: jj Sinai und hatte sein Gesetz noch gar nicht empfangen. Dennoch fiel Amalek die vom Wüstenzug , Ermatteten an, um ein wehrloses Volk niederzuj? metzeln. Das ist es was wir nicht vergeffen sollen. — j: Es gibt leider Viele in unserem eigenen Kreise, die f für den Schekelruf, für die Mahnung zusammenzui! halten, gemeinsam zu spenden und zu steuern für j unsere großen, heiligen Anliegen, vollständig taub sind. Sie finden die Verwirklichung des Völker- und Menschenfrühlings nicht in diesem Anschluß, I: sondern sie glauben in diesem Durchdrungensein un- ' serer jüdischen Aufgabe und dem rückhaltlosen Ausdruck derselben nicht den Lenz, sondern die winterliche Abgestorbenheit zu fördern, zu welcher uns die große Masse seit Jahrhunderten verurtheilt sah. § Sie glauben gerade durch Lossagen von der jüdij! schen Eigentümlichkeit und durch Anschluß an die sie umfluthende nichtjüdische Welt ihrem Volk die l Verjüngung des Frühlings zu bringen. Da erle-!! ben sie nun die schmerzliche Enttäuschung, überall! zurückgewiesen zu werden. Ihren Anschluß verlästert man als Aufdringlichkeit, ihre Zurückhaltung als Theilnahmlosigkeit, ihre Thätigkeit als Ausbeutung, ihre Unthätigkeit als Bequemlichkeit. Sie glaubten den Frühling längst gekommen und sind daher von der Kälte ihrer Umgebung und von dem! frostigen Entgegenkommen, das sie überall finden, bitter enttäuscht. Diejenigen aber, die nicht vergessen, was Ama- ) lek uns gethan, sind auf alles dieses vorbereitet, und werden deßhalb nicht schmerzlich davon über- > rascht. Gewiß bedauern auch sie die Entfremdung und Gehässigkeit, unter welcher alle leiden, aber in dem innigen Anschluß im heimischen Kreise finden sie einen reichen Ersatz für die Annäherung, welche ihnen die Außenwelt versagt. Wohl sehen auch sic sehnsüchtig der Verwirklichung dem Menschheits- Frühling entgegen, in welchem alle friedlich und glücklich nebeneinander lebend, ein harmonisches, von keinem Mißton getrübtes Ganzes ausmachen werden. Aber sie sehen diese Hoffnung nicht in dem Aufgeben, sondern in dem treuen Festhalten jeder berechtigten Eigenthümlichkeit verwirklicht. So wie jedes Gräschen, jedes Hälmchen, jedes Pflänzchen in dem großen Blumenflor des Frühlings seine Form und Gestalt, seine Farbe und Bedeutung nicht aufgibt, so soll es auch im Kreise der Menschen werden, wenn ihr Frühling zur Wahrheit geworden ist. Auch die Wetter und Stürme des Frühlings gehören zum Frühling. Mögen sie auch zahllose Blütheu zu Boden werfen, sie'trcffen nur wie Amalek die D^tsn:, diejenigen, die ohnedies nicht fest mit dem Mark des Baumes verwachsen waren. Die Halben, Lockeren und Nachzügler erfaßt der Sturm, der den Ganzen, Festen, treu zum Stamm haltenden die Luft reinigt und sie vom Gewürm und Schmarotzern befreit. Die Blütheu und Blätter, die dem Sturm Widerstand leisten, überdauern ihn, die sich ihm beugen und anschließen, fallen ihm zum Opfer. Deßhalb verkennt Israel die Stürme nicht, die über cs hingegangcn, es denkt was Amalek ihm gethan und ist dadurch gefeit gegen alle Unbilden amalekitischen Judenhasses. Friedlich zieht es seinen Weg durch die Zeiten und Völker, es verkehrt ruhig und einträchtig mit seiner Umgebung, ohne sich mit derselben zu vermischen und in sie aufzugehen. Es lebt der festen Uebcrzeuguug, gerade durch diese Friedfertigkeit einerseits und durch selbstständige Bewahrung seiner Eigenart andererseits, das; seine Wahrheiten, seine Welt- und Lebensanschauungen noch einmal Gemeingut der Menschheit und ihr so den ewigen Frühling sichern werden. Wer und was in der Natur einen Einfluß auf andere ausüben soll, darf seine Eigenart nicht aufgebeu. — Der Feuerbrand, der neben oder unter dem Wasser liegt, wird ihm mit der Zeit von seiner Gluth einen Theil übertragen. Wer aber nun glauben wollte, wenn das Feuer neben dem Wasser schon solchen Einfluß hat, wie müßte es das Wasser erst erwärmen, wenn man in dasselbe den Feuerbrand bringt, der würde sich gründlich irren. Auch der Botaniker, von welchem wir sagten, daß er das Unkraut neben dem Weizen nicht missen möchte, möchte cs nicht unter das Weizenmehl gemahlen und gemischt wissen!

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