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Der Israelit · 1890-02-24 · Heft 16 (24.2.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 16 (24.2.1890)
Date
1890-02-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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280 Und gegen die andere Partei, für iene Partei, welche die Einheit will und gegen jene Partei, welche sagt, es besteht eine innere Verschiedenheit, wir wollen diese Einheit nicht. Und das nennen wir Gewissensfreiheit. Redner will ans dieser Antwort keine weitgehenden Konsequenzen ziehen. Der Minister hat die unbesiegbaren Schwierigkeiten der Erfüllung dieses Verlangens gefühlt und wollte der Deputation doch etwas Beruhigendes sagen. Man kann in dieser Frage verschiedene Standpunkte einnehmen; man kann mit den Neologen sympathisiren, weil sie der christlichen Gesellschaft näher stehen, als die Orthodoxen; es können mit ihnen Diejenigen symparhisiren, die sich über den Standpunkt der positiven Religion hinweggesetzt haben, weil sie der Meinung sind, daß auch die Neologen, wenigstens zum Theil, mit der positiven Religion gebrochen haben, und daß sie den Orthodoxen gegenüber die Aufklärung repräsentiren. Ich aber kann und will nicht verheimlichen, daß ich mit jedem Idealismus, mit der Pietät für die von den Vätern überkommenen Sitten und Gebräuche sympathisire, daß nichts mein ganzes Wesen so tief und mächtig zu ergreifen vermag, als religiöses Gefühl, in welchem wahre Andacht vibrirt, mag sich dasselbe in den von Jahrtausenden geheiligten Gesängen der Synagoge, oder in dem „Allah akbar“ der Moschee aussprechen. Mag man also welchen Standpunkt immer einnehmen; aber einen gibt es, den man weder ein nehmen kann noch darf, und dieser ist, daß man sich mit Assistenz der staatlichen Polizeimacht in die Frage einmenge, welcher konfessionellen Organisation Jemand angehören wolle; die religiöse und Gewissensfreiheit darf nicht verletzt werden. Das Hauptargument lautet, es gebe zwischen den Neologen und Orthodoxen keine dogmatiche Verschiedenheit — wer soll aber darüber Richter sein? Der Herr Minister kann sich doch nicht als jüdischen Papst konstituiren (Heiterkeit), um darüber ex cathedra unfehlbar zu urtheilen, und das geehrte Hans kann sich nicht als mosaisches eov3ilium oecumeuicum konstituiren. Hier ist Niemand zu einem Schiedssprüche kompetent, es kann nur von Meinungsverschiedenheiten die Rede sein, und ich glaube kaum, daß zwischen den Ehassidim und den israelitischen Abgeordneten dieses Hanfes größere Differenzen der dogmatischen Ueberzengung bestehen, als zwischen einzelnen christlichen Konfessionen. Setzen wir daher den Fall, daß es einen dogmatischen Unterschied in der That nicht gebe. Folgt daraus, daß man die Judenschaft zu einer Organisation zwingen müsse, welche ein Theil nicht acceptiren will? Die katholische Kirche hat ihre einheitlichen Dogmen, und doch haben die römische, die griechischunirte und die armenische Kirche je ihre besondere Organisation, ihre eigenen Kirchen und Geistlichen aus ritueller und liturgischer Basis. Ja, selbst die Kirche der Altgläuber, die einheitlichen Ritus hat, besitzt auf nationaler Basis verschiedene Organisationen, so z. B. die getrennten Kirchen der Serben und Rumänen. Die Einheit des Dogmas beweist also gar nichts; wohl aber hat die Gewissensfreiheit ein Dogma, welches fordert, daß sich die Staatsgewalt in diese Frage nicht einmenge. DaS empfehle ich der Aufmerksamkeit des geehrten Hauses. (Bestall.) Kultusminister Graf Esaky: Bekanntlich bringen die parlamentarischen Verhandlungen mancherlei Ueberraschungen mit sich. Ich gestehe, daß ich zu solchen auch die Rede des Htrrn Abgeordneten in der vorliegenden Angelegenheit zähle (So ist's! links), bei der er aus einem Zeitungsblatte vorliest, was ich seinerzeit einer bei mir erschienenen Deputation gesagt habe. (Allgemeine Zustimmung.) Ich halte die Zeit nicht für gekommen, daß ich in der Sache definitiv Stellung nehme. In Folge der Eingabe der Neologen habe ich eben dieser Tage wieder von den Orthodoxen eine Eingabe erhalten, welche bemüht ist, zu widerlegen, was jene gesagt haben. Ich habe also noch immer Anlaß, die Gründe für und wider zu erwägen. Eines aber erachte ich schon jetzt für meine Pflicht, nämlich zu erklären, daß Dasjenige, was ich damals der Deputation gesagt habe, in vollem Bewußtsein jenes Sinnes A^sagt war, der darin liegt. Meiner vollen Ueberzengung nach kann ich, insolange der eine Theil die Gemeinschaft behauptet, der andere dieselbe leugnet, im Interesse des Staates keinen anderen Standpunkt einnehmen, als den, daß die administrative Organisation, insoweit von kulturellen Bestrebungen die Rede ist, als eine einheitliche betrachtet werde. Auch in dieser einheitlichen Organisation kann ja Niemund gezwungen werden, ein bestimmtes Bethaus 31t besuchen. In der Verordnung steht, daß Gebetvereine errichtet werden können, wie deren auch rhatsächlich errichtet worden sind; aber in der Religionsgemeinde und im Matrikelbezirke mußte im staatlichen Interesse die einheitliche Administration gewahrt bleiben, denn ohne solche könnte man den kulturellen Anforderungen nicht genügen. Ich wiederhole demnach, daß ich nicht die Absicht habe, von dieser meiner Antwort irgend etwas zurückzunehmen oder abznändern. (Allgemeiner lebhafter Beifall.) Am 1. Februar, an m1» nutr, wo in allen Synagogen auf dem ganzen Erdenrunde das unauflösliche Bündniß zwischen Gott und Israel aus der hl. Thora verküridet wurde, hielt der Reichstag-Abgeordnete Herr Alex. Ullmann (Israelit) eine geharnischte Philippica gegen die Orthodoxen, die all die unbegründeten Beschuldigungen, die das famose Memorandum enthalten, aufgewärmt wiedergab, um nur den Eindruck der liberalen Rede des Abgeordneten Asboth abzuschwächen. Der Eultusmini'ster, Herr Graf Esaky, antwortete trocken und behauptete, daß er über den Partheien stehe. In seiner Antwort erwähnte der Minister ferner, daß die orthodoxen Juden ihm eine Eingabe am 30. v. M. unterbreitet haben und daß er als Administrations-Behörde nur ein Judenthum anerkenne, welches, wie wir kühn zu behaupten wagen, das orthodoxe Judenthum sein und bleiben wird. K. Pollak. England. London. Die „Pall Mall Gazette“ veröffentlicht eine Unterredung, welche ein isr. Eorrespondent, ein Student der Oxforder Universität, mit Gladstone während dessen Aufenthaltes in Oxford hatte. Auf eine Anfrage beireffs seiner Meinung über die antisemitische Agitation in Frankreich, sagte Herr Gladstone: „Sie können daraus selbst den Schluß ziehen, daß wenn ich mich über Dr. Döllinger's Widerstand gegen den Antisemitismus in Deutschland freute, ich keine Sympathie mit einer ähnlichen Bewegung in Frankreich haben kann. Ich habe nicht die gerinste Furcht, sagte er weiter, vor einer ähnlichen Bewegung in England." Als Herr Gladstone hierauf gefragt wurde, ob er glaube, daß die Juden in England sich der politischen Freiheit würdig gezeigt hätten, antwortete er beja->

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