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Der Israelit · 1890-02-24 · Heft 16 (24.2.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 16 (24.2.1890)
Date
1890-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ayu Jtt I» 'ffl' 270 Hirsch's eirileitete, mußten freilich immer mehr dieses Lügenmärchen von der Culturfeindlichkeit des orthodoxen Judenthums verstummen. Dieser Große und die seinen Spuren folgenden mit ihm zusammenwirkenden Genossen zeigten der irregesührten, bethörten Zeit durch Lehre und Beispiel, wie es keine perfidere Unwahrheit gibt, als die geflissentliche propagirte Lüge von der Unverträglichkeit des orthodoxen Judenthums mit Bildung und Wissenschaft. Sie selbst und ihr Wirken sind der energischste Protest gegen diese Verleumdung. Es ist deßhalb ein mehr als kühn zn nennendes Unterfangen, wenn man heute noch dieselbe zu erheben wagt. Die „Israelitische Wochenschrift", welche sich allzu sehr beeilt hat, die Erbschaft des verstorbenen Dr. Ludwig Philippson anzutreten und zu diesem Zwecke ihren Titel in den einer „allgemeinen Zeitung des Judenthums" in der Woche vom 9. zum) 16. Januar umwandelte, trotzdem die Philippson'sche „Allgemeine Zeitung des Judenthums" keineswegs eingegangen ist, hat sich trotzdem erdreistet, die Spalten ihrer Nr. 6 vom 6. d. M. mit einem „Deutsche Bildung und jüdische Orthodoxie" überschriebenen Aufsatz zu zieren, ver in der That als ein Anachronismus erscheint. Die Redaction der „Wochenschrift" hat vermuthlich in dem Traume von der reichen Philippson'schen Erbschaft sich in der Zeit geirrt. Sie fühlte sich in die längst verflossene Periode versetzt, in welcher die Philippson'sche „Allgemeine Zeitung des Judenthums" die öffentliche Meinung in jüdischen Kreisen beherrschte und als „ein unparteiisches Organ" die Ablagerungsstätte für die Verunglimpfungen des orthodoxen Judenthums bildete. Und da wähnte sie sich in der alten Rüstung als gewaltiger und gefürchteter Kämpe und unternahm einen gar tapfern Ausfall gegen das orthodoxe Judenthum. Ach, der Traum war so schön und das Erwachen so trübselig. Sie hatte von dem reichen Erbe nur geträumt, und man schrieb nicht 1840, sondern 1890! In diesem Traume, welcher sie um ein halbes Jahrhundert zurückversetzte, schrieb sie in Anknüpfung an die kürzlich erfolgte Rabbinerwahl der Israelitischen Religionsgesellschast zu Frankfurt am Main die geflügelten Worte: „Wir haben jedoch ein lebhaftes Interesse daran, zu konstatiren, welche breite Kluft zwischen den Anschauungen, welche die israelitische Reltgtonsgesellschaft in Frankfurt und d i e ganze orthodoxe Partei, mit der sie sich eins fühlt, und den aller gebildeten Menschen und ernst religiös gesinnten Inden gähnt." Es liegt uns nichts ferner als die Absicht, für die hier so jählings angefallene orthodoxe Frankfurter Gemeinde in die Schranken zn treten. Dieselbe steht denn doch zu hoch, um von einem solchen Geschosse getroffen werden zu können. Wir denken auch gar nicht daran, mit der traumumfangenen Wochenschrift darum eine Lanze zu brechen, ob die in Frankfurt vollzogene Wahl eine glückliche ist oder nicht. So „vollständig kalt", wie die Wochenschrift nach ihrer Versicherung dieser Gemeinde gegenübersteht, ebenso kühl läßt uns ihre Gutheißung oder ihr Tadel hinsichtlich dieser Wahl. Wir haben auch gar kein Gelüste, mit ihr über die Ge—schmacklosigkeit zu rechten, die sich nicht entblödet, vor der weitesten Oeffentlichkeit die Lüge auszusprechen, daß Samson Raphael Hirsch die Anschauung mit „Starrköpfigkeit" vertreten habe, „daß u Ilse re m Ge mein we sen ni cht Ein i gke it, sondern eine stets fortschreitende Streitsucht helfen kann." Eine solche sich selbst an den Pranger stellende Verleumdung ist keiner Erörterung Werth. Wahrlich, die „Kluft", welche nach der Versicherung der Wochenschrift zwischen der ganzen Orthodoxie und der aller gebildeten und ernst religiös gesinnten Juden gähnen soll, kann auch in der Anschauung der Wochenschrift gar nicht so tief sein, wie die Verachtung, mit welcher diese kecke Verleumdung von jedem gebildeten oder ungebildeten anständigen Menschen ausgenommen wird. Wir wollen auch die Frage nicht aufwerfen, ob die nach Ansicht der Magdeburger Erbbeflissenen ungeeignete Wahl einer einzigen orthodoxen Gemeinde den gegen „die ganze orthodoxe Partei" sich wendenden Vorwurf rechtfertigen kann. Gesetzten Falls, die Wählerschaft in Frankfurt hätte wirklich einen Mißgriff gethan, welche Schuld träfe damit die anderen Bekenner des orthodoxen Judenthums, die doch an dieser Wahl nicht den geringsten Antheil zu nehmen in der Lage gewesen? Wir lassen uns an dem gegen die Orthodoxie im Allgemeinen geschleuderte Anschuldigung ein Genüge sein, die die allerdings bedauernswerthe Thatsache jkonstatirt, daß die Behandlung des in der Ueberschrift genannten Themas auch heute noch nicht ganz unzeitgemäß ist. (Fortsetzung folgt.)

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