Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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258 den Trieb zum Besten seiner Stammesgenossen und seines; Vaterlandes zu verwert Heu, so stehe es auch mit einem ganzen j Volksstamme, der sich auf die verderbliche Bahn leiten lies,! alle Grundsätze des Wohlwollens, der Billigkeit uitb der Gerechtigkeit zu leugne». Glücklicherweise steckt in jedem Volksstamme so viel gesunder Sinn, das; kein Volk ans die Dauer in solchen Bahnen festgehalten werden kann, insbesondere aber hat unser deutsches Volk, welches sich im 15,. und 16. Jahrhundert in dem Kampf gegen die Gewissensfreiheit fast verblutet hat, sich endlich zu einer Höhe emporgearbeitet, das; es auf politischem Gebiete zu einer Machtentfaltung gelangt ist, die alle Erwartungen Übertrossen hat. Ein solches Volk hat aber umsoweniger Zeit, sich mit solchen Erbärmlichkeiten zu beschäftigen (lebhafter Beifall links), wie sie uns hier anfgetischt wurden, wem; eS gleichzeitig das Glück hat, das; aus seiner Mitte Herrscher, Staatsmänner nnd Gelehrte eine gedeihliche Lösung der socialen Fragen als Hauptaufgabe erklären und die Lösung dieser Aufgabe auf ihr Banner geschrieben haben. Wir sind, wie begreiflich, in verschiedene politische und nationale Lager gespalten, aber das sollte uns nicht hindern, das; wir, , wenn größere Fragen, wem; Fragen von einer gewissen weltgeschichtlichen Bedeutung an uns herantreten, diesen Fragen auch mit einem größeren nnd höheren Sinne entgegenkommen und dieselben nicht vom kleinlichen untergeordneten Standpunkt beurlheilen, und daß wir »ns insbesondere nicht von der Kleinlichkeit, der man so häufig im Leben begegnet, hinnnterziehen lassen in ein tiefes Niveau, auf welchem keine Blüthe und kein Gedeihen zn hoffen ist. In diesen; Sinne werde ich für das Eingehen in die Special-Debatte stimmen. (Lebhafter Beifall links. Zischen aus den Galerien. Unruhe.» Abg. Dr. Meng er producirt einen durch die Bemerkung des Abg. Türk, daß das von ihn, erwähnte Dienstmädchen in Iägerndorf voi; eine»; dortigen jüdischen, jetzt noch lebenden Arzte untersucht worden sei, veranlaßten Brief der jüdischen Aerzte aus Iägerndorf, in welchen; es heißt: „Da die Gefertigten beide Medicinal-Doctoren und Juden sind, heute noch als praktische Aerzte in Iägerndorf domiciliren und auch schon in der Zeit domicilirt haben, als Herrn Karl Türk lange nichts von einen; Abgeordneten-Mandate träumte; da sie zudem die einzigen Aerzte in Iägerndorf sind, bei welchen alle diese Merkmale zutrefsen, so kann der Herr Abgeordnete Türk mit dein von ihn; in die Atsaire hineingestellten jüdischen „Doctor" nur den Einen oder den Andern von ihnen in; Auge haben. Dem gegenüber erklären die Gefertigten ans das entjchiedenste, das; weder dem Einen, noch den, Ändern während seiner inehr als 25>ährliche,; ärztlicher; Praxis jemals auch nur eii; einziger Fall unterlaufen wäre, iir welchem er wegen eines von; Patienten auf eine rituelle Blutentziehung znrückgesührlen Krankheitszustandes oder wegen einer niit einer solche» in ^Verbindung gebrachten Verletzung zu Rathe gezogen worden wäre. Da der genannte Herr Abgeordnete in den; von ihn; citirten Falle unter „ausführlicher Anhörung der Klagen" offenbar weniger die genaue Kenntnißnahinc der symptomatischen, als viklmchr der genetischen Momente des Kranlheitüznstandeü Verstandei; wissen will, erklären es die Gefertigten in; Besonderer; als völlig ans der Luft gegriffen, daß ihnen jemals bei einen; Kranken-Eramen von einer hilfesuchenden Person die vom Herrn Abgeordneten seinen; classischen Zeugen nacherzählte;r thatsächlicken Umstände im Ganzen oder im Einzelnen mitgetheilt worden wären. Die in der Darsiellitng des genannten Herrn Abgeordiieten mit eingeschlossene Zninuthnng jedoch, daß Einer der Gefertigten zur Kenntnis; einer, ziiden; in arglistiger Betäubung durch Andere herbeigeführten Verletzung gelangt sei und mit Außerachtlassung der Bestinnuung des 859 St. G. den Straffall verheimlicht und di«rch den der Dienstmagd er theilten und von ihr auch befolgten Rath, den Dienst sofort zn verlassen, vertuscht hätte, weisen die Gesertigen zusammen und jeder Einzelne für sich in; Bewußtsein stets gewissenhafter Pflichterfüllung mit Entrüstung zurück (Beifall links) und werden in weiteren Schritten zur Wahrung ihrer Ehre nur durch die Schranke der Abgeordneten Immunität gehemmt. Urbrigenü erwarten die Gefertigten, daß der Herr Abg. Karl Türk durch Nan;haftn;achn»g aller Bctheiligten (lebhafte Znstiminung links) Anhalt zur strafgerichtlichen Austragung der Angelegenheit geben werde." Ich lege diesen Brief auf den ^isch des Hauses. (Lebhafter Beifall links.) Berichterstatter Ritter v. Gniewosz wendet sich nach einer Poleinik gegen die sachlichen Ausfühningen der einzelnen Redner gegen die Anlisenüten und erklärt, das; ihre Reden nur zu;» Fenster hinansgcsprochci, waren, nn; Haß zu erregen. Mittel jedoch, wie den von ihnen so grell geschilderten Nebel ständen abgeholfen werden könne, seien von ihnen nicht angegeben worden. In; Jahre 1848, bei Anbruch der neuen Acra in Oesterreich, wurde eine Deputation an den Statthalter Grafen Stadion abgesendet; an der Spitze derselben schritten Arm in Arm ein Bürger, ein Edelmann, ein aller bärtiger Israelit, ein Bauer nnd ein Akadeiniker, nnd sie dankten den; Statthalter für die Gewährung einer verfassungsmäßigen Gestaltung der Monarchie. Gewiß tritt in solchen Momenten am eheste» daS rein Menschliche in; Menschen hervor, und das kennzeichnet eben, bas; es gegen die Natur des Blei,scheu sei, gegen seine eigenen Nebenmenschen mit Haß und Uebelwollen aufzutreten. (Beifall.) Schon im Jahre 184!) seien die Gewerbetreibenden von Lemberg, Krakau, Prag nnd mehreren Städte» in Mähre» mit Petitionen au die Regierung herangetrelen, in welchen sie mit mehr Offenheit als die jetzigen Antisemiten hervorhoben, das; die Israeliten, weil sie weniger Bedürfnisse haben, weil sie länger bei der Arbeit sitzen und weil sie auch weniger für ihre Arbeit fordern, ihnen eine Eoncnirenz mache», die sie nicht bewältigen können. Ferner wurde in Petitionen von Kanflentrn, die in den christlichen, also in den schöneren Stadttheilen ihre Niederlage» hatten, ( Klage geführt, das; die israelitische;; Kanslente von dem Ghetto f sich in die Stadt hineindrängen. Damals traten die Hausherren jedoch gegen die (Gründe dieser Petitionen auf nnd sagten, das; > ihr Fnleresse geschädigt nnd die Miethzinse sinken würden nnd j das; sie nicht so stencrkrästig sein könnten, wie von ihnen ge; fordert werde. Daraus könne man ersehen, daß nur materielle i Rücksichten den Kampf hervorgernien und daß nicht der Umj stand, das; Israeliten im Lande sind nnd Handel treiben, an s diesen Verhältnissen schuld sei. Auch in Galizien seien diese Verhältnisse hevorgetrcte»; dort kommen sieben Ehristen auf einen Juden, während beispielsweise in; Wahlbezirke des Abg. Türk llü'/a Ehristen auf einen Inden kommen. In Galizien habe jedoch die Bevölkerung, besonders der Bauernstand getrachtet, die Ucbelstände durch eigene Kraft zu beseitigen; es haben sich agricole und Unterstützungsvereine in jeden; Bezirke gebildet und die Bevölkerung habe sich ans eigener Kraft Abhilfe gegen das Nebel geschaffen. Haben die Herren, die sich als Germanen geriren, so wenig Vertrauen in die Kraft ihrer Bevölkerung, das; sie mit solchen Mitteln gegen diese Verhältnisse kümpsen und durch Erregung und Haß, welcher ohne Ende ist, ihre Popularität zu erhalten suchen, ohne aber zu sagen, was denn weiter geschehen soll L Der Abg. Dr. Lueger habe gesagt, man müsse gegen den Kapitalismus auftreten. In neuester Feit sei aber schon die Erfahrung geinacht worden, das; die Angriffe gegen das jüdische Kapital weitere Angriffe gegen das christliche nach sich ziehen. Es sei sehr gefährlich, mit solchen Waffen zu käinpsen. Ich glaube also, daß diejenigen, tvelchc gegen die Gebreste der socialen Verhältnisse kämpfen, die sich als Führer und