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Der Israelit · 1890-02-20 · Heft 15 (20.2.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 15 (20.2.1890)
Date
1890-02-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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WMWWWWWWWWMMWWWMWWWW WWMWWWWWW XXXI. Jahrgang. Beilage zu M15 des „Israelit' L „Ieschurun". Leitender Artikel. Das Gesetz üöer die jüd. Gemeinden in Hesterreich. (Fortsetzung.) Gegen die Grundsätze des Gesetzes sind von zwei Herren Einwendungen erhoben worden. Der Abg. Dr. Pscheiden hatte an dem Gesetze auszusetzen, daß es sich zu sehr dem Gesetze für die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der katholischen Religions-Genossenschaft nähere und daß dieses Gesetz ein mißlungenes sei. Weiß der Herr Abgeordnete nicht, daß dieses Gesetz heute noch immer ein Torso ist, daß ein wesentlicher Theil zur Ausführung dieses Gesetzes, nämlich die Einführung der Pfarrgemeindc und die Regelung der Patronatsrechte, fehlt und daß darum das Gesetz keine Bedeutung habe? Im Ausschüsse schon hat die Regierung keinen Anstand genommen, das als zutreffend anzuerkennen, und hat die Vorarbeiten für die Regelung dieser Angelegenheit in die Hand genommen. Ein zweiter Opponent ist dem Gesetze im Abg. Dr. Bloch erstanden. Abgesehen davon, daß hierarchische Verhältnisse wie sie bei den christlichen Confessionen obwalten, bei der jüdischen Eonfession nicht passen, wird der Abg. Dr. Bloch begreiflich finden, daß jene Vertreter, weche in ihrer eigenen Confession bestrebt sind, die Bedeutung und die Kraft des Laien- Elements z.i stärken und das hierarchische Element zurückzudrängen, bei den Juden nicht dafür stimmen werden, daß die Rabbiner einen größeren Einfluß gegenüber dem Laien-Elemente erlangen. Man wird auch anerkennen müssen, daß — ohne der Gelehrsamkeit und dem reichen Wissen einzelner Rabbiner nahetreten zu wollen — das gestimmte Niveau der Bildung der Rabbiner doch nicht auf Eine L-tufe gestellt werden kann mit der Bildung der Geistlichen der christlichen Consessiouen. Der Antisemitismus ist nicht als eine Angelegenheit zu betrachten, welche einerseits nur die Antisemiten und andererseits nur die Juden betrifft. Es ist dies eine Frage, deren Rückwirkung auf das ganze politische Leben zweifellos ist. Sie übt auf alle politischen Verhältnisse einen zersetzenden, zerstörenden und ungesunden Einfluß, und auch wirthschaftlich ist der Antisemitismus von Bedeutung. Wenn der Abg. Zucker an seine Glaubensgenossen appellirt hat, sie sollen von ihren Mitteln, soweit dieselben Luxusausgaben betreffen, einen bescheidenen Gebrauch machen, so bemerke ich, daß mir im abgelaufenen Sommer der Vorsteher der hiesigen Künstler-Genossenschaft — keine verjudete Genossenschaft — seine Mitwirkung bei einem größeren Unternehmen mit der Mitlheilung verweigerte, daß die wohlhabenden Israeliten in Folge der antisemitischen Hetzereien sich von der Bestellung im Kunstfache zurückziehen und daß hiedurch in der Genossenschaft eine Roth entstanden sei, von welcher man sich keinen Begriff machen könne. (Hört! Hört! links.) Der Abg. Dr. Pscheiden will erst dann an die Unschuld der Juden glauben, wenn ihm negative Beweise dafür geliefert werden. (Sehr gut! links.) Hat denn der Abg. Pscheiden, der nebenbei anch katholischer Priester ist, die Geschichte der Inquisition ganz vergessen? Ist ihm nicht bekannt, was für Gräuel unter dem Deckmantel der Religion bis zum zwölften Jahrhundert, zwar nicht unmittelbar durch die Kirche, sondern auch durch die weltlichen Behörden, aber vom zwölften Jahrhundert an durch die Kirche allein gegen Ketzer und Andersgläubige verübt wurden? Ist es ihm nicht bekannt, daß nicht nur Ketzer verfolgt wurden, sondern auch Rechtgläubige, welche mit Ketzern in Verkehr getreten sind? Es wird jedoch jeder Billigdenkende finden, daß man weder der katholischen Religion noch den Katholiken selbst einen Vorwurf daraus machen kann, wenn in früheren Jahrhunderten durch die Kirche ähnliche Fehler begangen worden sind. Was uns recht und billig ist, muß man auch gegen andere Leute in demselben Maße anwenden. Der Abg. Türk hat selbst das Geständniß abgelegt, er sei kein geborener Antisemit; wir haben aber im Laufe dieser Tage eiu Schriftchen mit Namensnennung bekommen, aus welchem hervorzugehen scheint, daß der Abg. Türk nicht einmal als Antisemit gewählt worden ist, sondern sich später zu einem solchen entwickelt hat. Im Antisemitismus ist ein internationaler Zug. Drumont stellt Napoleon I. als einen Abkömmling der Juden dar, weil im 15. Jahrhundert spanische Juden nach Corsica ausgewandert sind, und behauptet, daß die Juden mit Napoleon unzufrieden, dessen Sturz vorbereitet hätten. Dieser Napoleon I. ist das richtige Geschwisterkind der Dienstmagd des Herrn Türk (lebhafte Heiterkeit) mit ihrem festen Schlaf und ihren Blutspuren in einem vielleicht nicht ganz reinlichen Hause. Der Zorn Drumont's gegen Napoleon ist ganz und gar unbegründet. Nicht Napoleon I. hat die Juden emancipirt, diese Emancipation beruht auf der großen Volksbewegung zu Ende des vorigen Jahrhunderts, eine Volksbewegung, welche bei den Völkern leicht in Vergessenheit gekommen ist, und zwar bei Leuten, welche sich im öffentlichen Leben immer mehr daran gewöhnen, nicht aus objectiven Quellen zu schöpfen, sondern sich nur mit jenen Schriften beschäftigen, die ihnen parteimäßig naheliegen. Redner citirt mehrere Stellen aus einem Buche, welches sich mit einer im Jahre 1882 gehaltenen Rede des Stiftspropstes Döllinger beschäftigt, in welcher die Verfolgungen zusammengestellt werden, welche die Juden seit 1650 vor bis 1822 nach der gew. Zeitrechnung zu erleiden hatten. Redner führt weiter eine Verordnung des Herzogs Magnus aus dem Jahre 1346 an, welcher in seinem Geleitbriefe für die Juden schreibt: „In Hinkunft, wenn ein Jude eine strafbare Handlung begeht, sei nur derjenige zu strafen, der an dieser strafbaren Handlung betheiligt ist, die Ucbrigen seien aber unbehelligt zu lassen." Endlich citirt Redner eine Bemerkung des Kaisers aus dem Jahre 1886, welche derselbe an eine Abordnung von israelitischen Eultusgemeinden gerichtet hat: „Ich freue Mich, daß Sie Ursache haben, Mir dankbar zu sein, und hoffe auch, das Sie in der Folge stets Grund haben werden, Mir zu danken." Ich empfinde — bemerkt Redner — persönlich das hohe Glück, das mir auch in vorgerückten Jahren die Empfänglichkeit gewahrt hat, Alles, was dem menschlichen Herzen nahesteht, mit Wärme und Innigkeit in jenem Maße zu umfassen, welches nothwendig ist, um die so häufig unvermeidliche Hingebung und Opferwilligkeit, die Einem Familien- und öffentliche Verhältnisse zur Pflicht machen, erfüllen zu können. (Bravo Bravo! links.) So wie die Einzelnen, die das ganze Leben lang nichts Anderes als Verfolgung, Haß und Erbitterung treibt, die Kräfte verlieren, den in jedem Menschen schlummern -

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