Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-02-20 · Heft 15 (20.2.1890) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 15 (20.2.1890)
Date
1890-02-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448040--29536-2477273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mm* 253 herrschenden und jene der drei geduldeten Religionen in was immer für Aemtern und Diensten, größeren oder niederen, welche auf das Religionswesen und die Erziehung der Jugend unmittelbar keinen Einfluß haben, in der Auswahl und Anstellung bloß die Rücksicht auf die Fähigkeit und Rechtschaffenheit genommen werden sollen, welches allen zu bedeuten und von ihnen zu beobachten ist. Bis zu jenem Zeitpunkte, wo dieses die Fesseln der Knechtschaft sprengende Wort „Toleranz" nicht ausgesprochen ward, schmachteten, wie die in Prag erscheinende „Jsr. Gemeiudezeitung" sehr richtig bemerkt, die Juden unter dem Drucke der Unduldsamkeit; von dem Besitze von Realitäten, vom Betriebe von Gewerben, von Erlangung von Stellen waren sie ausgeschlossen, in äußeren Merkmalen mußte sich ihre Erniedrigung zu erkennen geben, in den Städten waren sie auf die ihnen zugewiesenen Ghetti's angewiesen, ja vielfach ans eine bestimmte Anzahl Familien beschränkt gewesen und in manchen Ländern durften sie nicht wohnen, öde und wüst war es in ihren Gemüthern und Finsterniß auf der Fläche des Abgrundes, in den sic die Tyrannei des Mittelalters gestoßen hat. Und wie der Schöpfer der Welt mit dem Rufe -. „Es werde Licht", brachte Kaiser Joseph als Schöpfer des Toleranz-Patentes Licht in die verfinsterten Gemüther der Inden. „Ohne weitere Modalität," schrieb er an die Hofkanzlei, „soll der , Jud als Mensch und Staatsbürger zu Allem ver-; wendet werden, was anderen obliegt." Nicht den j Juden, sondern den Menschen hatte der hochherzige \ Kaiser im Auge, die Aufklärung und Bildung die-; ses wie Parias unter den Menschen behandelten i Stammes durch sorgfältigen Unterricht zu fördern,! lag ihm am Herzen, die Erschließung neuer Erj werbsquellen, die Aufhebung gehässiger Zwangs-! Vorschriften, die Beseitigung der das Ehrgefühl unterdrückenden Abzeichen an der Kleidung sollten in Verbindung mit der rationellen Volkserziehung dazu dienen, die ihnen eigenen Vorurtheile zu entkräften und sie zu nützlichen Staatsbürgern heranzubilden. Und so mußten die in den Toleranz- Patenten ausgesprochenen Begünstigungen für die Juden zu jener Zeit und bei dem unverschuldeten geringeren Bildungsgrade derselben als große Errungenschaften angesehen werden, die natürlich an dem Maßstabe unserer vorgeschrittenen Zeit und Aufklärung, so wie der hohen Intelligenz der heutigen Juden nicht angelegt werden dürfen. In jedem Falle bildete das Toleranz-Patent den Grundstein zur weiteren freiheitlichen Entwicklung der Juden und die Josephinische Periode bildet einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte des Judenthums selbst. Jene vor mehr denn hundert Jahren unseren Vorfahren erwiesene kaiserliche Gnade fordert aber auch die Dankbarkeit ihrer Epigonen heraus, welche sie eingedenk dessen, daß der Mensch das Andenken großer und guter Sterblicher, die durch erhabene Handlungen die Wohlthäter ihrer Zeiten, oft selbst der Nachwelt wurden, noch nach tausend Jahren verehrt, dem unvergeßlichen Kaiser Joseph, diesem großen Schätzer der Menschheit, an dessen hundertjährigem Todestage selbstverständlich zum Ausdrucke bringe». (Den Wortlaut des Toleranz-Patent bringen wir s. G. w. in nächster Nummer. Red.) Mülhausen i. E, 13. Februar. Letzten Freitag wurde unserCantor, Herr Joseph Dreyfuß. welcher im Alter von 66 Jahren gestorben, beerdigt. Der Verstorbene wirkte hier während 41 Jahren, und hatte sich in dieser Zeit die allgemeine Liebe und Hochachtung aller Gemeindemitglieder erworben. Von seiner Beliebtheit zeigte das imposante Leichenbegängniß, an dem sich auch unsere Rabbiner aus verschiedenen Städten beteiligten. In den Trauerreden wurden die edlen Eigenschaften deö Dahingefchkedenen rühmend hcrvorgehoben. Oestcrr.-Ungar. Monarchie. Pesth, im Februar. Es ist wahrlich keine angenehme Aufgabe über ungarisch-jüdische Zustände zu berichten; denn ein Jeder, in dessen Brust die Gefühle für die Religion der Vater noch nicht erloschen sind, muß mit Wehmuth sein Ohr vor den Beschuldigungen, die die Anhänger der Congrcßparthei gegen die Orthodoxen verbreiten, verschließen. Man wagt es. uns bei der hohen Regierung anzuschwärzen und im Parlamente zu behaupten, daß die Bekenner des „einzig" „einigen" Gottes, die den geläutersten Gottesbegriff lehren und verbreiten, Obscurauteu und Feinde des staatlichen Fortschrittes seien. Ein jeder objektiv Denkende weiß, daß der hohe Grad der Sittlichkeit, welche die feste Stütze einer jeden Staatsordnung ist, ausschließlich der Jntelleetnalirät seiner Bürger zugeschricben werden muß. Und das orthodoxe Judenthum besitzt solche im reichsten Maaße, was ja auchFunsere^ nichtjüdischen Feinde anerkennen. Bevor die Emancipation zum Gesetze erhoben worden, galten wir^Orthodoxe als der Sündenbock, die die Realisirung derselben verhinderten; nachdem wir nun volle 22 Jahre im Besitze derselben sind und der Bestand der Orthodoxie sich bewährte, wollen nun die Neologen uns gleich den Ertrinkenden mit sich in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.