Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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254 Tiefe ziehen. Es genügt ihnen nicht die Wahrnehmung zu machen, daß das Judenthum in ihren i Reihen nach und nach zu existiren aufhört und daß! der Glaube gänzlich schwindet; auch die Orthodoxie! wollen sie mit allen unerlaubten Mitteln gefährden,! um den Untergang des gesammten Judenthnms in! Ungarn herbeizuführen. - Diese unsere Behauptung findet in dem Memorandum, das die Neologen, so neunen sich die Fortschrittlichgesinnten selbst, au den Cultusminister gerichtet, ihre Begründung. In den Nr. 98, 99, 100,101 dieser geschätzten Blätter vom v. I. hat der geehrte Berichterstatter Herr L. Großberg die- | ses Schriftstück nach seiner Auffassung genügend j beleuchtet und die Anklage entkräftet. Wenn wir j heute auf jene Eingabe zurückkommen, so geschieht | es nur, weil wir in der angenehmen Lage sind eine > Rede mitzutheilen, die der Abgeordnete Johann von Asboth in der Reichstagssitzung vonl 31. Januar zu Gunsten der Gewissensfreiheit hielt, die daher in der Brust aller besserdenkenden und unbefangenen Menschen ihren Widerhall finden wird. Wir geben deßhalb diese treffliche Rede in ihrem ganzen Umfange. Zur Post „Kirchliche Zwecke" spricht Johann Asbnth, Er thut dies deshalb, weil neuestcns Anzeichen wahrnehmbar find, welchen gegenüber es gut ist, daran zu erinnern, daß in der interkonfessionellen Politik sich bisher als höchste Weisheit be- - währt hat, daß niair Jeden nach seiner Facon selig werden! lasse. Redner ist eilt alter und aufrichtiger Freund der Juden? und hat kaum begreifen können, wie in Ungarn, das ob seiner j Duldsamkeit in Glaubenssachen bekannt ist, der Antisemitismus! Verbreitung finden konnte. Er ist zu dem Schlüsse gekommen, i die Juden selbst seien die Begründer und Verbreiter des Anti-! semitismus. (Hört! Hört!) Nach der Wiederherstellung der Verfassung hat es eine gewisse Schwärmerei gegeben. In dieser Strömung haben Baron Eötvös und Balthasar Horvüth zu ihrem unvergänglichen Ruhme die Emanzipation der Inden ins! Leben gerufen. Es gab ein warmes Interesse für die Inden, bis Baron Eötvös einen jüdischen Landtag nach der Hauptstadt einberief. In diesem Kongreß waren die Neologen in der Majorität und es zeigte sich sogleich, daß diele die Sefardim und Orthodoxen absorbiren werden. Wer den Stolz und das Selbstbewußtsein der Sefardim kennt und wer da weiß, welchen Widerwillen der orthodoxe Jude gegen die Auffassung und Lebensweise der Neologen empfindet, der wird nicht glauben können, daß man diese Elemente anders als durch religiösen Zwang unter einen Hut bringen könne. Dies war aber das Streben, das sich auf dem jüdischen Kongreß zeigte. Man wollte die polizeiliche Assistenz des Staates in Anspruch nehmen. Der religiöse Zwang scheiterte aber daran, daß das Parlament in aufgeklärtem Geiste diese Insinuation zurückwies. Und min entstand die Fehde im Schoße des Judenthnms. Die Neologen erhoben gegen die Orthodoxen die Anklage des Obskurantismus und diese Klagen fanden rasche Verbreitung unter den Christen und wuchsen immer mehr an. So entstand der Antisemitismus und aus dem Dunste dieser Anklagen stieg endlich die Eßlarer Jungfrau hervor. (Heiterkeit.) Heute ist die Strömung des Antisemitismus vorüber; nur da und dort zeigt sich noch eine Pfütze. (Heiterkeit.) Und siehe, jetzt erneuert sich die Fehde; die kriegerischen Geister pochen wieder an die Thore des Ministerpalais und fordern polizeiliche Assistenz zur Verfolgung der eigenen Glaubensgenossen. Der Führer der Deputation, Herr Martin Schweiger, Präsident der israelitischen Landeskanzlei, spricht zum Minister also: „Wir wollen Nachweisen, daß verletzte Eitelkeit, Kaprice, Trotz, Willkür, das Streben, sich den Gemeindelasten zu entziehen, Einzelne dazu führen, aus dem Gemeindeverbande auszutreten." Und weiter: „Die Zwistigkeiten der Israeliten werden nicht aufhören, so lange sie in der Landeskanzlei und in der orthodoxen Durchführungs-Kommission zwei Zentral-Organe haben werden, von welchen das eine baut, das andere niederreißt, das eine zum Frieden mahnt, das andere zum Widerstande aneifert." Ünd endlich: „Wir bitten, die orthodoxe Durchführungs-Kommission mit ihrem, aus die Zweitheilung unserer Konfession gerichteten Verlangen abzuweisen und unsere einheitliche Organisation durch ein Gesetz zu sichern." (Schluß folgt.) Feuilleton. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.» Adolf hatte ungleich mehr gelitten als die andern. Den ganzen Tag über Erbrechen oder doch Brechreiz und dabei schneidende Schmerzen in den Eingeweide», daß ihm war, als könne er es nimmer ertragen, oft glaubte er sterben zu müssen. Und daun war es ihm, als sähe er die Gestalt seines Vaters, so wie er sie in der ersten Nacht auf seiner Flucht gesehen, mit den emporgesträubten weißen Haaren, den vcrzweiflnngsvoll gerungenen faltigen Händen lind den Fluch gegen den Sohn auf den farblosen Lippen. „Vater! Vater!" wimmerte der Unglückliche, „Dein Fluch hat.sich erfüllt — o, nimm' ihn von mir! — Verzeihe! — Verzeihe!" Er hatte das Geld, das er seinem Vater entwendet hatte, in seiner Weste eingenäht und ließ dieselbe Tag und Nacht nicht vom Leibe. Doch jetzt war es ihm, als drückten die leichten Banknoten mit Centnerschwere auf seiner Brust, als könne er durch diesen Druck nicht athmen. Mit unsäglicher Anstrengung richtete er sich auf, entledigte sich des leichten Kleidungsstückes und warf es nachlässig aus den Sessel vor seinem Lager. Abermaliges Erbrechen war die Folge dieser Anstrengung, vollständig erschöpft sank er zurück. Da trat ein junger Mann in die Cabine, den