Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Deßhalb dürfen auch die einzelnen Personen bei uns nicht gezählt werden. Die einzelne Person ist so wenig wie das einzelne Gräschen auf der großen Wiese. Menschen, Meinungen, Leistungen dürfen nicht gezählt, sie müssen gewogen werden. Das gilt schon für gewöhnliche, irdische Zwecke, viel mehr aber noch, wo es sich um die höchsten geistigen Anliegen handelt. Wenn hundert Kämpfer tausend Gegner gegenüberstehen, so liegt in der größeren Zahl der einen noch keine Garantie für den Sieg über die Minderheit. Die Hundert können stark, die Tausend schwach, die Mehrzahl kann aus ungeübten, die Minderheit aus gewandten, wohlgeschulten Kämpfern bestehen. Die Zahl entscheidet nicht. Wollen die einen nur im Vertrauen auf ihre größere Zahl in den Kampf gehen, sie wären dem Untergang verfallen. Uns hat Gott gesagt: D’öyn bin tsyon dhn. „Ihr seid die Minderheit unter allen Völkern." Würden wir unsere Leute zählen, wir wären längst in dem Kampfe unterlegen, den wir seit Jahrtausenden zu kämpfen haben. Nicht die Person, sondern das was sie leistet, schafft und wirkt, das zählt und das allein gibt den Ausschlag. Will man unsere Zahl kennen, so muß jeder geben, spenden und leisten, und wenn es auch nur halbe Schekel wären. Das, was dann die einzelnen zusammen gewirkt und zu Wege gebracht haben, bringt das zum Ausdruck was und wie viel wir zählen. Diese Einmüthigkeit des gemeinsamen Wirkens macht den halben Schekel ganz. Auch in der Natur und im Menschenleben sind alle Kräfte und Leistungen an und für sich nur ungenügend und hälftig. Der befruchtende Regentropfen allein würde das Wachsthum auf der Erde nur halb befördern, wenn nicht auch der wärmende Sonnenstrahl sich damit verbinden würde. Es sind zwei halbe Schekel, die erst durch ihre Vereinigung ein Ganzes bilden. Himmel und Erde, Tag und Nacht, Geist und Körper, Mann und Weib, Staat und Kirche, alle diese Potenzen wären unvereinigt, nur halb und unvollkommen, erst durch ihre Vereinigung erzeugen sie die göttliche Harmonie, welche aus der Natur und Menschenwelt uns entgegenstrahlt. Die einzelne Schwalbe bringt keinen Sommer, der einzelne Halm keinen Frühling, es gehören sehr viele Schwalben und Halme dazu, daß man die einzelnen eben nicht mehr zählt. Dann bilden sie alle die große, ergreifende Harmonie, welche uns im Frühling und Sommer so mächtig ergreift. Und doch setzt sich die ganze Pflanzenfülle aus einzelnen Halmen, Blumen, Blüthen und Blättern zusammen, von denen keines fehlen darf, wenn nicht das Ganze darunter leiden soll. Alle tragen dazu bei, alle haben einen Antheil am Frühling, nicht nur die Rose, sogar ihre Dornen, nicht nur der Weizen, sondern auch die Kornblume und das Unkraut, das sich unter ihnen mischt. Ja, was der Landmann, der nur an 'seinen Vortheil denkt, Unkraut nennt, das er am liebsten ganz ausrotten möchte, ist dem Naturfreund eine Erscheinung, die er durchaus nicht missen möchte. Für den Botaniker gibt es gar kein Unkraut, er bückt sich viel tiefer zu dem Pflänzchen hinab, welchem der Bauer den Untergang geschworen, als zu dem Weizen, auf welches das ganze Sinnen des Landmanns gerichtet ist. Denn an der Pflanzenpracht des Frühlings hat das eine einen ebenso berechtigten Antheil wie das andere. Sie haben beide redlich in gleicher Weise ihr Scherflein zum neuerstandenen Lenz beigetragen. Es gibt Menschen, welche nur dem Begüterten, mit Geld und Gut gesegneten, ihre Achtung entgegenbringen. Die Armen dagegen sehen sie als ein bedauerliches Unkraut in dem von Gott gepflanzten Menschengarten an. Die Kälte und Härte, welche in dieser Anschauung liegt, trägt die größte Schuld daran, daß im Kreise der Menschen der Winter nicht weichen und der Frühling nicht einkehren will. Erst wenn der Gedanke Gemeingut aller Menschen geworden ist, daß die geringe Leistung des Armen so schwer wiegt, als die große Gabe des Reichen, daß Gottes Liebe es ist, die alle Leistungen zu einem großen harmonischen Ganzen eint, an welchem der Arme und der Reiche in gleicher Weise mit ihrem halben Schekel betheiligt sind, erst dann werden die Klassenunterschiede die bedrohlichen Auswüchse verlieren, welche die Menschenliebe immer mehr zu überwuchern drohen. Soll es Frühling im Kreise der Menschen werden, dann muß jeder redlich seine Kraft einsetzen, wie es der Saatkeim thut, der aus dem Grabe ersteht. Haben aber alle diesen Einsatz geleistet, dann sind alle vor Gott gleich und bilden eine große Familie, in welcher der Reiche nicht geringschätzig auf den Armen, und der Arme nicht mißgünstig auf den Reichen blickt. m'Wsü by pstV 'n rrm (Fortsetzung folgt.)