Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MWift |nt FSrdemg jüd. Geistes and D. fcbene in Uns. ©rracinöc onü Sdjult. Emirat-Hrgan für das orihodore Iudenthum. Herausgegeben von Dr. Lehman» in Mainz. M IS. XXXI. Jahrgang. IsraelitJeschnrnn Donnerstag, den 20. Februar 5650 (1890). Unsere Irühlingsöoten. ii. Mainz, 18. Februar. Als Israel wenige Tage nach der Offenbarung am Sinai, Gott und Sein Gesetz durch Anbetung eines goldenen Kalbes verleugnet und seine ganze Zukunft in Frage gestellt hatte, damals trauerte das Volk als ihm Moscheh die ganze Größe seiner Verirrung zum Bewußtsein gebracht hatte. Wie uns unter dem Banne des Winters die ganze Natur erstorben und jede Möglichkeit ausgeschlossen scheint, dieselbe wieder neu zu beleben, so lagerte sich damals dumpfe Verzweiflung um die Gemüther der jüdischen Männer. Sie hatten durch Verleugnung ihrer großen Vergangenheit die Zukunft verscherzt und blickten nun trüben Sinnes und gesenkten Hauptes auf das was ihnen bevorstand. Da sprach Gott zu Moscheh: Wenn du das Haupt der Kinder Israels wieder heben willst bei allen, welche zu ihnen zählen, so soll jeder eine Sühne für seine Person geben, wenn man sie zählt, dann wird kein Sterben unter ihnen sein, wenn man sie zählt. (2. B. M., 30, 12.) Einen halben Schekel sollte jeder geben. Der Reiche soll nicht mehr, der Arme nicht weniger geben als einen halben Schekel. Dieses Geld sollte dann Moscheh entgegennehmen und es für den Dienst des ersten Gottesheiligthums auf Erden verwenden, damit es zum Gedächtniß werde vor Gott, um allen Seelen die göttliche Sühne zu erwirken. Wie Gott in der Natur den Winter bannt und den Frühling vorbereitet, so scheucht er auch die Nachtgedanken aus der Menschenbrust und aus dem Leben eines ganzen Volkes. Es ist wunderbar, welche Energie und welche Kraft jedes Gräschen und Hälmchen bekundet, das tief im Boden das Saatkorn sprengt, die schwere Erdscholle trotz seiner scheinbaren Schwäche durchdringt, und endlich das Köpfchen zum Himmel hebt, um sich, immer stärker und stärker zum Lichte emporzuringen. Würde ein solches Hälmchen menschlich fühlen und denken können, es würde die schwer auf ihm lastende Erdmasse mit seiner winzigen Kraft vergleichen und vielleicht nicht einmal den Versuch wagen. So aber folgt es dem Gesetz seines Herrn und Meisters, bewältigt ein Hinderniß nach dem andern und findet dann die Hilfe von Oben im Regentropfen, der die Scholle gelockert, im Sonnenstrahl, der eS zur Höhe zieht bis es sein Grab gesprengt und zum neuen Leben erstanden ist. Wohl sind seine Kräfte gering und seine Mittel unzulänglich, ihr Einsatz ist aber deßhalb doch die erste Bedingung, dem dann Gottes Beistand folgt, um zu vollenden, was die schwache Kraft begonnen. Sollen aus unserer Brust, aus unserem Hause und unserer ganzen Umgebung die Wintergedanken weichen und wieder Lenzeshoffnungen einziehen, dann müssen auch wir unsere Kraft, wie winzig sie auch sein möge, voll und ganz einsetzen, um dann sicher auf den Beistand Gottes zählen zu dürfen. Unser Beitrag wird immer ungenügend sein, aber Gott verlangt auch nur einen halben Schekel, die fehlende Hälfte ergänzt seine Liebe. „Es liegt Dir nicht ob," jagt ein jüdischer Weiser, „das ganze Werk zu vollenden, aber du bist deßhalb nicht frei, um dich deiner Pflicht ganz zu entziehen." Im Dienste Gottes verwendet, fließen alle Einzelkräfte zu einem großen Ganzen zusammen. Die Einzelleistung würde spurlos verschwinden, aber vereinigt, im Dienste Gottes vereinigt, gestaltet sie sich zu einem ewigen Denkmal und Gedächtniß, das alles menschliche Fehlen und Irren auszugleichen und zu sühnen vermag.