Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 14 (17.2.1890)
- Date
- 1890-02-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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242 feit). Ich will die Namen nicht nennen, aber wenn Sie sie ernstlich betrachten, da stimmt nicht ein Einziger mit dem Andern überein. Die Eintracht in sich repräsentirt blos der einzige Dr. Lueger (Heiterkeit), der ist mit Allen gut und mit sich selber auch. «Lebhafte Heiterkeit. Abg. Dr. Lueger: Sehr wahr! Erneuerte lebhafte Heiterkeit). Redner wendet sich sodann gegen die Anklagen des Abg. Türk in Bezug aus den Talmud. Ueber diesen sei lehr viel gesprochen und im Mittelalter sei er sogar für ein Zauberbuch gehalten worden. Wer habe jedoch den Talmud gemacht? Angefangen habe ihn Simon, der das Buch Jeschai, des Sohnes Sirach geschrieben habe, welches als ein heiliges Buch der Christen gelte. Fortgesetzt habe ihn Gamaliel, von dem Paulus sich gerühmt habe, daß er zu dessen Füßen gesessen. Redner citirt die Aussprüche zahlreicher katholischer und evangelischer Theologen, die sich alle über den Talmud in günstigem Sinne ausgesprochen haben. So habe unter Anderen Johannes Reuchlin, der ein Deutsch-Nationaler war, was auch der Abg. Türk sich merken sollte. Folgendes gesagt: „Der Talmud ist nicht dazu da, daß jeder Lump (lebhafte Heiterkeit» mit ungewaschenen Füßen darüberlaufe und sage, er könnt's auch!" (Lebhafte Heiterkeit.) Der Abg. Türk hat — fährt Redner fort — als stärksten Vorwurf erhoben, daß unsere Religion es sei, welche die kapitalistische Lebensweise fördere, daß die Religion der Juden die Religion des goldenen Kalbes fein müsse. Mehr als hundert Autoren im Talmud waren Arbeiter und Handwerker, und wenn Sie bei Ihren social-politischen Arbeiten zu Gunsten der Arbeiter Gesetze geschaffen haben, wohin haben Sie gegriffen? Bei den Ariern haben Sie doch nicht die Keime Ihrer Gesetzgebung vorgefunden. Und wenn heute der deutsche Kaiser die Völker Europas einladet, nm eine internationale Gesetzgebung zu schaffen zur Begrenzung des Arbeitstages, was Anderes thut er, als einen jüdischen Gedanken ausführen? (Gelächter auf der äußersten Linken.) Waren nicht wir Juden es, die wir vor viertausend Jahren die erste Arbeitswoche regulirt haben? (Sehr richtig!) Biertausend Jahre sind vergangen, seitdem die Semiten eine socialpolitlsche Gesetzgebung geschaffen haben, und sie haben die Arbeitswoche regulirt. Der Antisemitismus trifft blos den armen Inden; wenn ein reicher Jude zufällig Director einer Versicherungsanstalt ist, so bekommt er sogar den Besuch eines Vertreters des Herrn Vergani. (Lebhafte Heiterkeit.) In Geldsachen heißt es arisch: Non ölet (Beifall und Heiterleit), und da sollen wir Juden innerhalb dieser Gesellschaft die einzigen Idealisten sein. «Erneuerte Heiterkeit.) Redner bespricht nun den nationalen Antisemitismus. Ich halte den sogenannten nationalen Antisemitismus nicht für einen Gedanken, sondern für eine Krankheit. Das ist ein Wahnwitz des Nationalismus, denn der Antisemitismus ist das directe Gegentheil des Nationalismus. Der Antisemitismus ist ausschließlich abstoßend, und wen stoßen die Deutsch-Nationalen ab? Wenn je ein Volk sich freiwillig in den Dienst des anderen Bolksstammes feit Jahrhunderten gestellt hat, so waren es wir Juden. Wir haben für das Deutschthum gekämpft in allen Ländern. (Abg. Hevera: Leider! — Lebhafte Heiterkeit.) Er hat Recht, leider! In Frankreich reden die Inden Deutsch, in Italien reden sie Deutsch, in Schweden, in Norwegen sucht man jüdische Prediger, die Deutsch reden, nach Brasilien, nach Nordamerika sucht man Deutsch redende jüdische Prediger, und in Polen, wo wir gastfreundlich aufgenommen worden sind, haben wir fortwährend an der deutschen Sprache festgehalten. Wir waren die Märtyrer der deutschen Sprache, wir haben den gerechten Haß, das gerechte Mißtrauen der Nationalität auf uns geladen, weil wir, trotzdem wir Jahrhunderte im j Lande weilten, noch immer die fremde Sprache nicht preisgegeben haben. Eines Tages erwacht eine neue Partei mit einer neuen Lehre, und wie lautet diese? Hepp, Hepp! (Lebhafte Heiterkeit.) Das ist die höchste Errungenschaft des Jahrhunderts; Hepp, Hepp ist der höchste Ausfluß des nationalen Gedankens; Hepp, Hepp ist die größte Errungenschaft des Deutsch» thnms; Hepp, Hepp ist der Urlaut des nationalen Denkens; Hepp, Hepp ist unübersetzbar, es kann nicht ins Czechische und nicht ins Polnische übersetzt werden. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit.) Redner schließt mit dem Ausspruche des Präsidenten Dr. Smolka ans einer Landtagssitzung des Jahres 1868, daß der wahre Maßstab der Civilisation in der Gesetzgebung und in dem Verhalten einer Nation Andersgläubigen gegenüber nicht nur in Bezug aus die Gleichberechtigung in Glaubens-Angelegenheiten, sondern auch rücksichtlich ihrer politischen Gleichstellung zu suchen sei. (Lebhafter Beifall.) Die Verhandlung wird hierauf abgebrochen. Die Abg. Fiegl und Genossen interpelliren den Minister- Präsidenten und deil Unterrichtsminister wegen einer in Zeitungsnachrichten enthaltenen Wußcrung des Bezirkhauptmannes von Währing in der Bezirkslehrer-Eonserenz, daß er antisemitische Tendenzen bei Lehrern nicht dulden werde, und fragen, ob die Minister geneigt seien, einerseits den politischen Beamten in der Ausübung ihres Amtes jede parteiliche politische Einflußnahme zu untersagen und andererseits den Lehrern das im Staatsgrundgesetze gewährleistete Recht der freien Meinungsäußerung im Rahmen des Gesetzes nnverkümmert zu erhalten. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzeu. Deutschland. Freiburg i. Br., 12. Febr. Schon wieder ist ein Student dem Moloch Duell zum Opfer gefallen, und zwar aus einer Veranlassung, die heute leider oft vorkommt. Wenn in der jetzigen Zeit zwei Studenden sich im ernstlichen Duell (nicht Mensur) gegenüberstehen, so darf man nahezu als Regel annehmen: es ist ein Christ und ein Jude. Traurig, aber wahr! Ein Mitglied des Korps „Rhenania" konnte es nicht unterlassen, einem Studenden jüdischer Konfession in empörendster Weise ein „Judenjnnge" in's Gesicht zu schleudern und zwar vor großer Gesellschaft. Als nun der „Judenjunge", Herr Eduard Salomo n aus Neuwied a. Rh., den Herren von der „Rhenania" sagte, sie möchten sich geohrfeigt fühlen, war die Sache fertig. Das Duell (oder richtiger der Mord, denn 15 Schritte Distanz, 3maliger Kugelwechsel, ist, wenn es nicht Komödie sein soll, doch ein Mord), fand am Donnerstag, 6. d. M., Morgens 8 Uhr statt. Beim zweiten Gange wurde Herr Salomon durch den Magen und unteren Theil der Lunge geschossen — heute Früh erlag er der erhaltenen Schußwunde. Herr Salomon hätte letzten Donnerstag, an dem