Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 14 (17.2.1890)
- Date
- 1890-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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tmmmmfmmrn XXXI. Jahrgang. Beilage ju M14 des „Israelit" L „Ieschurun". leitender Artikel. Das He setz über die jüd. Gemeinden in Hesterreich. (Fortsetzung.) Abg. Tr. Bloch (fortfahrend): Im Jahre 1420 hat sich in Wien ein Fall ereignet, daß drei christliche Knaben, die aufs CHS gingen, ertranken. Als die Eltern furchtbar jammerten, fanden sich sofort Zeugen, welche die Knaben in jiidischen Häusern gesehen haben wollten. Und was war die Folge? Tie gesammte Judenschaft wurde hingemordet, und nachdem dies geschehen war, fand man die Leichen der Knaben unter dem Eise! Meine Herren! Spielen Sie nicht mit dem Feuer! Redner bespricht itun die bekannte Aeußerung des Tompredigers Beith, welche, wie der Abg. Zticker bereits erwähnte, durch dessen Bruder eidlich bestätigt sei. Auch Franz Moiitor, eine der vollgiltigsten Autoritäten über Iudenthum und Ehristenlhnm nach dem Zeugitisse der Wiener Kirchenzeitung selbst, habe die Eidesleistung des Dompredigers Veith, in welcher derselbe die Blutbeschuldigung zurückwies, bestätigt und sich ihr mit den schärfsten Worten angeschlossen. Redner citirt diese Erklärung vom April 1860, in welcher Franz Molitor erklärte, „mit reinem Gewisseit, ohne Argwohn und Rückhalt die Hände zum Allmächtigen zu erheben und feierlich zu erklären und zu betheuern, daß er niemals mündlich und schriftlich aus irgend einem Wege von den Inden irgend etwas vernommen habe, was dieser Beschuldigung auch nur im entferntesten zum Vorwände, viel weniger zur Rechtfertigung dienen könnte, daß cs ihm vielmehr bewußt sei, wie den Juden aller Blutgennß durch ihr Gesetz strengstens untersagt ist. Möge der allmächtige Gott, heißt es, die Herzen aller Christen vor jeder lieblosen Beschuldigung bewahren". Meine Herren, nützt Ihnen das auch nichts? Redner citirt weiters ein Zeugniß des Jesuiten Franciscus Haselbauer vom 20. October 1736. Er führt die Bulle des Papstes Paul III, an, welchen Ranke als einen der erleuchtetsten Kirchensürsten preist, und der ausdrücklich erklärte, „daß diese Beschuldiguitgeir zu gewisseit Zwecken erfunden wurden von gewissen Machthabern, welche als heißspornige Feinde der Juden bekannt und von Habsucht verblendet seien, danftt sie das Hab und Gut selbiger Hebräer mit einem gewissen Anstande sich anzueignen im Stande seien". Vor fünfhundert Jahren habe Großfürst Witolt verboten, eine derartige Anklage auch nur zu hören, und er befahl, daß einen Dennnciantcn, der eine derartige Anklage gegen die Inden anzetteln würde, diejenige Strafe treffe, welche er dem Angeklagten zugedacht habe. Das war vor fünf Jahrhunderten. (Abg. Kaiser: Leider jetzt nicht!) Im Jahre 1870 sind zahlreiche Christen einerderartigen Anklage zum Opfer gefallen. Kennen Sie die große Katastrophe der Christen in China nicht? Wissen Sie nickn, daß man dort die Christen angeklagt hat, daß sie chinesische Kinder zu religiösett Zwecken herbeilocken? (Rufe: Die wissen überhaupt nichts!) Lesen Sie das Buch von Baron Hübner: „Ein Spaziergang um die Welt". Dort erzählt er, wie man Zeugen gestellt hat, wie man die Christen auf die Folter gebracht hat, uud sie haben auch gestanden, und wie dann der aufgchetzte Pöbel die ganze christliche Einwohnerschaft uiedermetzelte und Kirchen und Klöster zerstörte. Angesichts solcher haarsträubender Vorgänge sollte man doch vorsichtiger sein in Anklagen gegen die Anderen. Redner erzählt, daß in Jerusalem eine jüdische Talmud» Thora-Schule besteht (zum Abg. Dr. Lueger gewendet: „Erschrecken Sie nicht, verehrter Herr!"), welche der dortige Bischof besucht und dabei sich sehr anerkennend über die Leistungen dieser Schule ausgesprochen habe, weil darin Nächstenliebe und Duldung gelehrt und geübt werden. In Wien aber werde der jüdischen Talmud-Thora-Schule vom Wiener Gemeinderathe die Subvention verweigert, in Wien seien die Juden Mitglieder einer inferioren Race, da sei ihre Moral eine schlechte! Uns gegenüber — fährt Redner fort — werden alle Begriffe von Recht und Unrecht, Tugend und Laster verkehrt. Bildungsstreben ist doch gewiß eine Tugend. Man preist die Völker, in deren Mitte sich ein hohes Bildungsstreben zeigt; man preist die Familienväter, die das Letzte daransetzen, ihre Kinder unterrichten zu lassen. Nur Juden dürfen es nicht sein, und wenn es Juden sind, kommt der Abg. Türk und zählt nach, so und so viele Judcnkinder gehen in Schulen, in Gymnasien und Universitäten, ja, bei den Christen ist es eine Tugend, bei den Juden ein Laster. Aber man sollte doch wenigstens dabei bleiben, daß das Unterrichtnehmen, das Bildungsstreben bei den Inden ein Laster ist. C nein, in Galizien gehen sie nicht in die Schule, da ist es auch ein Laster. (Lebhafte Heiterkeit.) Deßwegen bin ich nicht der Ansicht des Abg. Dr. Zucker, der uns den Rath ertheilt hat, daß wir bescheidener auftreten und weniger ausgeben sollen. (Ruf: Das kann nichts schaden, aber nützen auch nicht.) Dem Juden nützt gar nichts; gibt er viel aus, so ist er verschwenderisch (Heiterkeit), gibt er wenig aus, ist er ein Geizhals. (Lebhafte Heiterkeit.) Zieht er sich von den politischen Parteien zurück, so ist er unpatriotisch: nimmt er am öffentlichen Leben theil, ist er vordringlich. (Lebhafte Heiterkeit.» Geht er mit der Regierung, heißt es: Ja, der Jude geht immer mit dem Mächtigen; geht er mit der Opposition, dann verhetzt er die Parteien. (Lebhafte Heiterkeit.) In einer Versammlung in Floridsdorf hat man gesagt: Die Juden haben die Ezechenfrage erfunden. (Schallende Heiterkeit.) Wie lange hat man uns vorgehalten, daß wir es sind, die dieses Reich in Parteien zerklüften und die Völker Oesterreichs aufeinander hetzen, um sie alle zusammen ausbeuten zu können! (Abg. Tr. Lueger: Gewiß, das ist auch wahr!) Heute haben sich zwei Lolksstäntme glücklich geeint, und was geschieht? Da ist der Jude daran schuld, das hat die Alliance israelite abgekartet (lebhafte Heiterkeit), und Graf Taafse und alle Parteien sind hereingegangen. (Erneuerte lebhafte Heiterkeit.) Ich übertreibe nicht, das Alles hätten Sie lesen können in der consiscirten Nummer jenes Blattes, das als Organ für jene Partei da drüben gilt. Man hat uirs vorgeredet: die Juden zerklüften die Parteien. Wohlan, wir haben eine Partei, die ganz cntjudet ist, da sitzt kein Semit drinnen; seheir Sie auf jene Bänke, welche Einigkeit! Lebhafte Heiterkeit und Beifall.) Mit dem Messer in der Hand stehen sie einander gegenüber (lebhafte Heiterkeit), und der Jude ist nicht dabei. (Lebhafte Heiterkeit im Hause und Zischen auf den Galerien.) Präsident: Ich bemerke schon wieder, daß die Galerien sich unruhig verhalten. Ich ermahne sie zum letztenmale, sonst werden ich sie räumen lassen. Abg. Dr. Bloch: Schauen Sie aus diese Bänke. Jeder Einzelne repräsentirt für sich eine gesonderte Partei. (Heiter-