Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 13 (13.2.1890)
- Date
- 1890-02-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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-1 7« 11 1' 11 »V» ,U- >V>M " iT-n uyigiym.1^1 222 vielleicht reguliren, dann wird neben dem Judenrhum noch mancher andere Organismus zu Grunde gehen. Es ist unerhört, daß man dies als Borwurf gegen die Inden erhebt. Sollen die Juden, um diesem Vorwurfe zu entgehen, weniger heirathen oder sollen sie — ich will es gar nicht anssprechen — es ist etwas Furchtbares, daß so etwas zum Vorwurf gemacht werden kann. Der weitere Vorwurf, der erhoben wurde, ist, daß die Juden beim Vergehen der leichtsinnigen Crida mehr betheiligt sind, als die Nichtjuden, und ein größeres antisemitisches Journal, die Kreuzzeitung, hat herausgerechnet, daß die Inden bei diesen Vergehen neunzehnmal mehr bethciligt sind. Das Vergehen der leichtsinnigen Erida kann doch nur bei Geschäftsleuten Vorkommen. Nach der preußischen Berufsstatistik sind nun die Juden fünszehnmal mehr am Geschäft betheiligt, als Nichtjuden. Zur Beurtheilung der Moralität einer bestimmten Elaste muß nian doch den Procentsatz von strafbaren Handlungen prüfen, der bei der einzelnen Bevölkerungsclasse vorkommt. Auf je 100,000 Katholiken kommen nun 880 Berurtheilungen wegen Verbrechen oder Vergehen, aus je 100,000 Protestanten 680, auf je 100,000 Inden 608. Ich will daraus nicht etwa philosemitische Schlüsse ziehen, aber ich wünsche nur daß man aus diesem Umstande wenigstens die eine Thatsache folgere, daß die Juden nicht inehr an diesem Verbrecheil betheiligt sind, als die Nichtjuden, ja daß das Berhältniß vielleicht noch ein wenig besser ist, und dabei muß man doch bekennen, daß die Verurtheilung eines Juden, sei es bei einein Richter von Beruf, sei es bei Geschworenen, gewiß nicht schwerer erfolgt, als die Verurtheilung eines Nichtjuden. Der dritte Vorwurf, der gegen die Juden erhoben wird, bezieht sich darauf, daß die Jilden kein Gewerbe treiben, daß sie nicht arbeiten. Ich frage Sie: Der jüdischen Meister gibt es verhältnißmäßig noch wenige, weil vor vierzig Jahren die Zünfte absolut den Juden verschlossen waren, und sollen die Kinder zu einem nichtjüdischen Meister kommen? Unsere Jugend wird bei den antisemitischen Allüren eines Theiles der Lehrerschaft schon heute in den Volks- und Mittelschulen äußerst l unglimpflich behandelt. (Ruse: Sehr richtig') Ich könnte mit * Thatsachen dienen. Wie würde es erst den jüdischen Lehrlingen bei einem uichstüdischen Meister ergehen? Ist es einem jüdischen Vater da leicht, sein Kind bei einem christlichen Lehrherrn unterzubringen? Ein weiterer Vorwurf wird wegen des Geldbesitzes, wegen des Reichlhums erhoben; es wird hingewiesen auf den Reichthum zweier oder dreier jüdischer Firlnen. Dem gegenüber möchte ich ansühren, daß die Vermögensverhältnisse der Weltfirma Rothschild beispielsweise vollkommen überschattet worden sind von ganz anderen Vermögen, welche in neuester Zeit angesammelt worden sind. Ich verweise aus die Petroleumprinzen in Amerika, auf die Silberminenfürsten, auf die Kohlenkönige, von dem Umstande ganz abgesehen, daß es auch blutarme Inden gibt (Sehr richtig!) und daß diese unter der Antisemiten- Bewegnng am meisten leiden. Der reiche Jude führt vielleicht zum Antisemitismus, aber der arme büßt es. (Sehr richtig!) Der Reiche in den Städten ruft nach der Polizei, der Arme, der vom Sonntag bis zum Freitag mit dem Vinkel herumgeht, leidet. Diese Ungerechtigkeit sollte dahin führen, den Antisemitismus mit anderen Augen anzusehen. Tie Art und Weise, wie die Sitzungen auseinandersolgen, gestatten es, Spaziergänge zu unternehmen, und da würde ich Sie einladen, das Haupt-Handelsemporium von Wien, den sogenannten Kai, zu besuchen, wo die Kai-Firmen eine ganz bedeutende Rolle spielen. Es wurde mir berichtet, es gäbe 500 sogenannte Kai- Firmen, unter diesen 50 nichtjüdische, 450 jüdische, und da sagen Leute, welche die Geschäftsverhältnisse kennen, daß diese fünfzig nichtjüdischen Firmen zehn- und zwanzigmal mehr Vermögen haben, als die 450 jüdischen Firmen. Ich nenne nur die Namen Fabcr, Fallmayer, Geipel, Liebig, Vonwiller, und man muß zur Kenntniß kommen, daß das Vermögen sich nicht so sehr in den Händen der Juden als vielmehr der Nichtjuden coneentrirt, nur daß die Inden einen sehr unlöblichen Gebrauch von dem Vermögen machen bezüglich der Aeußerlichkeiten, der Toilettenpracht, bezüglich der Einrichtung der Wohnungen u. s. w. Die Sachen sind volkswirthschaftlich ganz gut, aber in einer solchen Zeit thäteu die Juden gut daran, und ich fordere sie dazu aus, sich auf die größte Einfachheit und Schlichtheit zu beschränken, es zu vermeiden, Aussehen zu machen, in schönen Kleidern einherzugehen, Gesellschaften zu geben. Ter Abg. Türk hat bei einer Debatte hier im Hause drei schwerwiegende Behauptungen für den Reichthnm der Juden angeführt: 1. Rothschild besitze in Böhmen achtmal so viel Großgrllndbesitz wie die kaiserliche Familie. 2. Die Juden besäßen in Galizien achtzig Perceut Großgrundbesitz, und mehr als die Hälfte der polnischen Großgrundbesitzer seien Juden, u>-d 3. Baron Popper besitze mehr als die Hälfte des Neutraer Eomitats uitd sei Patron von 54 katholischen Kirchen. Die eine Behauptung bezüglich des Reichthums Rothschild's hat der Herr Redner in einer sehr originellen Weise selbst berichtigt, indem er diese Behauptung nicht ins stenographische Protocoll aufnahm. (Heiterkeit.) Nun besitzt Rothschild in Böhmen nicht Einen Baum und nicht Ein Hans. (Hört! Hört!) Was die Behauptung bezüglich des Grundbesitzes in Galizien betrifft, verweise ich auf eine Broschüre unseres Eollcgen Szczevanowski, in der gesagt wird, daß die Juden in Galizien lveniger Grundbesitz haben, als aus die Zahl der Bevölkerung entfällt, denn die Judeir besitzen ein Neuntel des Grundbesitzes, während sie ein Siebentel der Bevölkerung repräsentiren. Was die dritte Behauptung bezüglich des Baron Popper betrifft, so besitzt derselbe im Neuiraer Eomitate gerade so viel Grundbesitz wie Rothschild in Böhmen, nämlich nichts. Er soll in anderen Eoinitaten begütert und auch Patron mehrerer Kirchen sein, aber die Geistlichkeit ist mit ihm zufrieden, lind wäre es angesichts der Thatsache, daß den Juden bis jetzt trotz der Zusicherung der Staatsgrundgesetze doch der Zugang zu den Aemteru wesentlich erschwert ist, daß sie abgeschnitten sind von anderen Stellungen, ist es zu wundern, daß sie sich in Folge dessen mehr mit dem Handel beschäftigen und eine gewisse Versirtheit besitzen? Einzelne Schwächen und Schattenseiten mögen den Juden ankleben. Einzelne Personell mögen nicht so handeln, wie sie sollen, aber ist es berechtigt, daraus einen Vorwurf gegen die ganze Jndenschaft zu erhebet! und alle Juden leiden zu lassen? Man soll eben nicht generalisireit. Mit dem Worte Antisemitismus kann man die Stimmen aller Jener gewinnen, welche je von Juden etwas Unangenehmes erfahren haben (Heiterkeit), und man kann mit dem Worte Antisemitisnms unter Umständen einen Eriverb in Flor bringen. Der Antisemitismus, der manchmal gewerbsmäßig betrieben wird, ernährt unter Umständen seinen Mann. (Lebhafte Heiterkeit.) Der Antisemitismus kann jedoch nichts Dauerndes sein, weil er nichts Positives enthält, der bloße öde Judenhaß ist kein Programm' sondern nur eine einfache Negation, und wenn der Antisemitismus in etwas Positives übergeht, so muß er sich einer andern Kategorie anschließen. Die nationalen Käinpse in Oesterreich haben mich nie sonderlich erschreckt, und ich bin mit Rücksicht ans gewisse Ereignisse der letzten Zeit überzeugt, daß der zwischen den Nationen wechselseitig geführte Kampf sich in einen friedlichen Wettkainpf derselben unter einander auslösen wird. Ich glaube, daß den Juden in diesem Wettkampfe eine ziemlich günstige Rolle beschieden ist, denn da von einer jüdischen Nationalität nicht gesprochen werden kann, so ist es naturgemäß, daß sie