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Der Israelit · 1890-02-13 · Heft 13 (13.2.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 13 (13.2.1890)
Date
1890-02-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Adolf ein, indem er ohne Weiteres seinen Arm ergriff und ihn kräftig stützte. Das Mädchen war zurückgetretcn, ihr Blick dankte dem jungen Mann. „Ein seltsames Vergnügen muß das für Sie sein, einen gebrechlichen Alten zu stützen", sagte der alte Mann, indem er von Adolf geleitet und von seiner Enkelin gefolgt, langsam die Stiegen hinunterschritt. „Ich versichere, es ist mir ein großes Vergnügen", versetzte Adolf eifrig. „Ihr werthes Aenßere erinnert mich beständig an meinen Vater." „Jetzt begreife ich Ihre freundliche Aufmerksamkeit", fiel das junge Mädchen ein, „Sie sind sicherlich ein ausgezeichneter Sohn." Dunkle Gluth überzog das Angesicht des flüchtigen Sohnes, der das Geld, das er seinem Vater gestohlen hatte, in seinen Kleidern trug; nicht um die Welt hätte er dem Mädchen jetzt in die Angen sehen können und er war daher froh, daß er vor ihr ging und ihr daher den Rücken zuwenden konnte. Mit der Sorgfalt eines Sohnes geleitete er den Alten bis zur Cabine, wo er sich mit höflicher Verneigung von ihm verabschiedete. Das junge Mädchen sprach ihm nochmals ihren Dank aus. „Sie sind mir keinen Dank schuldig, Fräulein", entgegnete er abwehrend, „aber ich erlaube mir, Sie ernstlich zu warnen, daß Sie Ihrem Herrn Großvater nicht gestatten wollen, allein oder nur von Ihnen gestützt über die Stiegen zu gehen, weder hinauf noch herunter. Bei dem Schwanken des Fahrzeuges könnte das dem alten, schwächlichen Herrn, Gott behüte! verhängnisvoll werden. Ich aber werde mit Vergnügen jederzeit bereit sein, ihn über die Stiegen zu geleiten, wollen Sie mich nur jedes Mal benachrichtigen lassen." In dem Auge des jungen Mädchens erglänzte eine Thräne, sie war kaum im Stande, ihre Bewegung zu bemeistern. „Wie sind Sie so gut," flüsterte sie, „so sehr, sehr gut." Er lüftete lächelnd seinen Hut und empfahl sich. Er befand sich in überaus behaglicher Stimmung, er war zufrieden mit sich und mit dem Eindruck, den er gemacht hatte. Eine Arie aus einer der neuesten Opern pfeifend, schritt er die Stufen hinan und hinaus auf's Verdeck, und dann zog er auch die so lang entbehrte Cigarre wieder ans der Tasche und überließ sich ungesäumt dem Genüsse der echten Havannah. In dieser Nacht schlief er auch vortrefflich, nicht ein einziges Mal belästigte ihn das Bild seines Vaters, nur das Bild cdes liebreizenden jungen Mädchens lächelte ihm auch im Traume zu, mit den wunderbar schönen, im feuchten Glanze schimmernden Augen. „Wie sind Sie so gut — so sehr, sehr gut", hörte er sie wiederum flüstern und im Traume kicherte er in sich hinein. — Ob sie das wohl gesagt haben würde, wenn sie ihn näher gekannt haben würde? — Unsinn! — wer wird überlegen, was ein Anderer unter diesen oder jenen Umständen gethan haben würde — man zieht nur das in Betracht, was in Wirklichkeit gethan oder Mindestens gesagt worden ist. Frisch und froh erwachte er ani folgenden Morgen und konnte das Sprüchwort Lügen strafen, das ein gutes Gewissen als das beste Kopfkissen bezeichnet. Besser als er geschlafen hatte, hätte der Besitzer des besten Gewissens auch nicht schlafen können. — Ein gutes Gewissen — Unsinn! — Glück ist das beste Kopfkissen. Mehrere Tage waren verstrichen, das herrlichste Wetter begünstigte die Fahrt. Es befanden sich einige hundert Passagiere ans dem Dampfer, die in zwangloser Weise untereinander verkehrten. Adolf hatte bereits einige recht interessante Persönlichkeiten kennen gelernt, mit denen er sich gern unterhielt; den größten Theil des Tages verbrachte er jedoch in Gesellschaft des bereits mehrfach erwähnten alten Herrn und seiner Enkelin, denen sowohl von Seiten der Schiffsmannschaft als auch von den Passagieren mit besonderer Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit begegnet wurde. Adolf war nicht der Einzige, der sich bemühte, ihnen gefällig zu sein; wenn der alte Herr hinauf ans's Verdeck oder sich hinunter begeben wollte, eilten oft mehrere herbei, die sich erboten, ihn zu stützen. Adolf war jedoch der erste gewesen, der sich ihnen aus dem Schiff hilfsbereit erwiesen, und der sich ihnen überhaupt näher angcschlossen hatte: er erfreute sich daher ihres besonderen Zutrauens, umsomehr, da sie ihn wegen seines ganzen Auftretens für einen braven, ernftfrömmen Mann halten mußten. Ter alte Herr hatte ihm bereits seine und seiner Enkelin näheren Verhältnisse mitgetheilt, hatte ihm erzählt, wie glücklich er dereinst gewesen als Gatte einer liebevollen Frau, als Vater zweier blühendschöner Töchter. „Sehen Sie hier meine Emmi", hatte er hrnzugefügt, „sie ist das Kind meiner ältesten Tochter, aber sie gleicht meiner jüngsten Tochter zum verwechseln, wie dieselbe nämlich in ihrem Alter ausgesehen hat." Als ihm jedoch vor ungefähr zehn Jahren seine Gattin durch den Tod entrissen worden, da hatte das Glück ihm vollends den Rücken gewandt, im selben Jahre hatte er seine beiden Kinder ver-

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