Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1890)
- Date
- 1890-02-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448037--29484-2477218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'S»'.- r* ’^cpf^5 204 bemühte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. — Doch er bemühte sich umsonst, seine Gedanken kehrten immer wieder zu seinem Alten zurück. — Ob der seine Siesta jetzt wohl schon beendet hatte? — Zeit wäre es wohl gewesen, aber es war Sabbat und am Sabbat pflegte der Alte sein sogenanntes Sabbatnachmittagsschläfchen zu halten, das sich nicht selten zu einem mehrstündigen Schlaf ausdehnte. Sabbat — Sabbat — bei dem Gedanken an dieses Wort kräuselte der junge Mann verächtlich die Lippen. Doch plötzlich änderte sich der Ausdruck seiner Züge. Täuschte ihn nicht alles, so war der alte Mann, für dessen Enkelin er sich im Augenblick so lebhaft interessirte, nicht nur ein Glaubensgenosse, sondern auch ein Gesinnungsgenosse seines Vaters. Als Juden hatte er ihn sofort erkannt, sein ganzes Aeußere trug den semitischen Stempel — und das junge Mädchen hatte betont, daß er sich zu sehr angestrengt habe, weil er den Weg vom Hotel bis zum Hafen zu Fuß zurückgelegt habe und ohne sich auf einen Stock zu stützen. — Adolf's Vater Pflegte auch ain Sabbat den Stock nicht zu benützen — kein Zweifel daher, der Alte dort auf dem Schiffe, gehörte ebenfalls zu jenen Dunkelmännern, jenen halsstarrigen Orthodoxen. Und das junge Mädchen — In anderer Gesellschaft hätte er sie keineswegs für eine Jüdin gehalten, doch als Enkelin eines orthodoxen Juden mußte sie zum mindesten seinem Stamme angehören — aber nicht nur seinemMamme schien sie anzugehören, sie schien auch seine Gesinnung zu theilen. Adolf hätte darauf schwören mögen. Dieser feingearbeitete silberne Schlüssel, den sie wie ein Zierstück an ihrer Uhrkette trug und mit dem sie dennoch den Handkoffer aufgeschlossen hatte — Adolf hatte einen ähnlichen bei seiner Stiefmutter gesehen, wenn sie am Sabbat spazieren ging und auf seine Frage hatte sie ihm einmal erklärt, daß man am Sabbat keinen gewöhnlichen Schlüssel bei sich tragen dürfe. — Kein Zweifel, das junge Mädchen war auch so eine Fromme. Aber sie war schön, wunderbar schön, ein seltsamer Liebreiz strahlte von ihr aus, Adolf betrachtete es bereits als Wonne, mit ihr zu verkehren. Darum schob er rasch die Cigarre, die er sich eben hatte anbrennen wollen, wieder in die Tasche — um eines solchen Mädchens willen konnte er sie wohl noch einige Stunden entbehren. Ueberhaupt hatte er rasch den Entschluß gefaßt, in Gegenwart des schönen Mädchens und ihres Großvaters sich jeder Verletzung des jüdischen Religionsgesetzes, wenigstens vorläufig, zu enthalten. Wenn er sich in ihrer Gegenwart als frommer Jude geriren würde, konnte er leichter hoffen, ihr Vertrauen zu erringen. Ein fröhliches und doch halb spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, während er sich dieses Spiel vergegenwärtigte. Für die Dauer der mit der Zeit doch vielleicht langweiligen Seereise konnte das ein recht angenehmer Zeitvertreib werden. Vorläufig bot freilich die Fahrt an und für sich des Entzückenden genügend. Wie das riesige Dampfschiff so leicht dahinglitt über die spiegelblanke See, aus der der bereits sinkende Sonnenball vergoldend wiederstrahlte. Es war ein wunderbar schöner Anblick. Und wie die Sonne tiefer sank und immer tiefer, bis sie dort am Horizont unterzutauchen schien in die jetzt mehr bewegte Fluth. — Nahezu sämmtliche Passagiere des Schiffes befanden sich auf dem Verdeck, des herrlichen Schauspieles sich zu erfreuen. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MonragS und Donnerstags, ledesmal m m>nde,rens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel ja bestehen bet E. F. Klrtnarkrr, Leipzig, Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oestrrreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 ReichS-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt <Ha«Ptblatt): Leitender Artikel: Unsere Frühlingsboten. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Bielefeld. Hamburg. Dresden. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Pisek. — Italien: Rom. — Feuilleton: Waltungen. — Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Bingen. Hungen. Witten a. d.' R. Posen. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: 2mal Wien. Prag. Budapest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Kiew. — Egypten: Alexandrien. — Amerika: Trinidad. — Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition deS „Israelit" und „Jeschurun" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.