Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1890)
- Date
- 1890-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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203 „O, wie sind Sie so gütig, mein Herr. — Aber ich vermuthe, der Kapitain wird den Koffer aufgehoben haben — wir haben nämlich bereits gestern unser Gepäck herbringen lassen, nur den Handkoffer- Hat der Lohndiener erst heute hergetragen, er sollte ihn hierher aus den Sessel stellen." „Ich werde mich sofort darnach umsehen, Fräulein." Sie erwiderte nichts, aber der sonnige Blick ihrer wunderbar schönen Augen lohnte sein Versprechen. Er half dem sichtlich erschöpften alten Herrn in den Rohrlehusessel, den das junge Mädchen als für ihn bestimmt bezeichnet hatte, er sah noch, wie sie mit zärtlicher Sorgfalt unter die Füße des Alten einen Fußschemel schob und unter sein Haupt eine Schlummerrolle; dann entfernte er sich, um ihrer Weisung entsprechend, vor allem den Kapitain aufzusuchen, um sich nach dem Verbleib des erwähnten Gepäckstückes zu erkundigen. Das junge Mädchen hatte sich indeß neben ihren Großvater gesetzt und dessen eine Hand in ihre beiden Hände genommen, mit ängstlicher Besorgniß blickte sie in sein Angesicht. „Wie fühlst Du Dich, Großpapa?" „Gut, liebes Kind, — ganz gut." Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Du siehst sehr angegriffen ans — der Weg vom Hotel hierher war zu viel für Dich, namentlich da Du keinen Stock nehmen wolltest — wenn nur der Koffer erst da wäre, daß Du ein Glas Wein trinken könntest." Sie blickte voll Ungeduld um sich. „Ah! da kommt er schon!" rief sie freudig, indem sie aufsprang und dem jungen Manne, der, ihren Koffer in der Hand, auf sie zukam, entgegeneilte. „Ich weiß in der That nicht, wie ich Ihnen genügend danken kann, mein Herr, ohne Ihre Freundlichkeit hätte ich vermuthlich noch lange auf den Koffer warten müssen, und mein armer Großp apa bedarf dringend eines Stärkungsmittels." „Vielleicht könnte ich Ihnen eine Tasse Boullion besorgend — oder ein Glas Wein?" „Ich danke Ihnen, wir sind mit allem vorgesehen." Sie hatte bei diesen Worten einen kleinen silbernen Schlüssel, der an ihrer Uhrkette befestigt war, losgenestelt und den Koffer aufgeschlossen. Adolf folgte mit unverholener Bewunderung ihren anmuthigcn Bewegungen; doch er fürchtete, indiscret zu erscheinen, deßhalb verneigte er sich grüßend und entfernte sich. „Famoses Geschöpf!" flüsterte er in sich hinein, indem er sich Glück wünschte, einige Tage in ihrer Gesellschaft zubringen zu dürfen. — Aber sie kam ihm so bekannt vor, er hätte darauf schwören mögen, ihr schon einmal begegnet zu sein und dennoch war er überzeugt, daß er sie heute zum ersten Mal gesehen. — Sie mußte einer Dame ähnlich sehen, die er wiederholt gesehen hatte, und doch war er nicht im Stande, sich an diejenige zu erinnern, der sie glich. — Diese wunderbar schönen, langen, schweren, goldblonden Zöpfe und dazu diese großen, dunklen, strahlenden Augen und das goldige Geriugel, das unter dem Hut hervor auf die wie Albaster glänzende Stirn fiel — er sah das alles nicht zum ersten Mal — er hatte das sicher schon einmal gesehen, aber es hatte ihn nicht interessirt und darum vermochte er sich nicht zu erinnern, wo er dieses so überaus liebliche Ensemble bereits früher gesehen. Doch jetzt ward sein Interesse in anderer Richtung in Anspruch genommen. Der Dampfer hatte sich in Bewegung gesetzt, die mächtigen Schaufelräder begannen zu arbeiten und aus dem riesigen Schlote stiegen dunkelgraue Dampfwolken zischend empor. Vom Ufer her erscholl der Abschiedsgruß der Zurückbleibenden und ward von den Abreisendeu ans dem Schiffe durch Tücherschwenken erwidert. Mit staunenswerther Behendigkeit wand sich der schwimmende Koloß durch den Wald der Maste und Schlote der im Hafen vor Anker liegenden Schiffe und hatte sehr bald das freie Fahrwasser erreicht und glitt nun stolz dahin auf der silberhellen Fluth, in der die Sonnenstrahlen glitzernd sich brachen, vorüber an den lachenden Ufern. Trunkenen Blickes betrachtete Adolf die wunderherrliche Scenerie, nie halte er ähnliches gesehen; er war so verlieft im Schauen, daß er die eigenthümlichen Verhältnisse, unter denen er diese seine erste Seereise angctreten, wenigstens für den Moment vollständig vergessen hatte. Die liebreizende Mädchengestalt, die sich in einiger Entfernung von ihm mit fast mütterlicher Zärtlichkeit um ihren Begleiter bemühte, zog seine Aufmerksamkeit aufs Neue an und ihr Begleiter — abermals mußte er ihn an seinen Vater erinnern. Mißmuthig zog er die Stirn in Falten. Der Alte — der Alte — wenn er nur an den nicht so häufig hätte denken müssen. — Was der wohl jetzt thun mochte? — Ob er seilie Heftigkeit gegen den Sohn bereute? — Adolf zuckte die Achseln; wenn sein Vater jetzt Reue empfinden würde, sie wäre zu spät. „Alea jacta est,“ flüsterte er abermals in sich hinein, indem er sich stramm aufrichtete und sich