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Der Israelit · 1890-02-10 · Heft 12 (10.2.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 12 (10.2.1890)
Date
1890-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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200 wie der Minister von Nostitz-Wallwitz nahmen die „Leipz. Ztg." in Schutz und zwar verstteg sich der erstere zu der Aeußerung, daß er die Haltung der „Leipz. Ztg." in der Judenfrage als eine sehr maßvolle bezeichnen müsse und daß er stets beim Lesen der Zeitung den Eindruck gewonnnen habe, daß sie möglichst wenig den Parteistandpunkt hervorkehre. Wer die „Leipz. Ztg. kennt und die Aeußerung damit vergleicht, muß einen eigenartigen Begriff erhalten von dem, was man im konservativen Lager Anstand nennt. Thatsache ist es, daß die halbamtliche „Leipz. Ztg" mindestens an die „Antisem. Korresp." und andere Blätter dieses Schlages heranreicht. Der Minister von Nostowitz- Wallwitz bemerkte übrigens, daß die „Leipz. Ztg." nicht direkt als ein offizielles Blatt betrachtet werden könne, es sei ihr vielmehr seit einer Reihe von Jahren eine freiere Bewegung eingeräumt und er selbst wolle keineswegs alles vertreten, was in dem Blatt stehe. Auch der freisinnige Abgeordnete Bönisch wandte sich gegen die Haltung der „Leipz. Ztg." Der Etat des Blattes wurde schließlich mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten bewilligt. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 27. Januar. Das scandalöse Treiben einiger Bewohner von Kierling, welches seit zwei Jahren zur Sommerszeit in diesem Curorte herrschte und demselben großen Schaden gebracht hat, wurde heute wieder einmal im Gerichtssaale beleuchtet. Man erinnert sich, daß der Tapezierer und Decorateur Joseph Appel und sein Schwager Karl Lorenz, welche eine Billa in Kierling besitzen, dort am 29. Juli 1888 um 3 Uhr Morgens sich das brutale Vergnügen machten, die Fenster eines Reconvalescenten - Hauses im Nothschildhofe mit Steinen einzuwerfen, um mehrere in demselben weilende Jüdinnen zu wecken und in Schreck zu versetzen. Sie ergingen sich in den Rufen: „Hoch Schönerer! Nieder mit den Juden!" Appel erhob gegen die Patientinnen,- welche am Fenster erschienen und von denen eine herzleidend und tuberculos war, drohend den Stock und schrie, er werde sie Eine nach der Andern herausschleppen und erschlagen. Als sodann auch die Wärterin sich am Fenster einfand, forderte Appel seinen Hausmeister auf, derselben eine Ohrfeige zu geben und sie herauszuschleppen, damit er sie erschlagen könne. Joseph Appel wurde in Folge dieses Vorfalles im Dezember 1888 des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit angeklagt. Die Verhandlung ergab, daß Appel in Kierling als vorgeschrittener Antisemit bekannt und wiederholt vor den Kaufläden von Israeliten in roher Weise excedirt habe. Der Gerichtshof sprach Appel aus juristischen Erwägungen frei und überwies die Akten dem Gemeindevorstande Kierling, als der politischen Behörde, zur polizeilichen Amtshandlung. Der Vorsitzende bei der Verhandlung bemerkte nach der Verkündigung des Urtheils zu dem Freigesprochenen : „Ich möchte Sie aber warnen, damit Sie solche Sachen künftig unterlassen; es führt zu nichts Gutem." Diese Warnung hatte wenig Erfolg, vielmehr scheint die Freisprechung Appel und seine Freunde nur zur Fortsetzung ihrer Ruhestörungen aufgemuntert zu haben. Am 4. August v. I. zechten Karl Lorenz, Handlungsgesellschaster der Weiß- und Kurzwaaren- Firma „zum Mohren", Joseph Appel, der Geschäftsleiter Ferdinand Lehnhofer und der Wirthssohn Johann Mehler in dem Stadler'schen Gafthause zu Kierling bis 4 Uhr Morgens; auch der Hausmeister Johann Körbl durfte an dem Gelage theilnehmen. Sie hatten unter Lärmen, Johlen und Schmährufen gegen die Juden zehn Flaschen Weißwein und acht Flaschen Champagner consumirt. Da fiel ihnen ein, den Inhaber eines Marionetten - Theaters, der in demselben Einkehrhause Quartier genommen hatte, aus dem Schlafe zu rütteln, damit er ihnen eine Extra-Vorstellung veranstalte. Der Mann erklärte, dies nicht thun zu können, weil er sonst seine Concession verlieren würde; sie wollten ihn gleichwohl zwingen, ihren Wunsch zu ersüllen, und machten Miene, seinen Karren zu demoliren. Dem Sohne des Bedrohten gelang es endlich, durch seine Vermittlung die Zechkumpane andern Sinnes zu machen. Nunmehr veranstalteten sie einen anderen Spectakel. Sie begaben sich auf die Straße und warfen die geleerten Weinflaschen eine nach der andern auf die Dächer der gegenüber gelegenen Häuser, und jedesmal, wenn eine derselben klirrend herabsiel, riefen sie im Chor: „Ein Jud ist hin!" Während dieses wüsten Lärmens kam der Uhrmacher Süßmann Sontag des Wegs daher, um sich zum Bahnhofe zu begeben. Lehnhofer signalisirte dessen Erscheinen mit den Worten -. „Jetzt kommt ein Saujud, schlagt ihn nieder!" Auf das allgemeine Halt, mit dem diese Anzeige begrüßt wurde, suchte der arme Wanderer den unheimlichen Gesellen zu entkommen. Appel schnitt ihm den Weg ab, und er sowohl wie Körbl hielten ihn fest. Die Anderen kamen gleichfalls herbei, überhäuften ihn mitSchimpfworten und schrien: Schlagt ihn todt, muß hin werden!" Lehndorfer hielt sich hiebei mehr passiv.

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