Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1890)
- Date
- 1890-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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199 Ist auch ein Jude unter Euch?" „„Nein, es ist kein Jude unter uns."" „Ist auch wirklich kein Judenjunge unter Euch?" „„Nein, wirklich nicht."" „Also nochmals: Ihr seid alle anständig? Es ist kein Judenjunge unter Euch?" — „„Nein, es ist keiner unter uns!"" — „Na, dann kommt mal her; hier habt Ihr 3 M. und nun laßt mal Se. Maj. den Kaiser hochleben. Se. Maj. der Kaiser lebe hoch!" — Und „hoch, hoch" klang es begeistert aus den Kehlen der Gassenjungen, die sich offenbar freuten, einen so unerwarteten Wohlthäter gefunden zu haben. Inzwischen waren die Nachbarn, durch das laute Treiben des Herrn Lieutenants aufmerksam gemacht, aus ihren Häusern gekommen, um sich den Trubel anzusehen. Unter diesen Zuschauern befand sich auch ein sehr achtbarer, jüdischer Handwerker, der etwas näher hinzutrat, jedenfalls um die Persönlichkeit des Reserveoffiziers festzustellen, der seine Uniform dazu mißbrauchte, in so unerhörter Weise antisemitische Straßenhetze zu treiben. Kaum aber gewahrte Herr Dr. Klasing den neuen Ankömmling, als er auch schon in barschem Tone ihn anfährt: „Was ist das für ein Junge?" Ruhig erwidert der Gefragte, der übrigens 31 Jahre zählt: „Ich bin ein Jude!" Das ist für das christlich-germanische Gemüth des Herrn Rechtsanwalts zu viel, und im Tone tiefster Verachtung tönts von seinen Lippen, laut und niederschmetternd: „Weg mit dem Judenjungen, will keinen Judenjungen, abgeblitzt, Judenjunge!" Nach diesen geistvollen Worten verläßt Herr Dr. Klasing den Schauplatz seiner Thaten. Indessen scheint er schon am folgenden Tage durch seine Freunde davon überzeugt worden zu sein, daß sein Vorgehen doch wohl nicht ganz korrekt gewesen sei, denn er sowohl, als zwei hochgeachtete Mitglieder des Reseveoffizierkorps gaben sich die erdenklichste Mühe, die Sache beizulegen. Da Herr Dr. Klasing jedoch eine genügende Ehrenerklärung verweigerte und sich nur zu der Aeußerung bequemte, daß er den von ihm beleidigten Juden nicht habe persönlich verletzen wollen, im Gegentheil, den jüdischen Handwerker Hochhalte und nur bestimmte Kategorien der Juden verfolge; da er vor Allem sich weigerte, seinem Bedauern über den ganzen Vorgang Ausdruck zu geben und insbesondere seine gegen die Juden ausgestoßenen Beleidigungen ausdrücklich zurückzunehmen, mußten die gemachten Versöhnungsversuche natürlich scheitern, und so wird denn die Sache ihren Gang gehen. Hoffentlich wird durch ihren weiteren Verlaus dem Beleidigten sowohl, als auch den Juden überhaupt Genugthuung zu Theil werden. Hamburg. 4. Febr. In der Gemeindesynagoge Kohlhöfen fand gestern unter Bethekligung der Spitzen der deutsch-israelitischen Gemeinde eine Gedächtnißfeier für den verstorbenen Ober-Rabbiner des britischen Reiches, Dr. N. Adler, statt. In der schwarz decorirten Synagoge hatte sich ein so zahlreiches Publicum eingefunden, daß sie bereits lange vor Beginn der Trauerfeierlichkeit bis auf den letzten Platz gefüllt war. Ober-Rabbiner Hirsch hielt die Trauerrede. Derselbe machte, anknüpfend an eine talmudische Erzählung, darauf aufmerksam, wie sich in dem Verstorbenen die Bildung zweier Länder vereinigt hätte. Geboren zu Hannover, habe er seine Jugendbildung in Deutschland, dem Lande der Gelehrsamkeit und des Wissens, erhalten, während er seine volle Ausbildung erst dem freien England zu verdanken gehabt habe. Im weiteren Verlauf der ebenso formvollendeten, wie tiefdurchdachten Rede, wurde der Heimgegangene (Schwiegervater des verstorbenen Rabbiners Stern) nicht nur als großer Gelehrter, sondern auch als toleranter, edler Mensch gefeiert. Mit von Thränen unterbrochener Stimme ermahnte Ober-Rabbiner Hirsch am Schluffe die Anwesenden, sich den Verstorbenen sowohl als Mensch, wie auch als Gelehrten zum Vorbild zu nehmen. Die tiefempfundene Rede hinterließ bei allen Anwesenden einen mächtigen Eindruck und zeigte wieder einmal deutlich, wie Ober-Rabbiner Hirsch bereits während der kurzen Zeit seines Hierseins es verstanden hat, die Herzen aller seiner Gemeindemitglieder für sich zu gewinnen. Dresden, 3. Februar. Im sächsischen Landtage hat vor einigen Tagen die Berathung der Etatposition der „Leipziger Zeitung" zu einer längeren Debatte geführt. Die Abgeordneten Bebel und Liebknecht nahmen Veranlassung, den Ton und die Haltung dieses halbamtlichen Blattes in schärfster Weise zu kritisiren. Es sei geradezu schmachvoll, so führten die sozialdemokratischen Redner aus, daß ein Regierungsblatt wie die „Leipz. Ztg." in erster Linie zur Verrohung des Tones beilrage, indem es allen politischen Gegnern gegenüber mit einer seltenen Gehässigkeit und Leidenschaftlichkeit .die Ehre abzuschneiden versuche. Insbesondere wurde die einseitige gehässige Stellung getadelt, die das genannnte Blatt jederzeit in agrarischen Fragen sowie gegen die Juden eingenommen hat. Im Anschlüsse hieran sührte der Abgeordnete Liebknecht insbesondere aus, daß aller Wucher der Juden ein Kinderspiel sei gegen den Kornwucher , den die agrarische Partei in Deutschland getrieben habe. Der konservative Abg. Opitz, so-