Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1890)
- Date
- 1890-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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182 spruch einiger Aerzte wäre auch die Cholera noch nicht vollständig aus Bagdad geschwunden. Die herrschenden Krankheiten sollen — so geht die Meinung einiger Aerzte — noch bis zum Frühjahr dautzxn. Sogar noch andere epidemische Krankheiten sind zu befürchten, denn die Tobten werden noch immer in der Nähe von Bagdad auf einem Terrain beerdigt, das niedriger liegt als der Tigris, so daß die erste Ueberschwemmung diese Friedhöfe überschwemmen und eine Anzahl Leichen bloslegen kann. Wir wollen hoffen, daß diese Voraussagungen nicht in Erfüllung gehen. Die Zahl der Waisen hat in diesem Jahre enorm zugenommen, so daß Sie sich nicht wundern werden zu erfahren, daß nur sehr wenig Kinder unsere Schule besuchen. Das endlose Unglück, welches in diesem Jahr die jüdische Bevölkerung beimsuchte, hat in den Israel. Herzen wenig Begeisterung für die Schule übrig gelassen. Das Elend ist so groß, daß ich mehrere unserer Zöglinge der dritten und vierten Klasse sehe, die — seit dem Monat August verwaist — die Straßen in Lumpen gehüllt durcheilen, Zündhölzer oder Taschentücher feilbietend, um nur das tägliche Brod zu verdienen. Der Handel stockt fast ganz seit dem Monat August. Die jüdischen Händler sind durch die Krankheit und den unseligen Vorgang, von dem Sie ja wissen, derartig mitgenommen worden, daß sie alles Vertrauen verloren haben. Die Festnahme der jüdischen Notabeln und die Exzesse der muselmännischen Bevölkerung, von denen ich schon gesprochen, haben die Lage verschlimmert; die jüdischen Kaufleute fürchten die Waaren anzukanfen, die sie von außerhalb kommen lassen, und fürchten noch mehr zu verkaufen. Daher haben in Bagdad alle Waaren, selbst Zucker, Kaffee rc., sehr hohe Preise erreicht, uud das Leben wird sehr erschwert. Das Elend nimmt in erschreckender Weise zu; mehrere Familien, die sich früher im Wohlstand befand, klopfen an unserer Schule an, um von der Großmuth der Alliance eine kleine Hilfe zu erbitten. Viele sahen sich gezwungen, ihre Kleider zu verkaufen, um der Cholera zu entgehen und das Nöthigste beschaffen zu können. Wieder andere Familien sind noch beklagenswerther, denn sie können sich nicht entschließen, um Almosen zu bitten. Die Cholera war nicht nur grausam, sondern geradezu brutal, denn sie hat unzählige Familienhäupter, die einzigen Arbeitenden, hinweggerafft. Trotz der großen Leiden, die ihnen die Cholera anferlegt, hätten die Juden nicht über die daraus entstandenen großen Kosten geklagt, wenn sie bei ihrer Rückkehr nach der Stadt nicht von den Exzessen der Muhamedaner zu 'leiden gehabt hätten, und den Unruhen, bei Gelegenheit der Bestattung des Oberrabbiners. Wer weiß, was aus tausenden von Unglücklichen geworden wäre, hätte die Alliance ihnen nicht geholfen. Dank Ihren Sendungen konnten wir Tausende von Kranken von dem Tode erretten, und werden wir Hunderte von Familien, die von Allem entblößt sind, dem Elend entreißet!." Dr. Hildesheimer in Berlin hat eineSubsriptkon organisirt zu Gunsten der Jsaeliten aus der Gegend von Bagdad, die der Cholera zum Opfergefallen, und das Central-Comitö ersucht, die von ihm gesammelten Gelder zu verwenden. Bis zum 1. Januar hatte Herr Dr. Hildesheimer zu diesem Zweck bereits 42.000 Frcs. dem Central - Comitö eingesandt. Herr Dr. Frank, Rabbiner in Köln hat gleichfalls eine Collekte in seiner Gemeinde veranstaltet uud die Summe von 2,069,15 Frcs. gesammelt. Die Summen, zusammen mit dem Rest der Gaben, welche ^das Central-Comit6 im August zu dem nämlichen Zweck von verschiedenen Personen, namentlich dem Baron von Hirsch uud den Gebrüdern Rothschild empfangen, werden es ermöglichen, das Elend, welches die Cholera in Mesopotamien verursacht, zu mildern. Da die Epidemie auch zahlreiche Opfer in den Gemeinden Persiens gefordert, hat das Central-Comittz auf den Vorschlag des Herrn Dr.Hildesheimeriauch dorthin Beiträge entsandt. England. Oxford. Die Bestimmungen und der Stundenplan der Prüfungen an der Oxforder Universität für das Jahr 1890 enthalten viel iuteresssauten Stoff. Der bemerkenswerrheste Punkt von jüdischem Interesse ist eine Mittheilung unter der Bezeichnung „Besondere Anordnungen für Eandidateu des jüdischen Glaubens", wonach jüdische Candidaten, welche Religion als einen Prüfuugsgegenstand angeben, die Erlaubniß erhalten, statt eines Buches des neuen Testaments ein Buch des alten Testaments an dessen Stelle zu fetzen. Es wird den Candidaten auch Gelegenheit gegeben, ihre Kenntniß des jüdischen Textes zu zeigen, wenn sie sich vorher dazu melden. Dieses liberale Programm, welches eine liebenswürdige Concession an die Rechte der Glaubensfreiheit bildet, ist das Resultat einer Petition des „Board of Deputies“ an die Universitätsbehörden vom vergangenen März, nachdem der Rev. John Chapman erfolgreich den Weg geebnet hatte, indem er gleiche Erleichterungen bei der Cambridger Universität erlangte. Die jüdische Gemeinde kann zu diesem Resultate nur beglückwünscht werden, da es das Gewis-