Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-02-06 · Heft 11 (6.2.1890) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 11 (6.2.1890)
Date
1890-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448036--29462-2477195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

183 |en ihrer jugendlichen Mitglieder von der letzten Beschränkung befreit, welche früher bei diesen Prüfungen auf ihnen lastete. L. M. F e u i II c ton. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Recht von Herzen froh war er jedoch, als es wiederum zum Einsteigen läutete. Er drückte dem Couductcur, der ihm die Waggouthür aufschloß, ein Silberslück in die Hand und theilte ihm flüsternd mit, daß er sich leidend fühle und sehr dankbar sein würde, wenn er allein in einem Coupe bleiben könnte. Der theilnehmende Mann versprach, daß er in den nächsten Stunden nicht gestört werden sollte und schloß sofort die Thür. Erleichtert athmete Adolf ans und warf sich mit einem halblaut gemurmelten Fluch der Länge nach auf die Bank. Er verwünschte seine unzeitgeniäße Aufregung, die, wie er wähnte, seine Sicherheit hätte ' gefährden können. Und dennoch hatte er thatsächlkch nicht das Mindeste zu befürchten. Das sagte er schließlich auch sich selbst und verwünschte nun ebenso wie seine Aufregung auch seine Furcht und hatte nicht übel Lust, das Fenster zu öffnen und dem Eouducteur zuzurufen, er habe sich anders besonnen, es wäre ihm zu langweilig allein im Coupee. Aber der Zug hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt, und überdies er wäre sich allzu lächerlich erschienen. „Genug der Dummheiten für heute — mehr als genug", sagte er verdrießlich lachend, indem er sich auf's Neue zurückwarf. „Wenn ich nur schlafen könnte — ein Königreich für einige Stunden erquickenden Schlaf!" Aber der Schlaf floh ihn, vergebens schloß er die Augen. „Verflucht!" rief er, „es beginnt bereits zu tagen und ich habe noch nicht einmal angefangen zu schlafen." Ingrimmig sprang er auf und zog die Vorhänge vor die Fenster, damit die Strahlen der ausgehenden Sonne nicht zu ihm dringen könnten, dann warf er sich in eine Ecke des Coup6e's, zog eine Reisekoppe bis über die Ohren und schloß abermals die Augen. Und nun endlich, endlich fand er den so heiß ersehnten Schlaf. Aber er war nicht erquickend, wie er ihn erhofft hatte. — Der Traumgott führte ihn zurück in die Heimath, in das Comptoir seines Vaters. — Er sah seinen Vater den Cassaschrank öffnen und hörte dessen Schreckensruf, als er entdeckte, daß man ihn beraubt. — Er sah, wie jedes Haar des vorzeitig ergrauten Mannes sich auf dessen Haupte emporrichtete, er sah ihn die knochigen, faltigen Hände ringen und hörte seine ersterbende Stimme murmeln: „Das hat mein Sohn mir gethan! — mein Sohn! — Fluch ihm!" Adolf stieß einen gellenden Schrei aus und sprang auf. Vollständig verwirrt blickte er um sich, er vermochte sich nicht sofort zn erinnern, wo er sich befand. — Doch das laute Rasseln der dahinrollenden Wagen ließ es ihn bald erkennen. Er fuhr sich mit der Hand über die von tal* tem Schweiß bedeckte Stirn und athmete tief auf' „Was bin ich doch für ein entsetzlicher Narr! —" und er versuchte über sich selbst zu lachen — aber es war mehr ein Grinsen — „augenblicklich hat der Alte doch noch keine Ahnung — und wenn er sie hätte — wenn er heute Abends oder morgen die ihm freilich unangenehme Entdeckung machen wird — ob er mir fluchen wird? — Pah! — und wenn — ein Fluch ist ein Wort, das der Lufthauch verweht. —" Und trotzdem war es ihm, als fühle er, wie jedes Haar auf seinem Haupte sich sträubte. „Man sagt, der Eltern Fluch habe Kraft. — Possen! — Aberglauben! — Hirngespinst! —Ich bin ein Narr! — ein entsetzlicher Narr! — und überdies — ist's denn meine Schuld, daß es so weit gekommen? — als aufgeklärter, gebildeter Mann konnte ich mir eine derartige fanatische Bevormundung nicht mehr gefallen lassen. — Freilich, wenn ich mich an meine schöne Stiefmutter gewandt hätte — sie hat mir schon häufig das Wort geredet — und der Alte gibt viel auf ihr Wort — wenn sie sich in's Mittel gelegt hätte — wer weiß —" Unsinn! — zu überlegen, was man hätte thkönnen, ist eine müssige Sache — mit den geg veucu Factoren muß man rechnen — alea jacta est! — habe mein Latein doch noch nicht ganz vergessen." Er lachte gezwungen, zog dann mit rascher Hand die Vorhänge wieder zurück und ließ das Fenster hinunter. Es war bereits heller Tag, die Strahlen der Sonne trafen blendend sein Auge, aber sie schienen die unangenehmen Gedanken ihm zu verscheuchen. Er lehnte in dem geöffneten Fenster und schien nlit Behagen die erfrischende Morgenluft einzuathmen. „Der Herr ist bereits hergestellt?" fragte der Condncteur, als der Zug an der nächsten Station hielt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.