Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 10 (3.2.1890)
- Date
- 1890-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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16Ö lich auf die Telegraphenstangen — und wider seinen Willen mußte er sich vergegenwärtigen, daß sein Vater, sobald er den an ihm begangenen Raub gewahr würde, den Räuber durch den Telegraphen verfolgen laffen könne. „Unsinn! Unsinn! Unsinn! morgen ist Sabbat, morgen am Tage wird der Vater das Comptoir nicht betreten, und am Abend —" Er kicherte vergnügt in sich hinein. Wahrscheinlich war es nicht, daß der Raub morgen Abend entdeckt werden würde — aber selbst wenn dieses der Fall wäre. — Vor Tagesanbruch hatte er die Grenze erreicht, dort wollte er Billet nehmen bis zur nächsten Hafenstadt, bis nach Bremerhafen, das er bis morgen Mittag erreicht haben konnte. — Das erste beste Schiff, das in die See stechen würde wollte er benützen — bevor sein Vater den Raub entdeckt haben würde und bevor er sich entschließen würde, den Sohn verfolgen zu lassen, befand sich dieser längst auf hoher See, hatte vielleicht Europa schon im Rücken. Er Hatte nichts zu fürchten, nicht das Mindeste. Wenn er nur nicht so 'n verdammt gutherziger Kerl gewesen wäre, daß die Verlegenheit, in die sein Vater gerathen mußte, ihm doch zu Herzen ging. Possen! — was kümmerte das ihn? — Der Alte war selbst Schuld daran, mochte er.nun essen, was er sich etngebrockt hatte. Endlich schien der Schlaf ihn dennoch überwältigt zu haben, seine Augen blieben einige Minuten geschloffen, da ertönte ein schrilles, langgedehntcs Pfeifen, die Wagen rollten langsamer, der Zug hielt, die Grenzstation war erreicht. Die Conducteure rissen die Thüren auf und riefen den Reisenden zu, die Coupöes zu verlassen; auch Adolf mußte dieser Aufforderung Nachkommen. Langsam erhob er sich, nahm den kleinen Handkoffer herunter und wandte sich zögernd dem Ausgange zu. Eine unnennbare Angst hatte sich seiner bemächtigt, jetzt, wo er sich anschickte, die Einsamkeit seines Coupöe's zu verlassen und sich unter Menschen zu begeben. Wie, wenn er nun abermals einen Bekannten treffen würde, jetzt, wo er im Begriffe war, eine Karte bis zur Hafenstadt zu nehmen? — Daß er nöthigen Falls die Karte nur für wenige Stationen hätte erlangen können, das kam ihm in seiner Aufregung nicht in den Sinn. — Der Schweiß war ihm auf die Stirn getreten und dennoch fröstelte ihn derart, daß seine Zähne aneinanderschlugen. Er zog den Kragen seines Ueberrockes in die Höhe und drückte den Hut tiefer in die Stirn. Das verlieh ihm eine Art von Sicherheit und raschen Schrittes schritt er der Kasse zu. — Doch die Sprache drohte ihm zu versagen als er das Ziel seiner Eisenbahnfahrt nennen wollte. „Wohin wünschen Sie ein Billet?" fragte der Cassier, der das halblaut geflüsterte Wort nicht verstanden hatte. „Rach Bremerhafen", stieß er mit Anstrengung hervor, dann aber schien ihn ein heftiger Hustenreiz überfallen zu haben, daß die Umstehenden ihn mitleidig betrachteten. „Der Herr scheint sich erkältet zu haben", sagte eine alte Dame, indem sie voll Theilnahme zn ihm trat, „ein Glas warme Milch oder einige rohe Eier wären vielleicht in der Restauration hier zu haben, wenn der Herr es wünscht, werde ich mich erkundigen." Er nickte ihr dankend zu und bat flüsternd, sie möge sich nicht bemühen, doch werde er ihren Rath befolgen. — Und er befolgte ihn in Wirklichkeit, denn er fürchtete, durch seine Aufregung sich verdächtig machen zu können, darum spielte er die Rolle des Brustleidenden mit ziemlichem Geschick zu Ende.(Fortsetzung folgt.) „JSraeUr- und „Jrschiuun" er>cyenu woHeiuurh zweimal, Monrags und Donnerstags, [CDesmai tu uunoeiiens z Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel tubtjUljtn bet G. F. Strinackrr, Leipzig« Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. —Oestirreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Israels heilige Bestimmung. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Wassertrüdingen. Berlin. Posen. Märk. Friedland. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: 3mal Wien. — Boskowitz. Pesth. Triest. — Italien: Rom. — Frankreich: Paris. — England: 2mal London. — Feuilleton: Waltungen. — Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Graz. Budapest. Eisenstadt. — Frankreich: Paris. — England: 2mal London. — Verantwortliche Redaction: Di*. Lehmann in Mainz. — Expedition deS „JSraelit* und „Jeschurun" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.